Die Grosse Langeweile

Alexander Nowak lebt und arbeitet in Berlin. Seine Arbeiten changieren zwischen Performance, Installation, Skulptur, Theater, Text, Sound und Film. Auf bemerkenswerte Weise fügt Nowak alle Gattungen zusammen. Am Ende entstehen komplexe künstlerische Filme, die im Mittelpunkt seines Schaffens stehen.

Bevor sich die eigentliche Arbeit entfaltet, sind es Gedanken, Gefühle, Momente und Erinnerungen, die den Künstler einholen. Aus dieser geballten Flut fiktiver und autobiografischer Einflüsse entsteht zu allererst ein Text. Eine Aneinanderreihung von Wörtern und Segmenten. Das Fundament. Nowak schreibt, kombiniert und begibt sich dabei in die Tiefe einer anderen Sphäre. Es ist der Anfang eines langen Weges – der Beginn eines intensiven, künstlerischen und ausgesprochen kreativen Schaffensprozesses. Seine Texte unterliegen keinem herkömmlichen Textaufbau oder einer gängigen Textgestaltung. Nowak hält sich nicht an ein grammatikalisches Regelwerk. Es geht auch nicht darum, dass das Publikum einem verständlichen und flüssigen Text gegenübersteht. Es ist eher ein Prozess, der sich verselbständigt. Ein authentisches Ergebnis aus dem Inneren des Autors. Nach und nach entwickelt sich eine Geschichte. Öse für Öse wird gestrickt. Das Gefüge aus Wörtern und Zeichen wird ergänzt durch zahllose Skizzen. Ein kreatives Gemetzel. Die Figuren, bestimmte Typen, die für Nowaks Werk charakteristisch sind, wachsen aus den Texten heraus. Mit ihnen und ihren positiven sowie negativen Eigenschaften steht die Geschichte. Ein Sammelsurium aus Text, Bild, Ton und Figur verdichtet sich zu einer Story – einem Drehbuch.

minimal023_b

o.T. (Minimal)

minimal054_b

o.T. (Minimal)

Sein jüngster Film MINIMAL ist eine seiner bisher komplexesten Arbeiten. Ein Jahr lang hat er gemeinsam mit einem kleinen Team an dem 64-minütigen Stück gearbeitet. Der freischaffende Künstler hat von der Idee des Drehbuches über Regie bis hin zum Szenenbild seinen Ideen einen Raum gegeben. Gemeinsam mit René Huthwelker haben sie, als Delay on Earth, den Sound, der in Nowaks Arbeiten eine besondere Rolle einnimmt, entwickelt. Der Film lebt von aufwendigen Kostümen, tollen Orten und bis ins Detail konstruierten Kulissen. Christine von Bernstein, Wegbegleiterin und gute Freundin des Künstlers, beweist hier, dass sie Nowaks Phantasien und Kreativität versteht und gekonnt zu inszenieren weiß. Schauplatz des Filmes ist die Grosse Langeweile. Ein von dem Künstler erfundener Ort – ein imaginärer Raum oder Zustand, in dem die Figuren immer wieder aufeinander treffen und zu konfligieren drohen. Sie wirken fremdgesteuert, rastlos, gefangen und ihren Trieben, Ticks und Versessenheiten ausgeliefert. In absurden Kostümen und zwanghaften Gesten streifen sie endlos umher. Jeder einzelne irrt durch die Straßen, gefangen in sich und seiner Rolle. Unruhig. Jede Szene bis zum Exzess. Endlos.

DIE GROSSE LANGEWEILE
TAG UND NACHT GIBT ES NICHT
IN DER GROSSEN LANGEWEILE
NUR WACHE FARBEN UND MÜDE FARBEN
MORDE PASSIEREN HIER
IN DER GROSSEN LANGEWEILE

Jacob Birken beschreibt im Pressetext zur Ausstellung ▲): ╦☻₦ ҉   in der Galerie SSZ Sued in Köln treffend, dass „Minimal auf die klassischen Genres des Unterhaltungskinos [verweist]; weniger durch Zitate, als dass die Kerngedanken dieser Genres sich eben in den Besessenheiten der Figuren ausdrücken.“ Die Figuren in Nowaks Hauptwerk sind speziell. Da gibt es beispielsweise Den Mann ohne Namen. Er erfüllt die Rolle eines Kriminalisten, der sich auf eine endlose Spurensuche begibt. Einfach macht es uns Nowak dabei aber nicht. Der Mann ohne Namen hat eine Bandage um den Kopf gewickelt und ähnelt eher einer Mumie als einem Kriminalbeamten à la Hollywood. Wie Birken bereits betonte, erkennen wir die Berufung der Figur nicht an einer Kleiderordnung, an klischeehaften Aussagen oder an typischen Verhaltensmustern. Sprache existiert in den Arbeiten des Künstlers nicht. Dialoge und Interaktionen ergeben sich aus einem Mix aus Sound, Geräuschen und Textsegmenten. Eine Komposition aus Alltagsgeräuschen. Für seine Protagonisten arbeitet Nowak klassische Charaktereigenschaften heraus. Im Fall des Spurensuchers ist es die Beobachtungsgabe, die Kombinationsgabe und das Aufspüren. Nowak stellt diese Kriterien so überspitzt da, dass am Ende nur der Mensch mit seinen Marotten und Spleens übrigbleibt. Der Mann ohne Namen geht langsam. Er hat die Mission die mysteriösen Morde und das Verschwinden der Bewohner der Grossen Langeweile aufzuklären. Jedes Detail nimmt er manisch unter die Lupe und wiederholt seine Bewegungen. Regelrechte Zwangshandlungen.

