Salome Ghazanfari

Spuren des Alltags

Salome Ghazanfaris Arbeiten bewegen sich zwischen Installation, Performance, Skulptur und Fotografie. Bei den Bildern der jungen Künstlerin handelt es sich nicht um Aufnahmen im klassischen Sinn. Für Ghazanfari sind ihre Shots vielmehr ein Verweis auf ein bestimmtes Zusammenspiel unterschiedlicher Einflüsse in einem Moment. Eine Art Abdruck, den ein gebrochener Arm im Gips hinterlässt. Die Spur eines Fußes im Sand. Es sind Beweisstücke einer Wirklichkeit, die stattgefunden hat.

Salome Ghazanfari arbeitet konstruktiv und konsequent. Sie hat viel erlebt und schöpft aus ihrer Geschichte. Im Gespräch mit der Künstlerin werden diese Produktivität, Vielfalt und Neugierde deutlich und spürbar. Gedankengänge, Wünsche, Ideen gepaart mit tiefsinnigen Aussagen strömen nur so aus der Künstlerin heraus. Sie spricht von freier Kunst, Mode, Werbung, Philosophie, Menschen und deren Geschichten, Herkunft, Zugehörigkeit, Religion, Forschung und Sprache. Eine Ausdauer und Stärke füllt das kleine Kreuzberger Atelier. Die Energie, die von der Künstlerin ausgeht, findet der Zuschauer auch in ihrer Arbeitsweise wieder. Ghazanfari macht oft bis zu Hunderte von Bildern. Eine Auswahl verarbeitet sie zu raumübergreifenden Installationen oder poppigen Collagen. Technische Grundlagen und Handwerkskunst verlieren an Bedeutung. Digitaler Wahnsinn und analoge Experimente interessieren sie nicht. Die Künstlerin überzeugt mit einem Gespür für den Augenblick. Kombination. Abkürzung. Konzentration.

Mit der Kamera geht die Künstlerin durch die Straßen. Sie spricht mit Menschen, denen sie begegnet und begleitet sie. Es entsteht ein Austausch – ein direkter Kontakt. Durch eine bedingungslose Offenheit dem Thema gegenüber erzeugt die Künstlerin Authentizität, die für sie wichtig ist. Sie lichtet auf ihren Rundgängen und Reisen alles ab, was in ihr eine innere Reaktion auslöst. Gegenstände, die bereits aufgrund ihrer Beschaffenheit oder angesichts ihres Materials im Mittelpunkt stehen. Diesen Motiven gibt sie erneut eine Bühne, indem sie sie durch eine plastische Umsetzung an der Wand zurück in den Raum führt. Den Collagen stellt die Künstlerin oft skulpturale Elemente gegenüber. Komponenten aus Fotos wandern in den Ausstellungsraum und finden erneut ihren Platz. Ghazanfari interessiert sich für alle Dimensionen. Eine Skulptur bietet dem Publikum unterschiedliche Betrachtungsweisen. Die Perspektiven verschieben sich. Die Skulpturen sind oft aus Beton. Die Künstlerin entnimmt der Mauer etwas und bringt es dann zurück in den Raum an die private Wand. Durch die Zuschauer entfaltet sich die Installation wiederum zu einer öffentlichen Fläche – zu einem Ort, an dem sich Menschen ausdrücken können. Bereits in der Höhlenmalerei wurden die Wände zur bildlichen Kommunikation genutzt. Heute sind es die Flächen des urbanen Raumes, an denen sich die Stimmen der Menschen einer Stadt sammeln und verbreiten. In den Performances der Künstlerin verhält es sich ähnlich. Es wird eine echte Lebenszeit, bei der ein Life-Abdruck entsteht, suggeriert. Ein Zustand, der die Künstlerin fesselt und der zum roten Faden ihres Schaffens avanciert.

Salome Ghazanfari setzt sich intensiv mit der Ästhetik von Werbung, Billboards und Plakaten auseinander. Ein Interesse, das tief in ihr verwurzelt ist. Eine Erinnerung frühester Kindheit. Ihre Eltern sind in den 70ern aus dem Iran nach Deutschland gekommen, um zu studieren. Nach dem Universitätsabschluss wollten sie zurück in ihre Heimat. Auf Grund der Revolution war ihnen die Einreise nicht mehr möglich. Auf Unsicherheit und Zukunftsangst folgten Selbständigkeit, unternehmerisches Denken und Ideenreichtum. Mit einem kleinen Auto fuhr das junge Paar nach Italien und kaufte Kleidung, damals noch Made in Italy, bei United Colors of Benetton. Nach der Eröffnung eines eigenen Geschäftes, folgte ein weiteres – dann eine Kette. Salome Ghazanfari ist in dieser Welt voller Farbe, Werbung und Material aufgewachsen. In ihrer Kindheit hat sie sich in den Kisten mit Pullovern versteckt oder geschlafen. Als junges Mädchen hat sie die Schaufenster gestaltet. Es folgten erste Fotos ihrer eigenen Kreationen. Für die junge Künstlerin stellt Werbung eine Plattform für direkte Kommunikation dar. Reklame ist einfach. Jeder kann sie verstehen. Es ist eine direkte verständliche Sprache auf einer Ebene und eine unmittelbare Möglichkeit, eine Message zu transportieren. Hierarchielos. Vereinfacht. Verbindend.

Salome Ghazanfaris Professor Harald Klingelhöller sagte einmal, dass sich die Künstlerin zunehmend einer „Selbstbefragung ihrer biografischen und emotionalen Erfahrungen im Verhältnis zu Phänomenen der Populärkultur bis zu esoterischen Konzepten“ unterzogen hat. Er spricht von „Empfindungen (…), die ihren kulturellen Hintergrund suchen und sich dabei zu Artefakten entwickeln“ und liefert damit eine treffende und scharfe Beobachtung. Ghazanfari paart philosophische Konzepte mit der Oberfläche. Eine außergewöhnliche und untypische Herangehensweise. Die Oberfläche ist nicht in der Lage seine Tiefe zu offenbaren. Für Salome Ghazanfari ist jedoch die Oberfläche das Fenster zur Tiefe. Es geht ihr am Ende um ein komprimiertes Wissen, das auf der Oberfläche ruht und in seiner Einfachheit zu jedem durchdringen kann.

Text: Amelie gr. Darrelmann

* 1982, Frankfurt am Main

2010-2012 Master of Fine Arts, Goldsmiths College London

2009-2010 Fashion design, Rietveld Academy Amsterdam

2004-2009 Academy of Fine Arts, Karlsruhe

2004-2006 Philosophy, University of Heidelberg

2003-2004 Academy of Fine Arts, Mainz/ Philosophy, University of Mainz