Zuschauen im Schaustellen. Perspektiven des Publikums mit Blick auf Dafna Maimons HUMAN COMMA BEING

Als der Kunsthistoriker Michael Sanchez in seinem mittlerweile kanonisch gewordenen Artikel On Art and Transmission (Artforum 2013) fragte, ob wir nicht bereits in der Aftermath unserer Kunstrezeption leben, indem wir die Ausstellungsansichten auf Bildschirmen exzessiver betrachten als die dazugehörigen Ausstellungsräume, konnte sich die Kunstwelt schnell darauf einigen, dass auch unser Blick auf Kunst nicht mehr nur in die Tiefe, sondern auf Oberflächen zielt. Im Zuge von Post-Internet Art (worüber offiziell niemand mehr sprechen möchte) und einem breiter angelegten Diskurs um die digitale Gesellschaft wurde eben diese zur flüchtigen Erscheinung erklärt, zu einer transparenten Anordnung von Netzwerkpunkten innerhalb eines virtuell codierten Rasters. Was aber bedeutet es für das Kunstbürgertum, im Netz nicht nur als Publikum zu surfen, sondern es mit miteinander korrespondierenden, interagierenden und vor allem aufeinander reagierenden Profilen zu bewohnen?
Schein, ehemals abgetan als unecht und damit irrelevant, hat längst eine eigene Echtheit erlangt; zu wirklich sind seine Konsequenzen, zu veraltet die Unterscheidung von privatem und öffentlichem Raum. ZuschauerIn zu sein wird damit zu einem ebenso antiquierten Status: Allgegenwärtige Online-Dienste wie Facebook oder Google nutzen uns nicht als Publikum, sondern als TeilnehmerInnen, als Material für all jene Daten- basierten Prozesse, die unserem Auge verborgen bleiben. „Hyper-Objects“ nennt der Philosoph Timothy Morton jene sich kaum merkbar entfaltenden Netzwerke, die jede Form menschlicher Lokalisierung in ein unübersichtliches, nicht fassbares Netz aus Einzelteilen übersetzen und damit das klassische Zuschauen – das Betrachten einer sich entwickelnden Szene von einem bestimmten Punkt aus – unmöglich macht. Was im Ausstellungsbetrieb insofern interessant ist, als Kunst genauso wie unser öffentlicher Auftritt einst gerade für den Zuschauer geschaffen wurde: Die Idee von zeitgenössischer Kunst im heutigen Sinne kam zusammen mit dem Fernsehzeitalter auf, als kulturelle Praxis, die just das Zuschauen nähren sollte.
Ist damit die stille Betrachtung nicht nur ein in die Tage gekommener Mythos, sondern gar ein narzisstischer Akt, also eben das, was wir gerade der allumfassenden subjektiven Perspektive des Selfies – und unserer gegenwärtigen personalisierten Medienkultur – vorwerfen: das Imaginieren in einen Zusammenhang des Großen und Ganzen, der uns in seiner Größe jedoch übersteigt und überwuchert?
Wo vermeintlich objektives Zuschauen subjektiviert wurde, hat sich zunächst vor allem das Subjektive selbst verändert. Die immer auf ein ‚Selbst’ zurückführende Perspektive basiert auf Ideen des mündigen Bürgers der Aufklärung und dem Konzept des Individuums, das im Zuge der europäischen Renaissance aufkam und zur Entstehung des Künstlertyps, wie wir ihn im zeitgenössischen Kunstbetrieb kennen, führte. Ein Verhältnis von wechselseitiger Bedeutung: Das Individuum, selbst ein kulturelles Konstrukt, sichert nicht nur Originalität und Einmaligkeit auf Seiten künstlerischer Kreativität, sondern auch ein singuläres, fokussiertes Betrachter-Erlebnis.
Wenn der eigene Blickwinkel jedoch einer Multitude an Einsichten und Möglichkeiten gleichkommt, gerät die Konzeption des Subjekts ins Wanken – und mit ihr unser Status als ZuschauerInnen. Werden wir unserer Rolle also besser gerecht, wenn wir am Kunsterlebnis teilnehmen oder es überhaupt teilen? Denken wir an die Sharing
Economy und andere neoliberale Erfolgsmodelle, wird schnell klar, dass auch private Freuden im Dienste der Gemeinschaft eine Formung und Förderung von marktführenden Technologien und deren wirtschaftlicher Zielsetzungen sein können. Schon seit der ersten Periode der frühen Moderne ist der Begriff des Selbst mit einem komplexen Glauben an Repräsentation verbunden, der auf die Entwicklung von Bildtechnologien zurückwirkt. Zeitgenössische Kunst siedelt sich genau hier an: in einem globalen Neoliberalismus, der das Individuum zum Zentrum der Regierung und Regierbarkeit hat. Mit scheinbar unabhängigen ZuschauerInnen.
Im Zuge von Strategien, die in diesem Sinne gerade dann das Individuelle notwendigerweise unterstreichen, wenn es mehr denn je eingebunden ist in globale Märkte und Produktionsweisen, wird das individuelle Zuschauen seiner unscheinbaren Passivität entledigt. Es wird aktiviert, selbst zur Performance, flexibel einsetzbar und jederzeit abrufbar. Zuschauen wird zur Produktivkraft. Nur was wird dann aus dem, was sich einst als Objekt oder Produkt zur Schau stellte? Während wir unsere Anwesenheit im Galerieraum noch leichtfüßig zur Partizipation erklären mögen, kann nicht jedes Kunstwerk zur Aktion oder Performance umgedacht werden. Vielleicht ist es also weniger der Status der einzelnen Seiten – das aktivierte Zuschauen und das in Aktion tretende Kunstwerk –, die neu situiert werden müssen, sondern die Beziehung zwischen beiden. Es geht um ein gemeinsames Setting, das Subjekt und Objekt, Kunstwerk und Kunstpublikum gleichermaßen hervorbringt und sich in den Sozialen Medien längst als performatives Prinzip durchgesetzt hat: die Produsage, die Produktion von Inhalten durch deren Nutzung.
Ist es dieser mit Konsum verwobenen Auffassung von Betrachtung zu verdanken, dass es zum guten Ton gehört, den Kunstdiskurs mit Celebrities und Markenturnschuhen zu füllen? Verleitet die Künstlichkeit unserer medialen Welt dazu, absurd-artifizielle Erscheinungen wie Kim Kardashian zum Top-Accessoire zeitgenössischer Positionen in Kunst und Kritik zu küren? Vielleicht. Wichtiger scheint aber ein Blick auf Positionen, die genau diese scheinbare Freisetzung von Identifikation, der Loslösung aller Beziehungen von Objekten und Subjekten, von Repräsentation und Verkörperungen in die eigene künstlerische Praxis mit aufnimmt, ohne sich damit notwendigerweise erneut zu labeln. Eine solche Position liefert Dafna Maimon in ihrer Arbeit Human Comma Being.
Eine „gruppendynamische Identitätsperformance“, so hieß es im Pressetext, lieferte ihre Arbeit in der Ausstellung im Berliner Künstlerhaus Bethanien (9.10. – 1.11.2015). Materiell betrachtet bestand diese aus antiken Schaumstoff-Säulen, zu Plastik fixierten braunen Pfützen und Malereien, die so diffus wirkten wie Airbrushtechnik oder Wolkenmeere vor dem Flugzeugfenster. Die Installation von Dafna Maimon, die sie zusammen mit Lot Meijers realisierte, ließ große Geschichte erahnen, in etwa so, als wäre sie an einem vorbeigezogen, doch ganz ernst hätte man sie ohnehin nicht nehmen können. Human Comma Being zog sich schließlich die Treppe des Künstlerhauses Bethanien empor und mündete in einer Videoarbeit, die zwei Projektionen um die Ecke dachte.

