Peter Wächtler – Ad Astra

Installation View, Peter Wächtler, Ad Astra, Kunsthalle Zürich 2019
©Photo: Lucas Ziegler

Woran erkennen wir gute Kunst? Daran, dass sie in der Kunsthalle hängt? Dass sie viel kostet und Auktionsrekorde schlägt? Dass sie gesammelt wird? Dass Celebrities sie kaufen? Dass in Zeitschriften darüber geschrieben wird? Dass wir sie verstehen? Oder gerade nicht verste-hen? Dass sie von Können kommt? Dass sie schön ist und uns gefällt? Dass sie viral geht und weltweit kommentiert wird? Dass sie provoziert und inspiriert? Alle diese Fragen treffen auf die Kunst von Peter Wächtler zu, aber sie scheinen ihr auch egal zu sein. Peter Wächtler, 1979 in Hannover geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Er schreibt Texte, dreht Filme, zeichnet, malt Bilder und macht Skulpturen und Objekte. Die menschliche Figur ist dabei zentral. Sie tritt in verschiedenen Formen, Haltungen und Interaktionen auf, so wie sie es auch im richtigen Leben tut. Es gibt in Wächtlers Kunst keine Furcht vor der Figuration, aber auch kein übermässiges Vertrauen. Sie wird nicht, wie so oft, verehrt und verherrlicht, aber auch nicht kritisiert oder in endlosen Grotesken persifliert. Sie ist schlicht unumgänglich und schreitet oder wankt von Leben, Kultur und Politik beladen durch die Gegend. Sie triumphiert und stolpert, wird manipuliert und geschlagen, sie überschätzt sich und kann nicht hoch genug geschätzt werden. Das ist ebenso tragisch wie komisch und diesem Spannungsbogen ist Wächtlers Werk verpflichtet. Was leichter gesagt, als getan oder auszuhalten ist. Gerade heute stehen wir wieder einmal in einer Zeit, in welcher der menschliche Körper zum leidenschaftlichen Thema geworden ist – in Gender-Debatten, in der Identitätspolitik oder bezüglich künstlicher Intelligenz. Da mag es verstören, dass Wächtlers Kunst auf scheinbar altmodische Weise der menschlichen Figur huldigt: ein armes Ding auf existentieller Reise ins Ungewisse, verloren zwischen Selbstzweifel, Begeisterung und Ironie. Ach ja, was waren das für grossartige Zeiten! Nur dass es sie gar nie gab. Tatsache ist, dass die Wächtlersche Kunst zuweilen mit unseren Gefühlen spielt, wenn sie uns also anzieht und sich gleich wieder ent-zieht, als würde sie alldem und sich selbst nicht trauen. Oder gehen wir die Sache falsch an? Sollten wir diese Kunst mit mehr Distanz sehen, statt über «menschliche Figur», «Geschich-ten» oder «Atmosphäre» sprechen? Wie wäre es, wenn wir an ihrer Stelle «Rhetorik», «Analy-se» oder «Metapher» setzen würden? Denn wir stehen vor einer Bildwelt, die virtuos mit Sprache spielt, mit Inszenierung jongliert, mit Künstlichkeit und einer Art verschrobenen Sachlichkeit. Wenn man also Wächtlers Kunst auf den ersten Blick mit deutscher Romantik oder mit den goldenen Weimarer Jahren in Verbindung bringen möchte; wenn man Wächtler gerne in die Nähe von Künstlern wie Otto Dix rücken möchte – ja warum auch nicht. Das wäre, als ob man sich auf nostalgischem Fuss ausruhte. Denn mehr als es zunächst scheint, ist seine Kunst der Gegenwart verpflichtet, deren Verwirrtheit, Wünsche und Unsicherheit er mit verbrauchten Motiven nachgeht: In der Vergangenheit und ihren überholten Redewendungen erkennt man sich oft besser. So schaut sich Wächtlers Kunst beim Sich-Formulieren immer auch selbst zu, begeistert, ungläubig, hingebungsvoll und peinlich berührt. Und wir mit ihr. Wie gesagt, es gibt in dieser Kunst und in den von Wächtler verfassten Texten keine Scheu vor Geschichten, auch nicht vor dem Erzählen. Aber geht es tatsächlich um diese Fabulierlust? So publizierte Wächtler 