MoNgarage0

MoNfabrik0

Fur-Man, ein weiterer Bewohner der Großen Langeweile, schleppt sich einen Weg entlang. Es ist Nacht. Sein Anzug ist zerschlissen. Das gräuliche und zerzauste Haar schimmert in einem unbekannten Lichtpegel. Sein Gesicht sehen wir nicht. Das Hinken, begleitet von einem pochenden Beat, wird intensiver bis es sich ganz und gar dem Rhythmus des Sounds angepasst hat. Die Hände der Kreatur sind behaart und sein Körper halbseitig gelähmt. Er haust einsam und zurückgezogen in einem Zelt im Wald. Ein von der Liebe gezeichneter, getriebener und sehnsuchtsvoller Mensch. Und plötzlich ist er wieder da. Dieser Schmerz. Der Zwang zum Trieb. Fur-Man windet sich und schleppt sich zu seinem nächsten Opfer. Er krümmt sich über Ast und über Stein bis in die Stadt auf der Suche nach der verlorenen Liebe und nach Erlösung.

he wants the rain to wash his broken heart away

Perspektivwechsel. Wir sehen mit Fur-Mans Augen und nähern uns einer rauchenden Frau mit pinken Haaren. Unser Körper beginnt unfreiwillig zu wippen. Wir sind plötzlich Teil des Geschehens und auch wir hören den schrillen Chor der gebrochenen Herzhälften, der Fur-Man nötigt die Frau zu töten.

kill her. kill her

Und er schlägt wieder zu. Doch der Schmerz lässt nicht nach. Unbefriedigt streift er weiter durch die nasskalte und nebelige Nacht bis er auf Die Frau mit dem Dreieck im Gesicht trifft.

sie hat ein dreieck im gesicht. licht und ein hauch von schattenwurf. scharfe kanten nach oben nicht nach unten oder zur seite

Angetrieben von einem Akkordeon steuert sie ruckartig durch die leeren Straßen der Grossen Langeweile. Sie und ihr Instrument. Ihr Herz und Motor. Fur-Man nimmt die Fährte auf und schleppt sich Der Frau mit dem Dreieck im Gesicht entgegen. Wieder verspürt er diesen Drang. Zitternd unterdrückt er seine Gier. Er spielt mit ihrem Akkordeon. Zieht es. Drückt es. Agiert dabei grob und unbeholfen – bis die Frau regungslos und erschöpft zum stehen kommt.

kill her kill her kill her kill her! der chor der beiden gebrochenen herzhälften. wie oft hat er ihn schon gehört? er hasst ihn, verabscheut ihn. wie immer wird ihm schlecht. doch dieses mal ist etwas anders. er… er… er kann sie nicht töten

Fur-Man trägt die bewusstlose Frau auf der Schulter. Die Stimmen in seinem Kopf sind verschwunden. Der Herzschmerz lässt nach. Mit ihr durchquert er die Straßen der Grosse Langeweile und hält erst wieder an, als sie ein Nachtlokal erreicht haben. Behutsam legt er sie auf einen Tisch und singt ihr in schrillen und undefinierbaren Tönen ein Lied vor – eine Hymne auf die Liebe!

Fur-Mans Handlungen und Taten gleichen bis zu einem gewissen Punkt einem stereotyp inszenierten Serienmörder. Nowak spielt mit den klassischen Rollenmodellen der Filmgeschichte. Fur-Man handelt seriell und triebhaft. In Wirklichkeit ist er jedoch ein, in seinen Gefühlen gefangener, hoffnungsloser Romantiker. Die Serie an Morden scheint den Weg, den ein Mensch mit einem gebrochenen Herzen bis hin zu einem Neuanfang durchlebt, zu symbolisieren. Eine Art künstlerischer, therapeutischer Prozess. Der verwahrloste Zustand des Mannes und sein fahriges und animalisches Auftreten sowie der übertriebene Haarwuchs verkörpern einen inneren Gefühlszustand.

