Inside Out: Kunsthochschule für Medien Köln

Ein Beitrag mit Fotos von Şirin Şimşek und einem Text von Sissy Schneider

Finn Wagner
Trapped in a Glaze like Fossilised Amber, 2019

Judith Röder
Okno, 2019
16-mm-Film transferiert zu HD-Video, 19’07’’, 4:3, s/w, ohne Ton
http://www.judithroeder.de/

Julia König
Walter Palmer Shot A Lion: The Sequel, 2019
Stahl, Ton, Holz, Kokoserde, Acryl, Nachtleuchtpigment, Kunstharz, Performer*innen, Maße variabel
Performer*innen:
Hanieh Bozorgnia, Hend El Balouty, Levin Krasel, Thomas Lambertz, David Lichter, Jonathan Omer Mizrahi, Marios Pavlou, Max Mauro Schmid, Nathan Schönewolf, Luisa Stricker, Anchi Trinh, Bela Usabaev, Lilian Villalba, Hye Young Sin, Karen Zimmermann

Kurt Heuvens
http://www.kurtheuvens.de

Nathan Schönewolf
Talking to You is Like Eating and Drinking (AT), 2019

Gratis-Kritik
Die Kunsthochschule für Medien in Köln ist ein Spannungsfeld, das von Studierenden aufgebaut, ausgedehnt und aufrechterhalten wird. Und genau das kann man am Rundgang ablesen. Arbeiten, die zwischen dem 1. und dem 10. Semester entstehen werden gemeinsam mit Diplomarbeiten kuratiert, wobei sich die Ausstellungsfläche über 8 Gebäude erstreckt und jeder noch so verwinkelte Hinterhof oder Keller mit mehr als 150 künstlerischen Arbeiten bespielt wird. Wer zeigen will zeigt. An der KHM gibt es kein Klassensystem, keinen einheitlichen Tenor; weder was die Formensprache noch die Themenschwerpunkte angeht, und schon gar nicht die Medialität. MEDIENKUNST? Was soll heute noch Medienkunst sein? Und was nicht? Es finden ständig erneut Verhandlungen eines Kunstbegriffes statt, welcher sich während des Rundgangs in all seinen Facetten auffächert und veröffentlicht. Recherchebasiert, nahezu wissenschaftlich, rein bildnerisch, prozessual, transformativ, partizipativ, narrativ. Spannungsfelder zwischen Arbeiten, die nur auf sich selbst verweisen und solchen die anhand ihrer politischen Agenda eine gesellschaftliche Veränderung herbeiführen wollen. Innerhalb dieses heterogenen Diskurses zwischen den Arbeiten lassen sich jedoch einige Tendenzen erkennen, die hier beispielhaft skizziert werden sollen. Diese werden im Folgenden beschrieben als feministische Ermächtigungspraktiken, transmediale Arbeitsweisen, und expandierende Formate. Zum Schluss gibt es noch etwas Gratis-Kritik.

