ACIDATE:::::(take that):::::saucy – Notiz von Muriel Meyer

Durch einen kurzen Flur führt der Zugang zum quadratisch wirkenden Ausstellungsraum der Baustelle Schaustelle in Essen. Ein Vorhang muss zur Seite geschoben werden, um den Raum zu betreten. Der Vorhang aus durchsichtigem Plastik ist mit weißer Acrylfarbe in All-over-Technik bemalt. All-over meint Malerei, die sich über ihren Bildrand hinwegsetzt. Der Vorhang trennt den alltäglichen Büroraum vom Kunstraum, der durch den bedeckten Boden zum begehbaren Bild wird. Eine glitzernde Plastikfolie gestaltet die Raumebene aus. Das perlmuttähnliche Farbspektrum der Folie reicht von grünlich, golden, blau bis pink, rosa und lila. Falten strukturieren die Fläche, die an Tangram-Formen erinnern, aber keines ergeben. Das Licht der Neonleuchtröhren spiegelt sich durch die Falten und ermöglicht der Farbvarianz, eines Regenbogens ähnlich, sich vollständig zu zeigen. Das Wegschieben des Vorhangs erlaubt einen Spannungsmoment, der aufgeht in der erwartungsvollen Atmosphäre, die der märchenhaftscheinende Boden kreiert. Vom Eingang gesehen nahe der rechten Raum-Ecke befindet sich der Bildgegenstand des Environments. Auf dem Boden in einem losen Haufen liegen Kartoffeln, die zunächst für Steine gehalten werden können. Sie stehen in ihrer farblichen Kargheit aus Grau- und Brauntönen im Kontrast zum glitzerfarbigen Boden und zum Weiß des Vorhangs sowie des White Cubes.

Die Installation gibt sich wie ein Traum. Durch einen halbdurchsichtigen weiß bespritzen Vorhang, wird ein perlmuttschimmerndes Inneres begehbar, in dessen Mitte zunächst unkenntliche Objekte liegen. Von dem Haufen darf sich genommen werden. Die äußere Hülle ist weich und kann aufgebrochen werden. Wie die Haut eines Eies schält sich der Inhalt hervor – eine gegarte Kartoffel. Hineingebissen, wird das mehlige Fleisch sichtbar, das lila gefärbt ist. Das All-over scheint dank Jackson Pollock unwiderruflich männlich konnotiert (obwohl dieser die Technik laut Clement Greenberg von Janet Sobel abgeguckt hat). Das Perlmuttschimmern des Bodens lässt an eine Muschel denken, warum nicht gleich an eine Vulva. Im glitzernden Inneren der Schatzkammer findet sich die Darbietung in Form eines Haufens, wie eine Opferung. Die Farben der Salzteighülle lassen an verbrannte, verkohlte Überreste denken. Das Zu-sich-nehmen der Erdfrucht schält sich hervor, wie die Geburt aus einem Ei. Was wir erhalten ist sehr alltäglich und ernährt einfach.

Die Kartoffeln im Kunstkontext, da fällt sofort Van Goghs Stillleben und seine Kartoffelesser ein. Beuys und Polke. Die Kartoffel hat etwas Bäuerliches und Solides. Der Haufen als Form birgt auch ihre Herkunft, die Erde. Die Möglichkeit der Partizipation enthält etwas Ephemeres, trotzdem steht nicht die Veränderung im Blickpunkt, sondern die Schaffung eines Bildes, das eine Raumatmosphäre erzeugt. Inwieweit werden Materialen und Objekte zu Symbolen? Polare Identitäten wie Künstlichkeit und Natürlichkeit in der Präsenz von Plastik und organischem Material treten auf. Schwarzes Gold in Form von Plastik sowie Erdäpfel als die irdischen Früchte im Gegensatz zu den Himmlischen und dem goldenen Reichsapfel. Action-Painting versus gegenständlichem Gehalt. Industriell produziert trifft auf handgemacht. Faltungen, Glitzer und Vorhang als Arrangement gegenüber einem Haufen Vergänglichkeit. Der Geschmack von Trüffelkartoffeln, der ein wenig nussiger und feiner ist, als der, gewöhnlicher Kartoffeln.

