A Touch of Light – Patrick C. Haas im Gespräch mit Morgaine Schäfer

Morgaine Schäfer, Schreibtisch Skizze A Touch Of Light, 2018 (c) die Künstlerin und VG Bild-Kunst

Die zur Zeit in Tel Aviv lebende Morgaine Schäfer (*1989 in Wolfsburg), studierte bei Christopher Williams in Düsseldorf und erhielt für ihre Abschlusspräsentation den Ehrenhof Preis 2017. Seitdem ist die junge Künstlerin im Museum Kunstpalast, der Baustelle Schaustelle und einigen Gruppenausstellungen in Köln/Düsseldorf zu sehen gewesen. Im Rahmen der Vorbereitungen für ihre erste Einzelpräsentation ‘A Touch Of Light’ in einer kommerziellen Galerie (Fiebach Minninger, Köln, 07.09.-13.10.2018 ) entstand folgendes Interview via Email, WhatsApp und Skypecalls. 

Patrick C. Haas: Du überraschst mich doch jedesmal. Die Ausstellung hier in der Galerie ist einmal wieder ganz anders, aber doch gibt es eine sehr klare Verwandtschaft zu den Arbeiten, die man bisher von dir sehen konnte. Daher möchte ich mit der einfachen Fragen zum Einstieg beginnen: Warum das Motiv der Transparenz und die einhergehende Leichtigkeit?  

Morgaine Schäfer: Für mich sind Erinnerungen leicht und transparent. Sie sind kaum zu fassen, aber in bestimmten Momenten doch ganz klar abrufbar. Genauso ist Licht für mich etwas das ganz konkret anwesend ist und Gegenständen Form und Farbe verleiht aber auch gleichzeitig alles überblendet und unkenntlich macht. Leichtigkeit und Transparenz sind für mich somit eine Möglichkeit, einen Eindruck, ein bestimmtes Gefühl, den Gegenständen, die wir alle aus unserer eigenen Vita abrufen können, eine ambivalente, allgemeingültig Form (und Farbe) zu geben. 

Morgaine Schäfer, The Body In Perpetual Motion, 2015, Installationsansicht, Buchhandlung Walther König Düsseldorf (c) die Künstlerin und VG Bild-Kunst

PCH: In wieweit passt für dich das Motiv, oder Objekt, des Vorhangs in deine Arbeit? Immerhin werden wir durch den Eingangsbereich der Galerie von einem solchen begleitet. Diese Arbeitsweise hattest du damals bei unserer gemeinsamen Ausstellung auch gewählt, und lässt sich in abstrahierter Form auch in deiner Fensterarbeit für das Photo Weekend in Düsseldorf (2015) finden. 

MS: Der Vorhang ist ein so vielseitiges Objekt: Er kann vor Licht oder Blicken schützen, oder man kann ihn ganz bewusst beiseite schieben und erhält so einen Aus-/Einblick. Vorhänge spielen von Natur aus mit Transparenz, Opazität, bis hin zur Undurchsichtigkeit. In der Ausstellung in Bernkastel-Kues hat das Objekt den Blick des Betrachters geführt und so Blickachsen durchschnitten. Im langen Schaufenster der Buchhandlung Walther König ging es darum, der Vielfalt von Büchern/Wissen eine emotionale, persönliche Schicht entgegen zu setzen. Die ausgewählten Fotos von Dias im Fenster mit den Buchcovern, Angestellten und Kunden ergaben eine Choreografie von „Menschlichkeit/Gedächtnis“; ein quasi exemplarisches Bild vom allgemeinen Wissen der sich aus einem „Pool of Images“ ergießt. 

Hier in der Ausstellung geht das Objekt des Vorhanges konkreter auf eine Art „äußere Haut“ ein. Wie ein Haus, das als die „äußerste Schicht“ des menschlichen Körpers begriffen werden könnte. Der Vorhang wird somit zu einer Erweiterung des Körpers. 

Morgaine Schäfer, Skizze Raum zu A Touch Of Light, 2018 (c) die Künstlerin und VG Bild-Kunst

PCH: Deine Motive sind oft von Erinnerungen geleitet, welchen Stellenwert haben diese als Material für deine Arbeit? Immerhin haben sie eine sehr persönliche Note bei dir, da sie aus einem Familienarchiv stammen. 

MS: Erinnerungen, auch wenn diese vor der eigenen Zeit liegen, sind wichtig für die eigene Entwicklung. Nicht nur das eigene Erlebte wird in unserem Gedächtnis und in unseren Zellen gespeichert, sondern auch das, was unsere Vorfahren erlebt und erfahren haben. Dies wird dann oft als kollektives Gedächtnis verstanden und ist ebenfalls ein Teil von uns und unserer Geschichte, unserer Entwicklung. Aber Persönlichkeit entwickelt sich nun mal nicht aus uns selbst heraus; man übernimmt Verhaltensmuster und -strategien seines Umfeld bis zu einem Punkt, an dem man aktiv entscheiden kann, welche Strategien man in gewissen Situation anwenden möchten. Man ist also nur die Summe seiner Einflüsse – DNA, Familie, Freunde, usw. Hier spielen Erinnerungen eine wichtige Rolle, da sie uns von Anbeginn begleiten. Auch wenn diese ganz individuell sein können, sind diese doch nie komplett individuell – denn in einer ähnlichen Art und Weise ist das, woran man sich erinnert, mit Sicherheit einer anderen Person auch widerfahren. Meine Idee eines kollektives Bildgedächtnis spielt genau auf solche Erinnerungen an, weshalb Erinnerungen als Material für mich einen sehr hohen Stellenwert haben. Sie bilden den Ausgangspunkt für viele meiner Arbeiten. Ich versuche also, mit meiner Motivwahl, allgemein gültige Aussagen mit Wiedererkennungswert zu treffen.

