Buch #02

In den achtziger Jahren hat der britische Fotograf Paul Graham in einem von sozialen Spannungen beherrschten England, wartende Menschen in Einrichtungen der Wohlfahrt und auf Arbeitsämtern fotografiert. In Farbe! Völlig unüblich für die Dokumentarfotografie der Zeit, wurde er dafür zum Teil heftig kritisiert. Farbe in der Fotografie sei der Werbung vorbehalten und somit zur Kapitalismuskritik ungeeignet. In seinem fast 40jährigen Schaffen hat Graham seitdem immer wieder operativ und verstörend in das Medium eingegriffen. Während viele seiner Kollegen auf die Wirkmacht des Einzelbildes vertraut und mit ihr Wahrnehmung eingefordert haben, flüchteten andere desillusioniert von der immer beliebiger werdenden Menge verfügbarer Bilder in digitale Kompositionen.

Graham fand eine Art Mittelweg, indem er, immer innerhalb der Grenzen des Mediums, die apparativen Parameter verschiebt, beziehungsweise justiert. So erzielt er beispielsweise in ‚American Night‘ von 2003 mit weit geöffneter Blende, bis zur retinalen Schmerzgrenze überbelichtete Bilder, die umso mehr den Blick auf die in ihnen wie Geister erscheinenden Menschen am Rand der amerikanischen Gesellschaft lenken. In ‚A Shimmer of Possibility‘ aus dem Jahr 2007, lässt Graham in hochfrequent ausgelösten Bildfolgen von Strassenszenen, die Grenzen zwischen Fotografie und Film verschwimmen.

Die neueste Arbeit ‚Does Yellow run forever?‘ vereint drei Bildthemen. Regenbögen in Westirland, mal vor sattgrüner Landschaft, manchmal einfach nur gegen den stahlgrauen Himmel fotografiert. Eine schwarze Frau, Paul Grahams Frau, im Bett liegend in morgendlicher Lichtstimmung, in verschiedenen, sauber, doch karg eingerichteten Zimmern. Und drittens Fassaden New Yorker Pfandleihhäuser, die in immer rot-gelb gestalteten, übergrossen Schildern, für den Ankauf von Gold werben.

Unabhängig von einem möglichen inhaltlichen Zusammenhang, geht von der Bildserie eine ungeheure Ruhe aus. Die eigentliche Wucht geht nämlich von der strengen Form aus, die Paul Graham diesen Bildern verleiht. Im Buch, gebunden in goldgelben Samt, mit Goldschnitt versehen, gleich einem Gebetbuch, alternieren die Themen in einem Rhythmus, der sie einzeln oder in Gruppen zu zwei oder drei Bildern aufeinanderfolgen lässt. Es entsteht so eine Art erweitertes Triptychon, eine Darstellungsform, die Graham der sakralen Kunst entlehnt, und der er sich früher schon einmal bedient hat. Es ist diese Form, die ‚Does Yellow run forever?‘ sehr persönlich, fast esoterisch anmuten lässt. Sämtliche dargestellten Situationen sind Ausgangspunkte, in alle Richtungen hin offen. Es geht um Hoffnung, kindliches Vertrauen in die Kraft der Vorstellung, Glauben. Um das sprichwörtliche Gold am Ende des Regenbogens.

Graham: Does Yellow Run Forever?

GRAHAM, PAUL. Does Yellow Run Forever? London 2014. 96 S. mit 31 farb. Abb., Samteinband mit Goldschnitt.

Text: Alexander Neuhaus 

 

Bildschirmfoto 2014-10-07 um 07.53.48

Foto: Alexander Neuhaus