Feministische Ermächtigungspraktiken
Der gegenwärtige Diskurs an der KHM zu den Themen Sexismus, sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch in der Kulturbranche spiegelt sich in mehreren künstlerischen Positionen wieder. Besonders im letzten Jahr wurde der Hochschulalltag durch öffentliche Debatten beeinflusst. Einige Arbeiten, aus denen sich eine feministische Positionierung herauslesen lässt befinden sich besonders präsent in einem der hochfrequentierten Bereiche des Campus, direkt beim Mensahof. Diese thematische Häufung der Arbeiten im Eingangsbereich wirkt für diejenigen, die mit dem Diskurs an der Hochschule vertraut sind wie ein unausgesprochenes Statement. Dort zu sehen ist zum Beispiel die Arbeit „Uncanny Valley“ eine feministische Jeans-Kutte von Anne Arndt. Üblicherweise stammt die Kutte aus der männlichen, gewaltbereiten Bikerszene, und findet ihre Verwendung als Identifikations- und Auszeichnungsmerkmal von Motorradclubmitgliedern. Die Kutte von Anne Arndt hingegen ist mit feministischen Patches aus der ganzen Welt bestückt, und vermittelt dadurch Solidarität zwischen Frauen weltweit. Ziel der Arbeit ist es, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und einen Weg aus der Opferrolle, hin zu einer selbstbestimmten und gleichberechtigten Lebensweise zu finden. Es ist ausdrücklich erwünscht, dass Besucher*innen die feministische Kutte im Ausstellungskontext anprobieren, viele fotografieren sich gegenseitig in der Kluft. Während die Arbeit von Arndt gezielt auf das Ausstellen und sich Ausweisen im Sinne der Kutte verweist, entzieht sich die Arbeit von Dilara Er den Blicken der Besucher*innen. Eine lackrote Plane, gespannt zwischen zwei Baugerüstteilen, versperrt den Blick auf einen an der Wand angebrachten Bildschirm. Ähnlich einer Peepshow bekommen Betrachter*innen nur mithilfe des voyeuristischen Blicks durch den Schlitz in der Plane das Material pornographischer Websites zu sehen. Beschäftigt hat sich Dilara Er mit den „Sexboxen“ in Köln-Longerich. Am Stadtrand befindet sich ein Bereich mit der Größe eines Fußballfeldes, in dem sich Frauen prostituieren müssen. Hinsehen? Wegsehen? Dilara Er macht in Ihrer Arbeit auf das Elend der oft drogenabhängigen Frauen aufmerksam, die im wahrsten Sinne des Wortes am Rande der Gesellschaft existieren. Dabei übernimmt die Plane vor dem Bildschirm unterschiedliche Rollen; Ausgrenzung, Schutz, Versteck; oder Verlockung für den gierigen Blick?

Transmediale Arbeitsweise
Neben dieser thematischen Häufung gibt es weitere Phänomene, die man als Tendenz lesen könnte. Einige Student*innen beschäftigen sich mit einer transmedialen Arbeitsweise, die sich der klassischen Kategorisierung entzieht.
Giorgi Gedevanidzes „Ratking“ zum Beispiel ist eine interaktives, skulpturales Objekt, das Elemente der Virtual Reality mit einbezieht. Besucher*innen, die Gedevanidze auch als „Probanden“ bezeichnet, befinden sich zu sechst angeschlossen an einer Skulptur, die mit ihrem dunklen Metall und der Aufhängung an einer Kette an mittelalterliche Foltergeräte erinnert. Die Konstruktion funktioniert wie ein Kronleuchter; an den sechs Enden befinden sich Helme mit eingebauten VR-Brillen. Der virtuelle Raum, den man zu sehen bekommt basiert auf dem Versuchsaufbau “Rats exploring virtual reality’’ einem Experiment von Forschern der UCLA. Die Probanden, die VR-Brillen tragen, gelangen in einen virtuellen Raum, der ursprünglich für Ratten gestaltet wurde. Betrachter*innen werden selbst zum „Versuchskaninchen“, von Außen gegen ihren Willen durch Andere gesteuert. Das immersive Erlebnis der Virtual Reality, das oft mit High-End Grafiken und einem großen subjektiven Handlungsraum einhergeht, wird hier in sein Gegenteil verkehrt, eine Anti-VR Arbeit. Die Erfahrung ist unangenehm, beklemmend und steht ganz im Gegensatz zu der Erfahrung die man erwartet, zumal der Attraktionscharakter dieser Arbeit für Besucher*innen besonders verlockend ist. Ähnlich verhält es sich mit der Diplomarbeit von Alexander Buers. „The Do-It-Yourself experience“ erinnert an ein futuristisches Fahrgeschäft aus einem Ikea- Themenpark in der Größe einer soliden 1-Zimmer-Wohnung, welches einem bei der ersten Betrachtung spontan ein Lächeln entlockt. Betrachter*innen mit Kopfhörern fahren auf Plastikgartenstühlen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit durch den Parcours. Ein Wasserspiel im Küchenwaschbecken, das sich im Kreis dreht; Modelleisenbahnschienen auf denen eine kleine Draisine hin und her fährt, ein Bildschirm der sich parallel zum Betrachtergartenstuhl bewegt. Das Video zeigt einen jungen Mann der zur Do-It-Yourself Erfahrung angeregt wird und dadurch zum direkten Natur- und Materialerleben in den Wald gelangt. Letztendlich baut er aus einem Ast eine Lampe. Während der Arbeit an seinem Diplom hat Buers sich unter Anderem mit dem Dilettantismus als künstlerischer Arbeitsweise beschäftigt. Die Selbstermächtigungsstrategie der Do-It-Yourself Philosophie bietet viele Anknüpfungspunkte an die künstlerische Praxis, wobei die komplexe Konstruktion der Diplomarbeit mit den fahrenden Stühle und synchronem Sound pro Station, eher an einen Technikspezialisten erinnert als an einen Dilettanten. Für die Betrachter*innen löst sich das Versprechen der DIY-Experience nicht ein, im Gegenteil sie werden auf den Gartenstühlen umher gefahren und konsumieren, obwohl das Gefühl zu partizipieren durch den Fahrgeschäftcharakter verstärkt wird. Die Frage nach der Ökonomie der künstlerischen Arbeit per se liegt dahinter und bleibt bestehen. Besonders in dem sonst oft so ernsten Kunstkontext ist die humorvolle Arbeit von Buers sehr erfrischend, ohne dass es ihr an Tiefgang mangeln würde. Auch in diesen beiden Arbeiten von Gedevanidze und Buers finden sich thematische Verbindungen zu Macht- und Ermächtigungsstrategien.