 

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In den Raum fanden deren Darsteller am Eröffnungsabend mit einer Performance. Die Versuche, sie auch projiziert präsent erscheinen zu lassen, spannen sich allerdings wie Fäden durch das fast einstündige Filmkonstrukt, das ebenso erzählerisch wie experimentell interpretiert werden kann. Eine Geschichte? Ja, da war etwas, vor allem aber war es das Narrative selbst, das hier versuchte zu sprechen. Es schien etwas jede Erzählung Unterbrechendes zu passieren, das sich in der Figur eines überforderten, verwirrten Voice Overs durch die Bildfläche zog.

Diese scheinbar neutrale, keiner subjektiven Perspektive folgende Voice-Over- Stimme – die ja schon im wörtlichen Sinne ihre eigene Stimme gerade im Darüber, nicht im Darin hörbar macht – konnte sich hier aus dem Erzählen einer Chronologie von Charakteren, alle ihrerseits mit der Frage beschäftigt, mit welchem Aspekt ihrer selbst sie sich identifizieren wollen, herauswinden. Denn sie tauchte wortwörtlich auf: Im Video japst eine junge Frau in einem See nach Luft, mit jedem Atemzug ein „I“ („Ich“) immer wieder panisch ausstoßend, als würde es sie vor dem Ertrinken retten. Performanz in Reinform: Das Filmbild repräsentierte die wörtliche Bedeutung, ein gesprochenes Wort realisierte einen Identitätsentwurf – einen fiktionalen selbstverständlich. Wer sich hier überhaupt verwirklicht, wurde zur leitenden Frage dessen, was im Folgenden passierte. Mit einem Wechsel der Projektionsfläche.

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Was Dafna Maimon in ihrer Arbeit zeigt, geht also einerseits um ein Darstellen und Zurschaustellen dessen, was der Suche nach der eigenen Identität behilflich sein soll (was gerade heute gerne zu digitaler Eitelkeit eingekocht wird), andererseits aber auch um das Zuschauen bei diesem Prozess. Das Kunstpublikum mochte erst die Menschheitsgeschichte erahnen, dann den Charakteren in ihrer Selbstverwirklichung folgen und wurde schließlich mit dem Wechsel der beiden Projektionsflächen konfrontiert, der simpel, aber grundsätzlich schien, saß man doch gerade noch in passiver Publikumspose dort, wo später das Kunstwerk seinen Lauf nahm. Vor allem aber formte in Human Comma Being das Vermitteln selbst eine Stimme, die letztlich nicht nur im Video wirkte, sondern aus all jenem scheinbar neutralen Beobachten und Wiedergeben eine eigene Existenz werden lässt, die Sinn und Charakter produziert. Sie hat einen eigenen Körper, eine eigene Darstellung und ein eigenes Recht auf Existenzfragen: nicht wer sie sei, sondern was ihre Darstellung eigentlich bedeute.

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Text: Agnieszka Roguski
Alle Bilder: Dafna Maimon, Human Comma Being, Installationsansicht Künstlerhaus Bethanien Berlin (9. Oktober – 1. November 2015)
Foto: David Brandt für Künstlerhaus Bethanien