2012 die Kurzgeschichte The Set, auf sie folgte 2014 die Textsammlung Come On (leider vergriffen), und nun, fünf Jahre später, erscheint Jolly Rogers. Der Textband entstand im Zusammenhang mit seiner Einzelausstellung in der Bergen Kunsthall Anfang 2019 und liegt pünktlich zur Eröffnung in Zürich vor. Jolly Rogers versammelt neuste Kurztexte, die wie Vignetten einer grösseren Geschichte funktionieren. Nur wird einem diese nicht wirklich klar – weil es sie möglicherweise nicht gibt oder braucht? Nichtsdestotrotz sind die Geschich-ten so angelegt, dass sie beim Lesen den Eindruck vermitteln, sie gehörten zusammen und seien Fragmente eines Ganzen. Vor lauter Bäume sehen wir den Wald nicht mehr. Jeder einzel-ne Text, jedes einzelne Werk artikuliert sich über Fokussierung und man fühlt sich immer zu nahe, ohne dieser Nähe entrinnen zu können. Wir befinden uns in einem Zoom, als wolle der Autor und Künstler einem alles sagen und zeigen. Daraus ergibt sich weicher Komfort, grosse Aufmerksamkeit und eine latente Verstörtheit. Genau so ist nun mal das Leben in der Lupe: immer gross, aber im falschen Massstab in einer Zeit getrieben von Partikularinteressen, Selbstoptimierungs-Übungen und von einem Ich, das sich als Opfer oder Disruptor inszeniert.
So unterschiedlich die Arbeiten von Wächtler auch sind, es verbindet sie eine Art Abgeschlos-senheit. Diese erzeugt eine laborähnliche Situation und ermöglicht somit den oben beschrie-benen Fokus. Wächtler stellt im Grunde klassische Huis Clos her, also geschlossene Settings oder Kammerspiele. Huis Clos ist nicht nur der Titel eines Romans von Jean-Paul Sartre, sondern er bezeichnet geschlossene Raumsituationen, in welchen sich, ähnliche einer Ver-suchsanordnung, ein Film, eine Geschichte oder ein Theaterstück abspielt. Zum Beispiel in einem U-Boot oder einem Zimmer. Das Format des Huis Clos ist insofern aktuell und brisant, als es in seiner Struktur der Blase (Social Media-Bubble) ähnelt. Wobei jedoch das Huis Clos nicht der Abschottung dient, sondern, im Gegenteil, der Austragung von Differenzen. Ad Astra, die Ausstellung in der Kunsthalle Zürich, zeigt einen gerade eben fertiggestell-ten Film und drei Skulpturen. Sie alle sind neuste Arbeiten des Künstlers und gerade die Skulpturen zeigen, wie Wächtler diesen Zustand der offenen, narrativen Geschlossenheit beherrscht: Aus Gips geformte, übergrosse Füllfederhalter kreisen schwebend um sich selbst. Es ist, als würden sie Briefe in den Raum schreiben, unbekannte Texte entwerfen, Wörter für die Luft. Sie haben die völlige Freiheit, aber nur innerhalb eines bestimmten, streng definierten Radius. Nicht unähnlich funktioniert auch Poesie, die auf engstem Raum Dichte herstellt. Oder aber Untitled (Vampire), der neuste Film mit Peter Wächtler in der Hauptrolle des Vampirs. Als untotes und unsterbliches Geschöpf, das sich vom Blut der anderen ernährt, steht der Vampir als klassischer Vertreter der Blasen-Kultur vor uns. Alles dreht sich um ihn und seine Welt, seine Triebe und seine Lust, da hilft auch Knoblauch nicht weiter. Steht der Vampir gar für das Künstlersein selbst? Oder überhaupt für die Kunst? Auch sie versteht sich als unsterblich und verharrt in einem Zustand zwischen Leben und Tod, auch sie muss von uns durch Betrachtung, Lesen, Hören und Rezitieren immer wieder von Neuem belebt werden. So sind wir ihr Blut. Und wie der Vampir, so ist auch die Kunst räuberisch, parasitär, in sich gekehrt, narzisstisch, gemein, manchmal pervers und vor allem nicht tot zu kriegen. Alles Gründe, warum wir sie so lieben.

Daniel Baumann

www.kunsthallezurich.ch/de