Expandierende Formate
Besonders auffällig ist beim diesjährigen Rundgang die Expansion der künstlerischen Formate. So gibt es zum Beispiel zwei für den Rundgang eröffnete Bars. Das NICEcafé erinnert von der gesamten Aufmachung her an ein American Diner der fünfziger Jahre in Minzgrün, das bis ins kleinste Detail von Leah-Lilith Heeren und Thomas Lambertz gestaltet wurde und im Garten der Bibliothek wie ein ironischer Kommentar wirkt. Während Besucher*innen ihren NICETee oder NICEKaffee schlürfen, spielt im Keller des Fotobereichs die von Studierenden gegründete Punkband Babypowder : „…i’m addicted to your legs… but the world is so complex.“ Ein weiteres unkonventionelles Format wählt die Künstlerin Ji-Su Kang-Gatto für ihre Serie „Identities and Recipes“. Ihre Videoarbeiten veröffentlicht sie nicht nur auf Youtube als „nichtsokünstlerischer“ Plattform, sie bedient sich darüber hinaus auch der Formensprache klassischer How-To-Youtube-Formate. Identities and Recipes oszilliert zwischen how to cook Tutorial, künstlerischem Experimentalfilm und tagebuchartigen Erzählungen. Zugeschnitten auf das Format eines Youtube-Tutorials, kommen ihre Videos jedoch ohne verbale Anleitungen oder Rezepthinweise aus. Skulpturale Elemente finden sich in Bildkompositionen wieder und erzeugen besonders in Verbindung mit der Nahrung und den Lebensmitteln – mit denen Kang-Gatto selbst in den Videos skulptural interagiert und letzten Endes kocht – eine metaphorisch aufgeladene Erzählung. Seit Januar 2018 hat die Künstlerin jeden Monat ein neues How-to Video auf ihrem gleichnamigen Kanal veröffentlicht. Beim Rundgang sind die Arbeiten: „How to cook Yukgaejang“ und „How to make Subakhwachae“ auf zwei iPads zu sehen, für die Kang-Gatto eigens Silikonhüllen angefertigt hat, die skulpturale Elemente der Videos aufgreifen; in diesem Fall sind es Silikonhände. Außerdem haben einige Student*innen der KHM die Publikation als Plattform und Medium künstlerischer Strategien für sich entdeckt. Zum Beispiel hat Leah-Lilith Heeren das „In My Hands“ Magazin ins Leben gerufen, das fotografische Arbeiten von Student*innen veröffentlicht. Das Besondere; es findet keinerlei Bewertung oder Hierarchisierung durch einen Selektionsprozess seitens der Redaktion statt. Wer zeigen will zeigt. (Nicht nur die Praxis wird von Künstler*innen demokratisiert sondern auch der Kunstkontext.) Julius Vapiano hat sich in seiner Diplomarbeit ebenfalls mit der Publikation als künstlerischem Format befasst. Seit Februar 2019 gibt er die Gratis Kritik „It Tastes Like Ashes“ heraus, ein Zine in dem Kritiken in den Sparten Gastro, Kunst und Party erscheinen und gratis an öffentlichen Orten ausliegen. Geschrieben werden die Kritiken von wechselnden Autor*innen. „It Tastes Like Ashes“ beweist nicht nur im Titel eine gewisse Ironie, Vapiano selbst sagt, dass es nicht um irgendeine Art von Expertentum oder den Versuch einer „objektiven“ Kritik geht.

