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My very favourite, very beloved things #2 “Bildhauerinnen” im Gerhard-Marcks-Haus und den Museen Böttcherstraße in Bremen

In der kleinen Reihe „My very favourite, very beloved things“ werden Gedanken und Texte veröffentlicht, die es letztes Jahr nicht von dem Schreibtisch geschafft haben – aber von Ausstellungen, Werken und Dingen erzählen, die die Autor*innen immer noch verfolgen und eine Wendung an das Außen verlangen.


Verspottet, verdrängt, vergessen – Eine Gemeinschaftsausstellung des Gerhard-Marcks-Hauses und der Museen Böttcherstraße in Bremen feiert die Wiederentdeckung deutscher Bildhauerinnen.

Unter den lange übersehenen, erst in der jüngsten Vergangenheit wieder in das Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Kunstwelt geratenen Künstlerinnen stellen die Bildhauerinnen eine besondere Gruppe dar. Die Bildhauerei als vermeintlich männlichste aller Künste war für Frauen über lange Zeit sehr schwer zugänglich. Dennoch schafften es viele von ihnen, in diesen Bereich vorzudringen und ein kontinuierliches künstlerisches Schaffen zu etablieren. Dies ändert nichts an der Tatsache, dass viele ihrer Namen, vor allem aber ihre Werke bis heute unbekannt sind. Gegen dieses Vergessen positioniert sich die Ausstellung „Bildhauerinnen“, eine Kooperation des Gerhard-Marcks-Hauses und der Museen Böttcher­straße in Bremen.

Die Ausstellung ist eine kaleidoskopartige Präsentation mit Werken von 51 deutschen Bildhauerinnen, deren Schaffenszeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart reicht. Durch die Aufteilung auf die beiden Häuser erhält die zuvor in den Städtischen Museen Heilbronn gezeigte Ausstellung eine thematische Fokussierung. Während in den Museen Böttcherstraße hauptsächlich formalästhetischen Fragen nachgegangen wird, befasst sich das Gerhard-Marcks-Haus mit den gesellschaftlichen Hürden und künstlerischen Klischees, mit denen sich die Bildhauerinnen in ihrem Schaffen konfrontiert sahen und gliedert die Ausstellung dementsprechend. Diese Hürden und Klischees beziehen sich vor allem auf für Frauen vermeintlich an­gemessene Materialien und Themen. Unter Überschriften wie „Kirche“, „Mutter und Kind“ oder „Arbeit“ wird verdeutlicht, wie die Bildhauerinnen sowohl durch die Aneignung dieser Klischees als auch durch den Widerstand gegen diese Zuschreibungen zu einer ganz eigenen künstlerischen Ausdrucksweise fanden.

Besonders eindrucksvoll gelingt dies in dem Raum, der sich dem „Klischee“ des Porträts widmet. Hier wird besonders deutlich, wie ungerechtfertigt die Nichtbeachtung von Bildhauerinnen unter künstlerischen Aspekten ist. Zu sehen sind Arbeiten, die in ihrer Vielfalt von Formsprache und Material beeindrucken. Porträtbildhauerei galt lange als einer der wenigen für Frauen akzeptablen Tätigkeitsbereiche. Auffällig ist, dass die frühen Arbeiten vor allem berühmte Persönlichkeiten zeigen. Dies spiegelt die Tatsache wieder, dass im 19. Jahrhundert für den Erhalt von Kunstwerken von Frauen vor allem entscheidend war, wen sie abbildeten und nicht wer das Werk geschaffen hatte. Die repräsentativen Porträts wie die „Bismarck-Büste“ von Elisabet Ney, aber auch Künstlerporträts wie die Bronze „Heinrich Vogeler“ von Clara Rilke-Westhoff, verdeutlichen diesen Aspekt. Demgegenüber widmet sich der zweite Teil des Raumes dem Selbstporträt und veranschaulicht in den dort versammelten Kunstwerken die Emanzipationsbewegung der Bildhauerinnen. Auf der einen Seite des Raumes ist ein Selbstbildnis Anna von Kahles von 1879 zu sehen. Neben der besonderen Stofflichkeit des Kleides und der Haube überrascht vor allem die lebensnahe Darstellung des Gesichtes der Künstlerin, die eigene Falten und den Ansatz eines Doppelkinns nicht verbirgt. Dennoch ist auffällig, dass sich Von Kahle hier nicht als Künstlerin, schon gar nicht als Bildhauerin prä­sentiert, sondern eine klassische bürgerliche Darstellung des 19. Jahrhunderts wählt. Ganz anders sieht es auf der anderen Seite des Raumes aus. Hier werden vier Selbstproträts aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt. Gemeinsam ist diesen Arbeiten von Renée Sintenis, Käthe Kollwitz, Ilse Fehling und Guta von Freydorf eine selbstbewusste Behauptung der eigenen Künstlerinnenpersönlichkeit gegenüber der damaligen gesellschaftlich akzeptierten Rolle der Frau. Besonders aussagekräftig ist unter diesem Aspekt die kleine Terrakotta-Arbeit „Sculptura (Selbstbildnis)“ von Guta von Freydorf. Indem Freydorf den eigenen Akt, der skizzenhaft modelliert bleibt, mit Klöpfel und Meißel, den klassischen Attributen der Bildhauerei, ausstattet, reklamiert sie die Deutung des eigenen Körpers für sich und positioniert sich selbstbewusst als Bildhauerin.

An den Wänden der Ausstellungsräume begegnen den BesucherInnen immer wieder Fotografien nicht ausgestellter Arbeiten. Aufgrund von gesellschaftlichem Druck, Diffamierung durch die Nationalsozialisten oder schlichtem Desinteresse ging eine Vielzahl von Werken von Bildhauerinnen verloren und ist heute nur noch durch überlieferte Abbildungen oder zeitgenössische Erwähnungen bekannt. Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien verdeutlichen schon allein durch ihre schlechte Qualität diesen Verlust der Originale anschaulich. Kleinformatig, unscharf und dunkel können sie nicht ansatzweise mit der Präsenz der physisch vorhandenen Skulpturen mithalten und erheben so auch keinerlei Anspruch darauf, als Ersatz für diese zu gelten. Anhand der Künstlerin Lili Gräf wird das in allen Räumen bereits anklingende Schicksal vieler der nur durch zweidimensionale Abbildungen vertretenen Bildhauerinnen noch einmal unter der Überschrift „Leerer Sockel“ gebündelt. Das Werk der unter anderem am Bauhaus tätigen Holzbildhauerin galt lange als verschollen. Die hier ausgestellte Holzfigur „Narr und Puppe“ von 1926 ist eine Wiederentdeckung, die erstmals seit dem Tod der Künstlerin 1975 eine objektbezogene Auseinandersetzung mit ihrem Werk jenseits der erhaltenen Fotografien erlaubt.

Die Vorarbeit, die das Gerhard-Marcks-Haus mit dieser kulturhistorischen Einordnung leistet, ermöglicht den Museen Böttcherstraße, den Fokus allein auf die Skulpturen als Kunstwerke zu richten. Was bleibt ist der Eindruck einer Fülle von beeindruckenden Bildhauerinnen und der Wunsch, mehr über die Arbeit und das Leben der einzelnen zu erfahren. Dies wird die Aufgabe zukünftiger Ausstellungen und Forschungen sein. Die Bremer Museen haben hierzu einen bemerkenswerten Auftakt geliefert, der nicht nur vergessene Künstlerinnen wieder ins Bewusstsein holt sondern auch das Bild der gesamten deutschen Bildhauerei erheblich erweitert.