DISPLAY. Staging Identities – Johannes Paul Raether, Victoria Sin, 
Mikołaj Sobczak, Philipp Timischl

Die von Performances und Filmen begleitete Gruppenausstellung DISPLAY. Staging Identities zeigt zeitgenössische künstlerische Arbeiten über „Drag“. Drag meint eine überspitzte Form der Darstellung von Geschlecht, beispielsweise durch das Auftreten im Gewand des jeweils anderen, wobei ein Charakter angenom-men oder eine eigene, feste Identität entwickelt wird. Obschon dadurch allen Formen von Drag die Hinterfragung konventio-neller Geschlechterdefinitionen gemein ist, lässt sich zunehmend deren Aufweichung und die Erstarkung geschlechtsneutraler Rollen beobachten. Die vier künstlerischen Positionen zeigen, dass Drag mehr ist und kann als konventionelle Geschlechter-definitionen zu hinterfragen. Sie eignen sich Drag als Werkzeug der Selbstermächtigung, als Möglichkeit einer immer wieder neu zu erfindenden Identität sowie als Vehikel zur Hinterfragung und zur Überwindung sozialer Klassen, (hetero)normativer Vorstellungen und bestehender Geschichtsschreibung an.

Mikołaj Sobczak (*1989 in Posen PL, lebt in Münster) analysiert politische und sozialgeschichtliche Ereignisse mit Blick auf aktuelle globale und soziale Entwicklungen wie beispielsweise die rechtspopulistischen Tendenzen in Europa. Dabei tauchen immer wieder Dragqueens auf: Als Gründer*innen eines neuen Staates, als Vorschlag die Krise der Männlichkeit in einer Gesellschaft zu überwinden oder als Priester exorzierende Hexenwesen. 

Johannes Paul Raethers (*1977 in Heidelberg, lives in Berlin) Arbeit beruht primär auf Performances. Seine WorldWideWitches formieren sich bislang aus den SelfSisters Transformellae, Protektoramae und Schwarmwesen, die als eigene androgyne Forschungseinheiten verstanden werden können. Transformellae arbeiten beispielweise an einer Reprovolution, an einer queeren Umwidmung heutiger biotechnologischer Fortschritte.

Victoria Sin (*1991 in Toronto CA, lebt in London) versteht den Körper ebenfalls als Möglichkeitsmodul zum Entwurf alternativer Gegenwarten und Zukünfte. Sins selbstbewusste Performances sowie Videoarbeiten erinnern an die Abwesenheit von Frauen in 

kulturellen Kontexten und thematisieren die Objektifizierung von Frauen, Blickkonstruktionen und sich dem ermächtigende Repräsentationsstrategien.

Philipp Timischl (*1989 in Graz, lebt in Paris) greift in seinen meist autobiografisch geprägten, multimedialen Arbeiten die ursprüngliche Idee von Drag als Tool der Überwindung sozialer Klassen auf. Er erinnert u.a. an die Ballroom Culture, wo geschützte Räume in denen Herkunft, Klasse, Geschlecht und sexuelle Orientierung keine Rolle spielten und Familien unabhängig von Blutsverwandtschaften gegründet wurden. 

Drag erscheint als ein Gegenmittel gegen Homogenität und gegen die Inbesitznahme individueller Körper durch die Gesellschaft. Es ist eine Chance und zugleich ein Plädoyer für Erkenntnis-gewinn, Selbstbewusstsein und Positionierung, ein Zeichen für Solidarität und die Bedeutung queerer Lebensentwürfe. Drag zeigt die Realität als verhandelbar, als Potenzial und scheint deshalb als ein die unsere gegenwärtige Gesellschaft befreiender Gegenentwurf.

PERFORMANCES

Nicholas Grafia und Mikołaj Sobczak:
It’s 10PM. Do You know where your children are?

Anhand teilweise wiederholender, collageartiger Textfragmente wie Nachrichten, Abschiedsbriefe, Familiengespräche, Erinnerungen sowie Forschungsergebnisse und Statistiken schildern Grafia und Sobczak sowohl das soziale Umfeld als auch psychologische Entwicklungen von POC (und) LGBTQ*. Dabei verflechten sie individuelle Familiengeschichten indem sie generationsübergreifende und persönliche Dynamiken, Eltern-Kind-Beziehungen sowie Emotionen wie Liebe, Hass, Verlangen und Bedauern verhandeln. Choreografie und Kostüme erinnern an Charaktere aus Folklore, mündlicher Überlieferung, Film- und Kunstgeschichte und fokussieren auf persönliche Erzählungen verschiedener öffentlicher und intimer Situationen des sozialen Widerstandes.

Adam Christensen: I wanna be lonely

Christensens Performances sind Momente voller Anmut: Sein   Alter Ego „Madam“ singt, begleitet von einem Akkordeon, herz-erweichende biographische Liebesgeschichten. Persönliche Erinnerungen werden zu einer verführerischen Erzählung verwebt  und der Kunstverein auf diese Weise zu einem kabarettgleichen Raum.

MOVIES

Victor/Victoria (1982, 134 Min, US), directed by Tim Lienhard

ONE ZERO ONE – The Story of Cybersissy & BayBjane (2013, 90 Min, D), directed by Blake Edwards

Kuratiert von: Linda Schröer