Warren Neidich, Color of Politics, The Statisticon Neon – Rückblick von Anna Gien

Comet Ping Pong.
Pizzagate.
Marina Abramović.
Barack Obama.

Die Worte lösen sich in stechend grellen Neonschriftzügen aus einer im Raum schwebenden Wolke aus Verknüpfungen und Verweisen. Bei dem Versuch, die Installation zu umkreisen und einzelne Querverbindungen zu identifizieren, stellen sich immer wieder neue Begriffe in den Weg, verschränken sich zu Wortamalgamen, überschreiben sich, entziehen sich und drängen sich gleichzeitig auf – ein buntes Gefüge schreiender Schriftbildlichkeit.

Die Brutstätte dieses Begriffskonglomerats, das mit Warren Neidichs Installation Pizzagate (2017) so apodiktisch in den Ausstellungsraum platziert wird, sind die Ereignisse rund um die gleichnamige Verschwörungstheorie, die 2016 im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf kursierte. Was mit Gerüchten über einen Kinderpornoring, der angeblich im Keller einer Pizzeria in Washington D.C. agiere, und in den auch Hilary Clinton verwickelt sei, begann (verbreitet wurden diese Thesen hauptsächlich über Reddit und 4chan), mündete in einem bewaffneten Überfall des besagten Restaurants durch den ehemaligen Feuerwehrmann Edgar Welch. Obwohl, glücklicherweise, niemand zu Schaden kam und der ganzen Sache zugegebenermaßen etwas humoristisches anhaftet (in der Pizzeria gab es nicht mal einen Keller), zeigten sich in diesem Ereignis die drastischen Rückkopplungseffekte alternativer Fakten, die so unverhofft und grobschlächtig in Handlung übersetzt wurden.

Pizzagate (2017)

Pizzagate (2017)

Die Installation ist Teil der Einzelausstellung Color of Politics des amerikanischen Künstlers Warren Neidich, die noch bis Ende Juni im Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz gezeigt wird. Sie könnte als Verdichtung einer Thematik begriffen werden, mit der Neidich sich seit Beginn seiner Karriere auseinandersetzt. Der 1958 in den USA geborene Künstler arbeitet bereits seit vielen Jahren zu dem weit gefächerten Gegenstand, den er selbst mit den Begriffen „Neuroaesthetics“ bzw. „Neurobiopolitics“ beschreibt. Unter diesem Aspekt fasst Neidich eine Vielzahl von künstlerischen und diskursiven Annäherungen an kognitive, kreative und affektive Arbeit, Affektmanipulation und Wissensökonomie.
Der seit einigen Jahren in Berlin lebende Künstler schreibt sich mit seiner Praxis in einen bestehenden Diskurs ein, der international als Kognitiver Kapitalismus diskutiert wird und der Auseinandersetzungen mit Kreativität, Erfindungskraft und Wissen angesichts gegenwärtiger Produktionsweisen betrifft. Mit The Psychopathologies of Cognitive Capitalism Part Three erscheint voraussichtlich Ende des Jahres bereits der dritte Sammelband dieser Reihe, deren Herausgeber Neidich ist. Für die beiden ersten Teile der Publikationsserie, die bei Archive Books erschienen sind, brachte er gegenwärtige Positionen wie Franco „Bifo“ Berardi, Maurizio Lazzarato und Yann Moulier-Boutang zusammen, die die Parameter dieser neuen Ökonomie untersuchen, unter anderem im Hinblick auf den von Neidich geforderten neuen Materialismus des Gehirns.

