Valentina Knežević „VOICEOVER I“ – Notiz von Muriel Meyer

How does it feel to kill a human?
Valentina Knežević – VOICEOVER I

Das Video VOICEOVER I als Einzelinstallation in der gleichnamigen Ausstellung von Valentina Knežević zieht in den Bann. Es erzählt die Geschichte eines Soldaten, wie es die Geschichte eines jeden Menschen sein könnte, der sich dazu verpflichtet oder berufen wird, Menschen zu töten. Nichts anderes meint die Bezeichnung Berufssoldat*in im Ernstfall, im Kriegsfall. Es gelingt nicht, die Geschichte als konkret und linear zu begreifen. Das wird sofort klar. They say fear is weakness, so beginnt die Sequenz mit der hypnotischen Stimme des Off-Textes. Sie trainieren dich dazu zu ignorieren, sodass die Angst nicht existiert. Die Gedanken möchten sich beim Betrachten sammeln, was durch die beklemmende Stimme samt Stimmung verhindert wird. Zwar will es den Gedanken nicht gelingen sich sprachlich zu formulieren, doch sie übertragen sich körperlich auf dich, die Betrachter*in. Während diesem Video denkst du nicht, du fühlst. Es wäre Verrat, sobald du auch nur einen Anflug von Angst spürst oder diese aussprichst. Den Gedanken weitergesponnen, dass wenn die Angst menschlich ist und es dir genommen wird, Angst du verspüren, wie fühlt es sich an einen Menschen zu töten? Ein verschwommenes Bild von Weiß wird zur ersten Sequenz eingeblendet, wie durch Nebel ist eine Raumecke zu erkennen. Die Kamera fährt nach unten bis die zentrale Person des Videos, ein Mann, erscheint. Ein ausdrucksstarker Mann, dessen Muskulosität, graue Haare und Glatze auf ein mittleres Alter schließen lassen. Das Gesicht wird durch den Kameraschnitt in zwei Teile geschnitten, nur das linke der beiden glasklaren blauen Augen ist zu sehen. Es schaut nicht direkt in die Kamera, ebenso bleibt das sehr helle Bild leicht verschwommen. Es folgt das Sprachbild eines Flusses, es ist nicht nur ein Bild, er existiert auch real. Es ist nicht einer dieser kleinen schmalen Flüsse, es ist einer dieser großen Ströme, die dich mitreißen, so schnell, dass du meinst zu stürzen. Sein Sound ist klar und massiv. They know that you are here. Inzwischen sitzt der Mann, dessen Füße zuvor barfuß in der Halbtotale rückwärtsliefen, auf einem quadratischen Geländer. Über seine Schulter blickend ergibt sich eine Doppelung der zwei darunterliegenden Stockwerke, von denen jeweils der gekachelte Boden im quadratischen Muster ein Raster formt. Während das Voiceover beschreibt, dass du dich (gegen-)über einem Gitter befindest. Für einen kurzen Augenblick vermischen sich Bild und Sprache. Ansonsten spielt sich der Sprachraum außerhalb dessen was wir sehen im fiktiven Einsatz ab, der Bildraum hingegen, drinnen in einer klaren minimalistischen Architektur. Wer die Städelschule in Frankfurt kennt, erkennt die Räume verfremdet wieder, noch nie wirkten sie derart klar. Wer sie nicht erkennt, das ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass du hier sitzt mit diesem Menschen auf der Reling, der in dieser Geschichte hier bereits seit Monaten sitzt, wartet und beobachtet.

Das fahle Licht, fast wirkt das Bild so künstlich, als ob es ein CGI (Computer Generated Imagery) sei. Wie als ob du in diesem Augenblick am Computer sitzt und simulierst, Menschen zu töten. Zwischendrin gibt es immer wieder Close-Ups, die dich seltsam nah an den Mann führen, ihn fast berühren. Die Kamera taxiert seinen muskulösen, behaarten Arm vor der postklassizistischen Sandsteinsäule ab. Nothing can touch you, hallt die Stimme des Voiceovers nach und genau das Gegenteil passiert: Let’s face it fear has always been here. Zu Beginn des Videos wirst du vorbereitet, es herrscht Stille, nichts außer der Stimme, die dich hypnotisiert. Du wirst trainiert, erst einmal wirkt Bewegungslosigkeit, schließlich beginnen die Tanzbewegungen langsam. Aber, irgendwann nützt dir jede Vorbereitung nichts mehr. Die minimalistische Musik tritt ebenso sachte und leise hinzu, sodass du nicht mehr weißt, ab wann sie plötzlich da war. Slowly you realize you are not your own master. Die Zeiten vermischen sich, die Zeiten in denen der Soldat tötet, immer wieder, taub war, die Kamera dreht sich. Der Raum dreht sich. Dann die entscheidende Frage: How does it feel to kill a human? Sie bereiten dich niemals darauf vor. Sie bereiten dich auch nicht darauf vor die Armee zu verlassen. Dies ist der letzte Satz. Der Satz durch den spätestens klar wird, die Geschichte befindet sich längst hinter uns, längst in uns. Die letzten dreieinhalb Minuten des siebenminütigen Films sind dem Körper, seiner Bewegung und Ästhetik gewidmet. Ein Trauma wirkt nicht nur in der Erinnerung, es ist körperlich abgespeichert. Neuronal prägen sich unsere Erfahrungen ein, sie können selbst unseren genetischen Code verändern. Die Bewegungen beginnen zwanghaft und mechanisch, später schweben sie, krümmen sich, steigern sich, sperren sich, befreien sich, quälen sich, schützen sich und zum Schluss ergeben sie sich.

In der zur Ausstellung erschienenen Publikation vermittelt ein Interview zwischen der Kuratorin Adela Demetja und der Künstlerin Valentina Knežević den Prozess sowie die Motivation der Arbeit. Knežević interviewte für ihre Arbeit Soldat*innen aus Deutschland, Groß-Britannien, Kroatien, Israel, Russland, Serbien und den USA. Der Tänzer Noam Carmeli diente jahrelang der IDF in Israel. Vivien Trommer analysiert in ihrem Publikationsbeitrag „Eine neue Ethik des Sehens“ zur Arbeit if and of any (2017) Knežević Vermögen, Empathie hervorzurufen in Bezug zu diffizilen Themen, die es ihr gelingt, ästhetisch umzusetzen.

*Die kursiv gesetzten Textpassagen sind dem Voiceover Text der Arbeit entnommen und teilweise ins Deutsche übersetzt.

Text: Muriel Meyer

 

VOICEOVER I, 2017, video still

Installationsansicht VOICEOVER I, 2017

VOICEOVER I, 2017, video still

VOICEOVER I, 2017, video still

VOICEOVER I, 2017, video still

VOICEOVER I, 2017, video still

VOICEOVER I, 2017, video still

VOICEOVER I, 2017, video still

VOICEOVER I, 2017, video still

VOICEOVER I, 2017, Publikation Foto & Design: Ksenija Jovišević

Installationsansicht VOICEOVER I, 2017

VOICEOVER I, 2017, video still

 

Alle Fotos © Valentina Knežević

Valentina Knežević – VOICEOVER I
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07. November – 9. Dezember 2017