Wenn aus Erinnerung Form wird – Bertrand Flanet „Colorful Maladies“

Erinnerungen, vor allem diejenigen an Zeiten, die schon lange zurückliegen, sind manchmal wie Träume, zusammengesetzt aus einzelnen Bildern, durchsetzt von nebligen Grauzonen und dunklen Lücken. Im Akt des Erinnerns prallen Vergangenheit und Zukunft aufeinander. Weit Entferntes wird im Jetzt auf- und abgewertet. Teenage-Dramen werden zu Seifenopern, die Monster unserer Kindheit zu Karikaturen. In einer Archäologie des Selbst versetzen wir uns zurück und graben tiefer. Doch, anstatt eine ursprüngliche Form freizulegen, legt sich die Erinnerung Schicht um Schicht auf das vergangene Ereignis und erschafft sich ihre eigene, neue Form. 

In einem Akt der Dekonstruktion entwirft Bertrand Flanet in seiner Ausstellung „Colorful Maladies“ einen assoziativen Raum, der uns in die Unwirklichkeit unserer Erinnerungen und Erzählungen führt. Die Video-Arbeit „Exhibitions“ (2018) beginnt in einem engen Korridor, an dessen Seitenwänden Pissoirs im Spalier aufgereiht sind. Das Geräusch eines aufheulenden Motors suggeriert eine Fahrt auf dem Motorrad zwischen ihnen hindurch. Schnell lässt die Kamera sie hinter sich. Ist das ein Wink in Richtung von Marcel Duchamp? Wenn ja, wirkt die Geste fast schon aufsässig, machohaft. Die immer wiederkehrende Referenz wird zum Klischee und damit beliebig. Jetzt ist sie wieder das was sie ist: ein eher unappetitliches WC-Mobiliar. 

Danach verlangsamt sich die Kamera-Fahrt und taumelt unstet durch die schwach beleuchteten Gänge eines Wohnhauses. Hier wohnen ein Paar Kräheneltern mit ihren Kindern, die wir im Bad beobachten können. Sie stolpern wie betrunken in der Badewanne, verlieren beim Putzen ihre Zähne. In demselben Gang, durch den wir gerade gekommen sind, ist die spärliche, aber teuer aussehende Einrichtung verwüstet, umgefallene Lampen und Bilderrahmen, umgeworfene Möbel und Schubladen, die aus den Angeln hängen, lassen an eine handgreifliche Auseinandersetzung denken. Eine der Krähen hackt sich beim Gemüseschneiden die Finger/Federn ab. Das Essen im Ofen verbrennt, die drei Raben-Kinder schauen unglücklich. Cartoon-Charaktere bluten nicht, haben keine Schmerzen. Der Anblick der traurigen, hungrigen Vogel-Babies ist dennoch herzerweichend. Wir sind hin- und hergerissen zwischen Neugier und Unbehagen, Komik und Tragik. 

Eins der Pissoirs hat sich selbstständig gemacht und blinzelt durch einen Türspalt, wie ein aufdringlicher Nachbar. Dabei ertappt, verschwindet es hinter der knallenden Tür. Wie in einem Loop schwebt und stolpert die Kamera wieder und wieder durch den gleichen Gang, während sich die in den Zimmern stattfindenden Szenen ins Dramatische steigern, bis hin zu einem vermeintlichen Suizid der ganzen Krähenfamilie. Die kindlich-vertraute Erzählform des Animationsfilms wird an den Abgrund getrieben, erzählt eine Geschichte über asoziales, monströses Verhalten, bruchstückhaft, wie in einem Alptraum oder einer immer wiederkehrenden schlimmen Erinnerung. Durch die Cartoon-Ästhetik steigert Bertrand Flanet die Drastik dessen, was oft ungesehen und unausgesprochen bleibt. 

Doch, so hat man den Eindruck, geht es hier weniger um Sozialkritik als um Fragen der Wahrnehmung und Formgebung; weniger um das, was wir hier beobachten als darum, was gesagt und was ausgespart wird, woran wir uns erinnern und was wir lieber ausblenden. Auch die vermeintliche Referenz zu Marcel Duchamp erscheint vor diesem Hintergrund in einem anderen Licht. Wie die wiederholte Erzählung sich zur kollektiven Erinnerung und zu einem imperativen Kanon verfestigt, zeigt sich nun umso deutlicher. 

Besonders interessant werden diese Fragen, wenn wir uns nicht mehr selbst erinnern können, sondern historische Zusammenhänge rekonstruieren müssen. 3-D Modelle von Dinosauriern aus Balsaholz zum Selbstbasteln imitiert Flanet in den Collagen „Colorful Maladies“ und entwirft eigene Spezies, die in ihre Einzelteile zerlegt, vom Betrachter gedanklich zusammengesetzt werden müssen. Fakten und Fiktion durchdringen sich gerade auf dem Gebiet der Paläontologie, wenn Skelette freigelegt und rekonstruiert werden können, Dinosaurier in Sachbüchern dann jedoch zur Veranschaulichung fantasievoll und in bunten Farben illustriert werden. So vertraut wie diese Kreaturen uns sind, so weit entfernt sind sie doch von jeglicher Realität. Wie Cartoon-Figuren sind sie Geschöpfe unseres eigenen Geistes. Und hier landen wir wieder am Anfang unserer Geschichte, der wir selbst erst unsere ganz eigene Form geben. 

Text: Nelly Gawellek

Mélange, Köln
11.10.-03.11.2018
www.megamelange.com