Es darf gespannt erwartet werden, was die Kuratorin Romina Dümler mit Liza Dieckwisch, Julia Gruner und Klara Kayser zu ihrer zweiten Ausstellung ACIDATE:::::(take that):::::sweet Anfang April 2017 anzubieten haben.

Text: Muriel Meyer

 

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Liza Dieckwisch, Julia Gruner & Klara Kayser: ACIDATE:::::(take that):::::saucy, 2016, Regenbogen-Kunstleder, Kunststofffolie, Acrylfarbe, Salzteig, Trüffelkartoffeln, Nero di Seppia. Foto: Baustelle Schaustelle

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Liza Dieckwisch, Julia Gruner & Klara Kayser: ACIDATE:::::(take that):::::saucy, 2016, Regenbogen-Kunstleder, Kunststofffolie, Acrylfarbe, Salzteig, Trüffelkartoffeln, Nero di Seppia. Foto: Baustelle Schaustelle

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Liza Dieckwisch, Julia Gruner & Klara Kayser: ACIDATE:::::(take that):::::saucy, 2016, Regenbogen-Kunstleder, Kunststofffolie, Acrylfarbe, Salzteig, Trüffelkartoffeln, Nero di Seppia. Foto: Baustelle Schaustelle

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Liza Dieckwisch, Julia Gruner & Klara Kayser: ACIDATE:::::(take that):::::saucy, 2016, Regenbogen-Kunstleder, Kunststofffolie, Acrylfarbe, Salzteig, Trüffelkartoffeln, Nero di Seppia. Foto: Josephine Scheuer

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Liza Dieckwisch, Julia Gruner & Klara Kayser: ACIDATE:::::(take that):::::saucy, 2016, Regenbogen-Kunstleder, Kunststofffolie, Acrylfarbe, Salzteig, Trüffelkartoffeln, Nero di Seppia. Foto: Baustelle Schaustelle

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Liza Dieckwisch, Julia Gruner & Klara Kayser: ACIDATE:::::(take that):::::saucy, 2016, Regenbogen-Kunstleder, Kunststofffolie, Acrylfarbe, Salzteig, Trüffelkartoffeln, Nero di Seppia. Foto: Baustelle Schaustelle

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Liza Dieckwisch, Julia Gruner & Klara Kayser: ACIDATE:::::(take that):::::saucy, 2016, Regenbogen-Kunstleder, Kunststofffolie, Acrylfarbe, Salzteig, Trüffelkartoffeln, Nero di Seppia. Foto: Baustelle Schaustelle

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Liza Dieckwisch, Julia Gruner & Klara Kayser: ACIDATE:::::(take that):::::saucy, 2016, Regenbogen-Kunstleder, Kunststofffolie, Acrylfarbe, Salzteig, Trüffelkartoffeln, Nero di Seppia. Foto: Baustelle Schaustelle

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Liza Dieckwisch, Julia Gruner & Klara Kayser: ACIDATE:::::(take that):::::saucy, 2016, Regenbogen-Kunstleder, Kunststofffolie, Acrylfarbe, Salzteig, Trüffelkartoffeln, Nero di Seppia. Foto: Baustelle Schaustelle

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Liza Dieckwisch, Julia Gruner & Klara Kayser: ACIDATE:::::(take that):::::saucy, 2016, Regenbogen-Kunstleder, Kunststofffolie, Acrylfarbe, Salzteig, Trüffelkartoffeln, Nero di Seppia. Foto: Josephine Scheuer

 

Baustelle Schaustelle e.V.
ACIDATE:::::(take that):::::saucy
Liza Dieckwisch
Julia Gruner
Klara Kayser
Kuratiert von Romina Dümler
28.10.2016 – 30.11.2016
Brigittastr. 9
45130 Essen