Ying Colloseum im Blackland

„The space we will occupy is Blackland (a Heavy Metal Bar)“, lautet die Ankündigung in der Facebook-Veranstaltung für die Ausstellung „Late Night Lullaby“, die von Ying Colloseum ausgerichtet wird. Es ist „Vol.3“, der initiierten Ausstellungsserie. 21 KünstlerInnen sind beteiligt. Die Ausstellungsdauer beträgt einen Abend.

Fast wie ein Manifest liest sich das von den KünstlerInnen verfasste einseitige Papier, welches Grundregeln der Herangehensweise von Ying Colloseum beschreibt. So ist es Ritual, sich in der Ringbahn Berlins zu treffen, um mögliche Orte und Ausstellungsinhalte zu verhandeln. Dafür bleiben 70 Minuten – die Umrundung der Innenstadt Berlins.
Eine Stunde vor Ausstellungsbeginn wird installiert, jede KünstlerIn ist für die eigene Arbeit verantwortlich. Ying Colloseum möchte kein geschlossenes Kollektiv sein, wer partizipiert, darf für die folgende Ausstellung KünstlerInnen einladen, ähnlich einer Erbfolge.

Die Wahl fiel auf die Metal-Bar Blackland in Prenzlauer Berg. Die Räumlichkeiten sind von der Straße aus sichtbar, sie liegen leicht erhöht zwischen DDR Neubauten. Beinah mystisch erscheint der Flachbau, was durch die, am Treppenaufgang des Eingangs stehenden, Mayastatuen künstlich verstärkt wird. Eine der zwei Figuren ist zum Teil mit Frischhaltefolie umwickelt.

 

David Hanes

David Hanes

 

Drinnen ist es dunkel, ein paar rote und blaue Scheinwerfer, links eine Bühne, geradezu die Bar; bestimmte Bereiche sind nicht einzusehen, es ist zu schwarz. Der Schmuck beziehungsweise die Dekoration erinnert teilweise an eine Geisterbahn, dies ist jedoch authentische Metal-Kultur. Nach dem Moment der Orientierungslosigkeit heben sich erste Kunstwerke vom Hintergrund ab. Eine vermutlich durch Wärme verformte Kunststoffplatte schmiegt sich an einen Stützpfeiler. Knochenartig anmutende, mit Ästen versetzte Gipsobjekte hängen an Metallketten von der Decke. Aber was ist mit den in Sargform geschweißten Schränken, in denen Totenkopftrinkkrüge lagern? Oder dieses riesige Fallbeil, auf dem ganz oben „SEX“ steht. Ist das Inventar? Alles scheint hier zu verschwimmen, alles kollidiert, alles verschmilzt zu einer Einheit, welche nur noch schwer zu trennen ist, dafür ständig ein Moment von Kunst.
Alex Turgeon betritt die Bühne: Er hat ein Mikrofon mit einem Verstärker verbunden und begrüßt die etwa 60 Gäste. Sein vorgetragenes Gedicht handelt von einem Mann mit einem Herz aus Metall „[…] a heavy metal heart of stainless steal“. Das leichte Delay trägt seine Stimme durch den niedrigen Raum.

 

geovanna gonzalez

GeoVanna Gonzalez

Ana Andra

Ana Andra

 

Das Objekt von Omsk Social Club feat. PUNK IS DADA, aus dem blaue Kunsthaarsträhnen wachsen, befindet sich in der Mitte eines Stehtisches. Wie ein Parasit verteidigt es seinen Platz, der sonst 0.5l Biergläsern gehört. Links davon hat Julian-Jakob Kneer einen niedrigeren Tisch mit seiner Installation (cadavre exquis I) okkupiert. Sechs Kerzen brennen um einen naturgetreuen Dildo. In diesem Ensemble kreuzen sich dünne, durchsichtige Fäden. Auf den ersten Blick vermute ich Wachs, im Kopf mutiert es zu Sperma aus Silikon. Diese Arbeiten sind aggressiv auffällig, wirken hier jedoch harmlos und selbstverständlich. Die extreme Atmosphäre der Bar neutralisiert ähnlich wie die Stimmung eines Whitecubes. Sie verändert die Rezeption der sichtbaren Dinge. Als Kunst identifiziert, reflektieren diese ihre Umgebung und dessen Charakter, lassen ihn deutlicher werden. Hätte das Blackland ein Bewusstsein, wäre seine Selbstwahrnehmung hierdurch womöglich gestört.