PCH: Bild, Text und Präsentation stehen bei dir in einer spannenden, aber oft fragilen Balance. Gibt es für dich einen Aspekt der wichtiger ist?

MS: Ich versuche schon immer dem Bild an sich die wichtigere Position zu geben. Immerhin produziere ich in erster Linie Bilder, auch wenn diese nicht immer das klassische Format von einer zwei-dimensionalen Fläche annehmen. 

PCH: Dennoch gehst du häufig in den Raum, was bedeutet für dich das hinaustreten aus der Welt der X-Y-Achse?

MS: Mit dem “in den Raum gehen”, versuche ich eine räumliche Narrative zu erzeugen und somit auch Querverweise zwischen meinen Objekten herzustellen. Zudem muss ich zugeben, dass ich es ganz einfach mag, dem Betrachter die Möglichkeit zu geben, die Bilder sowohl mit dem Geiste als auch körperlich zu erfahren.

PCH: Eine Thematik die du immer wieder forcierst ist das „Bild-im-Bild“, welche Rolle spielt für dich dieses Arbeiten?

MS: Das „Bild-im-Bild“ ist für mich ähnlich wie eine Collage. Es gibt mir die Freiheit verschiedene Quellen und Zeitlichkeiten in einem Bild zusammenführen. Ähnlich der Arbeit mit dem Raum, es geht darum das Bild zu erweitern, zu öffnen und ihm mehr Freiheit zu geben. 

Morgaine Schäfer, The Body In Perpetual Motion, 2015, Installationsansicht, Buchhandlung Walther König Düsseldorf (c) die Künstlerin und VG Bild-Kunst

PCH: Bei deinen Fotografien findet sich immer die dokumentierte Geschichte, in Form von persönlichen Dias oder Objekten, in einem subjektiv “nüchternen” Bild. Wie kam es zu diesem (ungewöhnlichen) Zusammenspiel?

MS: Inspirierend fand ich ein Herrschaftsporträt, welches ich damals in Krakau im Königsschloss auf dem Wawel gesehen habe. Dieses Bild lies mich die „Bild-im-Bild“ Technik noch einmal aus einem anderen Blickwinkel verstehen. 

Das Gemälde von Henri Gascar in Wawel zeigt die königliche Familie, allerdings residierte der König (Jan III. Sobieski) zur Zeit der Herstellung des Werks in Wien und glänzte durch Abwesenheit. Ein Umstand, den Gascar mittels eines Bild im Bild festhielt. Der Künstler stellte die Familie rund um ein oval eingefasstes Portrait Jan III. Sobieski auf, wodurch der symbolische Charakter des Portraits noch weiter gesteigert wird.

Soviel zur Inspiration; was für mich jedoch genauso wichtig ist, ist dass man unterschiedliche zeitliche Ebenen miteinander in einem Bild verbinden kann. Es ist vielleicht am besten vergleichbar mit einer Fußnote in einem Text und eröffnet mir neue Spielräume um Erinnerungen aus dem kollektivem Gedächtnis hervorzurufen. Hierfür versuche ich darauf zu achten, meinen Arbeiten eine gewisse Nüchternheit zu erhalten, sodass sie sich von meiner Person trennen können. Sie sollen mehr als Stellvertreter wahrgenommen werden, damit die Betrachter sich mit den gezeigten Personen/Objekten identifizieren können. Im Idealfall fangen sie an, über sich und ihre persönlichen Historie nachzudenken. 

PCH: Als Versuch das kurz (und stark vereinfacht) zusammen zu fassen: Deine Arbeit wird also zu einem Spiel mit einer Form von (unter anderem) herrschaftlicher Repräsentation, aber dabei die mit unter familiären und sehr persönlichen Eindrücke zu neutralisieren und für Jedermann zugänglich zu machen?

Morgaine Schäfer: explanatory (BWS 1076 Woman With Cigarette), 2018, Inkjet Print, 40 x 50 cm (c) die Künstlerin und VG Bild-Kunst

MS: Es ist definitiv ein wenig komplexer. Zuerst war da das Dia aus dem familiären Archiv, sprich die Persönliche Ebene.Um diese Intimität zu brechen, habe ich mich nach einer Neutralisierungs-Ebene umgeschaut. Zwischen zeitgenössischen Magazinaufnahmen und historischer Malerei, waren (Familien-) Porträts definitiv interessanter, als die Fotos in Hochglanz-Magazinen. Unter anderem wollte ich kein Statement zu unserer Zeit machen, sondern auf die Gesellschaft in einer erinnerungs-geschichtlichen Weise eingehen. Ebenfalls schien es mir interessanter, dem Dia ein technisch aktuelleres Medium an die Seite zu stellen. Durch die übernatürliche Schärfe der Aufnahme, bekommt die Person im Bild etwas Unwirkliches, Künstliches und wird somit zu einem Stellvertreter für den Betrachter. 

PCH: Eine dreiste Frage, die ich dir glaube ich schon einmal gestellt habe, die hier aber auch noch interessant sein könnte. Fertigst du ab und an auch Motive an, oder stammen die Objekte, die wir von dir bisher gezeigt bekommen haben allesamt aus deinem “Familienarchiv” (der persönlichen Sammlung von Dias deines Vaters)? 

MS: Kommt drauf an, von welcher Arbeit wir sprechen. Ich fertige schon auch selber Fotografien an, die ich wiederum weiter verwende. Allerdings bei den Dias und auch den schwarz-weiß Aufnahmen/Blowups handelt es sich durchweg um Footage aus dem Fotoarchiv meines Vaters.