Gratis-Kritik
Ist der ganze Rundgang nicht eine Gratis-Kritik? Kritik an der Gesellschaft, Kritik an den Arbeiten, Kritik an der Kultur, Kritik an den Künstler*innen. Alle kritisieren sich gegenseitig, meistens gratis. Der Unterschied ist, dass die Künstler*innen oft Monate in ihre Arbeit investieren um Kritik zu üben, viele der Besucher*innen auf dem Rundgang jedoch Kritik in Windeseile – ja en passant – verteilen. Denn das Publikum des Rundgangs besteht nicht nur aus Kunstliebhaber*innen, die sich gerne intensiv mit komplexen Arbeiten auseinandersetzen. Vielmehr wird die Kunst zum Konsum auf Zeit degradiert und bekommt in den meisten Fällen ein gefällt mir oder gefällt mir nicht zu hören. Das liegt vermutlich auch am Eventcharakter des Rundgangs. Vielleicht setzen genau hier Arbeiten wie die Gratis-Kritik von Vapiano oder das NICECafe an, die auf subversive Weise den Zwischenraum von Kunst und Konsum bespielen und vermessen. Aber eben ohne allzu offensichtlich kritisch zu sein. Auch die Arbeit von Buers beinhaltet diese subversive Latenz, DIY und Spaß mit dem Fahrgeschäft für alle, aber ohne Do-It-Yourself experience für die Konsument*Innen. Wenn von Selbstermächtigungsstrategien im breiteren Kontext die Rede ist, muss man diese Gratis-Kritik die uns heutzutage immer und überall umgibt mit einbeziehen. Die Beschäftigung mit DIY und How-to Formaten beschreibt die fortschreitende Demokratisierung von Wissen, Gesellschaft, Kunstkontext, Publizistik und Konsum um die künstlerische Arbeit herum. Das scheint einher zu gehen mit der Frage nach Macht und Ermächtigung. Dazu gilt es sich zu Positionieren, zum Beispiel durch Selbstermächtigungsstrategien wie die von Anne Arndt und Leah-Lillith Heeren, durch expandierende Formate, oder aber durch Arbeiten die sich dem völlig entziehen wollen. Denn andererseits existiert auch die pauschale Vermutung gegenüber künstlerischen Arbeiten, dass da mehr sei als da ist, was zu einer gewissen Trotzreaktion seitens des breiten Publikums führen kann. Besonders im Hinblick auf Arbeiten, die eben nichts wollen und auf der Setzung der Künstler*In beruhen. Die findet man allerdings seltener auf dem KHM- Rundgang. Ein genervter jugendlicher Besucher fasst in seiner Gratis-Kritik vor einer konzeptionellen fotografischen Arbeit zusammen: „Jaja, die wollen alle was erzählen. Das nervt, ich hab doch keinen Bock mir tausend Sachen durchzulesen.“ Und dann hat man wieder Babypowder im Ohr: „Im addicted to your legs… but the world is so complex…“.

Vanja Smilijanić
Cycle of Atlantis, 2019

Viktor Brim
Dark Matter, 2019
4K Video, 19’52’’, Farbe, Ton

Leonard Prandini
Wachs 3000 AG, 2019

Walter Solon
Mother of All Fictions, 2019
HD Video, 29`, Farbe, Ton
https://waltersolon.com/Mother-of-All-Fictions