 

penny rafferty

Omsk Social Club feat. PUNK IS DADA

julian-jakob kneer

Julian-Jakob Kneer

 

Im Vorraum der Toiletten liegt auf der erhöhten Fensterbank unter blendenden Neonröhren eine halbtransparente Plastiktüte, in der die Häutung einer kleinen Schlange an Plexiglas haftet. Christina Schönthalers Arbeit stellt einen Verweis auf den lebendigen Körper dar und spielt eindringlich auf Vergänglichkeit und Erneuerung an. Auf der Plakatwand taucht zwischen all dem Schwarz ein weißes, quadratisches Poster auf, welches „Britney Spears“ im Titel trägt. „I’m Not a Girl, No Yet a Woman (Cover by Alejandra Vergara)“ ist eine weitere Information. Sucht man danach, findet Soundcloud ein schlecht produziertes Homerecording. Dafür in einer Metal-Bar Werbung zu machen, war die Idee von Nina Kettiger. Im Aschenbecher der Herrentoilette hockt ein gelb-durchsichtiger Slimer von Kyle Joseph. Ein guter, aber perverser Geist auf dem Klo.

 

Christina Schoenthaler

Christina Schönthaler

Nina Kettiger

Nina Kettiger

kyle joseph

Kyle Joseph

 

Im Verlauf des Abends gab es weitere Entdeckungen, wie beispielsweise Per Mertens bandagierte Hände. Diese zu beschreiben, kann allerdings kaum den nicht mehr nachzuholenden Besuch der Ausstellung ersetzen.
Im Blackland entstand ein spannendes Verhältnis zwischen den Dingen, die sich der Umgebung anpassten und den Details, die auch außerhalb des Raumes funktioniert hätten. Zwischen visueller Überforderung und fremdartigen Content, der mich beinahe zu überwältigen drohte, sah ich Fotos von brutalen, bärtigen Männern, die in Lederwesten Hunde mit Maulkorbpflicht präsentieren. Bei der Betrachtung dieser Bilder wurde mir das Gerücht, die Bar diene als Hort rechter Bands, einmal mehr vor Augen geführt. Dieser Umstand ließ auch die KünstlerInnen nicht unberührt. Nach eingehender Recherche konnte der Raum allerdings als politisch ungefährlich eingestuft werden. Somit hatte es keine der Arbeiten nötig, plakativ anzuprangern, es wurde neutral interagiert.

 

Per Mertens

Per Mertens

 

Die Lust der Metalkultur am Extremen und einer morbiden Bildsprache nutzten und potenzierten die gezeigten Arbeiten. So traten Überschneidungen hervor, welche zu den beschriebenen Verschmelzungen führten. Dass die InitiatorInnen und KünstlerInnen es zusätzlich schafften, mich für Kämpfe innerhalb einer mir fremden Subkultur zu sensibilisieren, ohne dies explizit zu provozieren, ist die Art von Subversion, die anderen Ausstellungen fehlt.

Text: Moritz Gramming

 
Courtesy always the artist and Ying Colloseum

PARTICIPATING ARTISTS @ Blackland, Berlin
Kyle Joseph
Nina Kettiger
Isaac Penn
Julian-Jakob Kneer
Omsk Social Club Feat. PUNK is DADA
GeoVanna Gonzalez
Claude Eigan
Martin Jackson
Alex Turgeon
Zu Kalinowska
Grace Nicholas
David Hanes
Julia Colavita
Alex Chalmers
Florence Early
Gradual
Christina Schönthaler
Per Mertens
Camilla Steinum
Inger Wold Lund
Ana Andra

 

Am kommenden Sonntag, den 6. März, ereignet sich Vol.4 im Simitdchi, einem türkischen Café am Kottbusser Tor.
https://www.facebook.com/events/949531535123879/