VICTORY LAND – Ein Rückblick von Silke Weber

‚Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild.‘
(Caspar David Friedrich)

‚Something lingers in me until I have to remake it from memory to capture why it fascinates me‘
(Jeff Wall)

 

Die Serie ‚Victory Land‘ choreografiert foto-dokumentarisches Material über eine Reise von den Ost-Staaten zu den West-Staaten Amerikas im Jahr 2015. Dieser Satz gefolgt von einer Auflistung der auf der Route durchquerten Staaten, welche die Settings der Fotografien bilden, ist alles was wir von Philipp Jester an verbalem Zusatz zu seiner Arbeit an die Hand bekommen. Eine klare Beschreibung der Dinge, sachlich, nüchtern und präzise. Diese Präzision findet man schnell auch auf technischer Ebene in den einzelnen Arbeiten der Serie wieder. Die Zuschreibung einer rein dokumentierenden Funktion wird den Fotografien von ‚Victory Land‘ allerdings kaum gerecht. Vielmehr zeichnen sie mit dem Mittel der Dokumentation ein Portrait einer Nostalgie, die mit den Vereinigten Staaten assoziiert wird. Victory Land. Die Bedeutung der historischen Erfahrung des Sieges spiegelt sich auf disparaten Ebenen in den Fotografien wieder. Das Portrait einer stolzen Supermacht bekommt in der direkten Konfrontation mit ihrem realistischen Abbild einen melancholischen Beigeschmack. Jester spielt mit diesen Brüchen. Eine der Arbeiten zeigt repräsentativ und zentral das ‚Weiße Haus‘. Doch der eigentliche Mittelpunkt des Bildes bildet ein hoher Absperrungszaun der den Park um das Weiße Haus vor den Touristen und unerwünschten Besuchern abgrenzt. Entlang des Zauns drängen sich Menschen welche einen Blick oder ein Foto des massenhaft durch die Medien verbreiteten und symbolträchtigen Objekts zu ergattern hoffen. Man folgt den Blicken der Betrachter im Bild. Doch die Fokussierung des Symbolobjekts wird immer wieder unterbrochen durch die Anwesenheit der Beobachter. Die Erfahrung des Symbolhaften wird gestört. Durch die Fokussierung der Betrachter im Bild wird das Symbolobjekt zum Symbol degradiert oder befreit.

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-17

Maryland

Eine andere Arbeit wird auf ihrer ganzen Bildfläche von dem Thema der Romantik belagert. Ein einsamer Mann steht am Ufer des in endloser Weite verschwimmenden Meeres. Er schaut aufs Meer. Wir schauen ihm über die Schulter. Sofort kommen einem Assoziation wie Casper David Friedrichs Mönch am Meer. Was zusätzlich durch die malerische Qualität der Arbeit begünstigt wird. Aber im Gegensatz zu dem romantischen Gemälde will es hier nicht so richtig gelingen sich im Blick über die Schulter des Mannes zu verlieren. Die, konträr zur romantischen Unschärfe, scharf konturierte Gestalt, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die Erscheinung dieser Person steht scheinbar im Kontrast zur konventionellen Ikonografie der Romantik. Bei genauer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die 200 Jahre auf der Zeitachse kaum eine Rolle spielen. Zwar sucht der in jungen, von der Kappe bis zu den Schuhen schwarzen Oversize-Klamotten Gehüllte nicht zwangsläufig gerade die Offenbarung Gottes in der Natur, aber vor der schroffen und raumgreifenden Landschaft, zentral platziert, dient das Setting auch hier als Allegorie für Begriffe, welche eine Suche nach der Verortung der Menschen Amerikas beschreiben und von Einsamkeit und Verlorenheit durch soziale Benachteiligung bis zur Schönheit des unendlich weiten ‚Marlboro Country‘ reichen.

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-16

New Jersey

Philipp Jester hinterfragt in ‚Victory Land‘ den unreflektierten Umgang mit den alltäglichen visuellen Botschaften durch die Auseinandersetzung mit symbolhaft aufgeladenen Bildern, deren politische oder soziale Konnotationen, in ihrer medialen Verbreitung, oftmals als Strategie der Emotionsübertragung eingesetzt werden. Doch der hier aufscheinende medienkritische Ansatz ist nicht frei von einer Faszination für die Wirkungsmacht dieser konnotierten Botschaften. Theoretischer Unterbau dieses Ansatzes sind unter anderem die Texte Jeff Walls über seine kinematografischen Nachstellungen von Erinnerungsbildern. Es sind durch die Medien vermittelte Suggestionsbilder, welche nicht mehr von den eigenen Wirklichkeitsvorstellungen der Dinge zu unterscheiden sind. Das Thema der Erinnerungsbilder beschäftigt Philipp Jester bereits in einer früheren Arbeit. Die unvollendete Serie „Auf der Suche nach Amerika“ von 2008 zeigt auf pointierte und humoristische Weise wie sich Erinnerungsbilder längst in unseren Köpfen eingenistet haben. Dieses erste Portrait der amerikanischen Staaten wurde ausschließlich nicht in Amerika und vor der ersten USA-Reise des Fotografen aufgenommen. Das heißt die Bilder wurden komplett auf der Grundlage von Assoziationen mit den Vereinigten Staaten generiert. In der Serie ‚Victory Land‘ treffen diese visualisierten ‚Erinnerungen‘ auf die dokumentierte Realität des Landes. Es kommt zum Clash zwischen Suggestion, Assoziation und Realität. Wie um diesen Clash zu betonen, treffen in Jesters Arbeiten suggestive und realistische Ausdrucksmittel aufeinander und erzeugen so eine, herkömmliche Sehgewohnheiten aufbrechende, Ästhetik. Es entsteht das Gefühl eines romantischen Unbehagens.

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-4

New Jersey

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-11

Nevada /Arizona

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-18

Nevada

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-10

New York

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-2

New York

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-3

New York

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-12

New York

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-13

New York

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-14

New York

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-15

New York

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-19

Louisiana

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-6

Louisiana

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-20

Texas

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-22

Texas

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-21

California

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-8

California

©BfF, Philipp Jester_VICTORY LAND I-23

California

 

Text: Silke Weber

Alle Fotos: © Philipp Jester

Philipp Jester lebt und arbeitet als Fotograf und Art Director in Berlin.

Victory Land wird im Rahmen der Ausstellung ‚Fortgeschrieben‘ im Kunstverein Mannheim e.V. gezeigt.
04. Dezember 2016 – 17 Januar 2017