Neidich, der selbst Neurowissenschaften studierte, interessiert vor allem die Frage nach der Handlungsfähigkeit, die sich im Kontext einer vollständigen Datifizierung und des Internet of Everything stellt, und verhandelt diese in der Perspektive auf die Bedingungen von Wahrnehmung, kognitiver Arbeit und Neuromacht. Ein Konzept, das sich durch Neidichs Arbeit zieht, und für die von ihm artikulierten Gedanken zum Materialismus wesentlich ist, ist der ursprünglich von Catherine Malabou geprägte Begriff der Neuroplastizität: Die Veränderung der körperlichen Bedingungen, unter denen kognitive Prozesse stattfinden, wirken sich nicht nur auf die psycho-kognitive Aktivität, sondern auch auf ihr neurologisches Substrat aus. Die Modi, durch die unser Gehirn wahrnimmt, formt, und die Prämissen seiner eigenen Erfahrung selbst konstituiert, sind für die Frage nach politischer Agency und Emanzipation zentral. Sind unsere Gehirne flexible und gefügige Verwahrungsorte der formenden Kräfte institutioneller Regime und politischer Machtverhältnisse oder können wir diese Kräfte nutzen um utopisches Potential zu entwickeln und Realitäten zu kreieren, welches die emanzipatorischen Kräfte unserer kognitiven Aktivität wirksam werden lässt?

Dass das Ganze auch Ausgangspunkt einer vielgestaltigen, künstlerischen Praxis sein kann, ist angesichts der Zusammenhänge von künstlerischer Handlungsfähigkeit, den Politiken der Form, der Performativität von Wahrnehmungsprozessen und Ästhetik, einleuchtend und schlägt sich in Neidichs Arbeit nieder. Das beißende Neon, die Techniken der Colportage und das Spiel aus Plakativität und Uneindeutigkeit zeichnen vor allem Neidichs jüngere Arbeiten aus und erinnern an die dunkle Pop Art des Sunset Strip der 80er und 90er Jahre. Farbe wird hierbei zu mehr als einem Stilmerkmal oder einer Konnotation, die Materialität ist Ausgangspunkt einer Annäherung an die von Neidich formulierten Fragen nach den Regimen des Infotainments und der Fake News.
The Statisticon Neon (2017) ist die zweite, großflächige Neoninstallation der Ausstellung, die formal auf Joseph Beuys’ monumentale Installation Das Kapital Raum 1970-1977 verweist, und vierzig Jahre nach Beuys einen Versuch der Übertragung dieses Mappings der Beziehungen zwischen Kunst und Gesellschaft auf die zeitgenössischen Verwicklungen von Internet, Arbeit und Kapital unternimmt. Die Arbeiten Double Jeopardy und The Archive of False Accusations (beide 2017) verweisen auf die Deregulation von Farbe, die, ähnlich wie Geld und Sprache gewissen Abkopplungsprozessen in Hinblick auf Form und Bedeutung unterzogen worden ist. Neidich macht gerade diesen Aspekt produktiv und verweist auf den Vehikelcharakter von Farbe, die emanzipatorisches Potential, politische Intrigen und Widerstand gegen institutionelle Normierungsprozesse gleichermaßen transportieren kann. Die Arbeiten verbleiben hier im ständigen Oszillieren zwischen spielerischem Gestus, experimenteller Rezeption und erschütternder Unmissverständlichkeit. Die von Susanne Prinz kuratierte Ausstellung des Kunstvereins am Rosa-Luxemburg-Platz schafft den Rahmen eines klar gesetzten Narrativ, das der Besucher*in den Einstieg in dieses extensive, diskursive Feld sowie in Neidichs sprudelndes und umfassendes Oeuvre erleichtert, und lässt dabei den Raum für die zahlreichen Querverweise und Interferenzen offen.

The Statisticon Neon (2017)

Installation view

Ein unverhofftes Fortführen der Schaltkreise verlagert sich dank der kognitiven Arbeit der fleißigen Kulturkonsument*innen auch in die sozialen Netzwerke: Neben von gigantesken Pizzastücken bedeckten Frauenkörpern, Hilary Clinton im Face Swap mit Pepe the Frog und den Dokumentationen prä-interventionistischen Posens Mr. Welchs, reihen sich nun auch die den ekstatischen Strömen des Gallery Weekends entsprungenen Aufnahmen der Installation, verschlagwortet auf Instagram: #Pizzagate.

Text: Anna Gien

Kunstverein am Rosa–Luxemburg–Platz
Warren Neidich
Color of Politics – The Statisticon Neon
Color of Politics 28.4.–24.6.17
The Statisticon Neon 28.4.–19.8.17*