Im Kontrast zum Typus des Kriminalisten und Serienmörder stehen Dr. Lovecat und seine Jünger. Sie agieren hektisch und aggressiv. In ihrer weißen, uniformierten Kleidung und geschnürten Stiefeln bewegen sie sich hastig und kopflos. Die Sequenzen, in denen die Mitläufer auftreten, werden von intensiven, schnellen elektronischen Klängen begleitet.

dr. lovecat ist der wichtigste mächtigste und übernächtigste der grossen langeweile. er kann sich nicht mehr erinnern, wann er das letzte mal geschlafen hat. dr. lovecat ist der erfinder der lovecats. alle lieben die lovecats in der grossen langeweile

Der Machthaber der Grossen Langeweile benötigt Inhaltstoffe für seine Lovecats. Der Teig der Pillen wird aus der Grossen Langeweile gewonnen. Seine Befehlsempfänger entführen täglich Bewohner des Ortes und schleppen diese zum Hauptsitz des mächtigsten Mannes, wo sie in die Lovecatproduktionsmaschine gezwängt werden. Ein transformativer Prozess beginnt, bei dem den Menschen Emotionen und Liebe entzogen werden. Produktion. Konsum. Endlos und Einsam. Was am Ende bleibt: Lovecats!

Nowak_01_DSC1855

Ausstellungsansicht, Alexander Nowak, ▲): ╦☻₦ ҉ , Foto Galerie SSZ Sued

002r0_b

Still MINIMAL

Während Fur-Man seiner Errungenschaft seine Liebe beichtet, überfallen die Lovecatsanhänger das Nachtlokal und entführen Fur-Mans neu gewonnene Liebe im Auftrag des Superschurken. Die Frau mit dem Dreieck im Gesicht wird in täglicher Routine in die Maschine gestellt. Der Transformationsprozess beginnt und gerät außer Kontrolle. Es dampft, rotiert, knallt. Dr. Lovecat und sein Gefolge werden von einem ohrenbetäubenden Lärm heimgesucht. Von Krämpfen gerüttelt sinken sie bewusstlos zu Boden.

FrauMaschine0

die frau mit dem dreieck im gesicht ist mittlerweile volltständig transfortmiert. sie ist verschwunden

Übrig bleibt ein einziges vergoldetes Herz am Boden der Maschine. Zeitgleich öffnet Der Mann ohne Namen die Tür. Er ist am Tatort angelangt. Aufmerksam und vorsichtig verschafft er sich einen Überblick und steigt über die bewusstlosen Personen am Boden. Er geht in die Knie, greift nach dem glänzenden Herz und schluckt es hinunter.

er läuft aus dem lovecatproduktionsmaschinenraum und die frau ist jetzt in ihm drin

Der Kriminalist geht auf das Dach des Gebäudes. Unter ihm breiten sich die Straßen und Plätze der Grossen Langeweile aus. Sein vergoldetes Gesicht funkelt in der Nacht!

goldenBandage0

Der Film ist zu Ende. Alles ist ruhig. Der Zuschauer steckt noch in den Straßen der Grossen Langweile. Eine Sackgasse. Wir suchen nach dem Roten Faden. Etwas an dem wir uns festhalten können. Jetzt gilt es den Wahnsinn und das Konstrukt aus Charakteren, Kostümen und Musik zu verarbeiten. Wir denken an Fur-Man, an Den Mann ohne Namen, an Die Frau mit dem Dreieck im Gesicht, an Dr. Lovecat und an die vielen anderen Protagonisten und Einzelschicksale, die bisher keine Erwähnung gefunden haben. Der größte Mensch der Welt, der nur im Weltraum leben kann, weil er keinen Platz in der Grossen Langeweile findet oder der müde und desillusionierte Falsche Messias auf Rollschuhen – ein desinteressierter Showmaster. Von allem viel – nicht zu viel. Konfus und doch geordnet, durchdacht. Nach und nach greifen wir den Faden, halten ihn fest und schlängeln uns an ihm entlang. Allmählich kehren wir aus dem filmischen Geschehen zurück. Jede dargestellte Person hat eine Aufgabe. Alle zusammen ergeben eine Komposition – eine Choreografie. Ist es Kino, Film, Theater, Performance oder Installation? Es ist ein Dokument eines Schaffensprozesses, eine komplexe Arbeit und ein künstlerisches Werk.

Das Vermischen von unterschiedlichen Gattungen ist typisch für Alexander Nowaks Filme. Nicht selten wirken Figuren wie Skulpturen und ihre Handlungen wie eingeübte und künstlerisch gestaltete Bewegungsabläufe. Der Zuschauer fühlt sich an Tanz und Theater erinnert und gleichzeitig ist die Erzählstruktur eine völlig neue. Der Mensch steht im Mittepunkt. Das Individuum mit seinen Charaktereigenschaften, die nicht selten überspitzt dargestellt werden und in regelrechten Ticks und Phobien ausarten, ist ein wichtiges Thema. Der Künstler bringt das Beste und das Schlechteste in seinen Figuren zum Vorschein. Ein Experiment, das ihm gefällt.

Nowaks Arbeiten sind eine Hommage an den Film und an die klassischen Genres des Unterhaltungskinos, welche das subtile Spiel mit den Helden der Filmgeschichte bereits angedeutet hat. Wir stehen einem visuellen und bildreichen Erlebnis gegenüber. Seine Arbeiten kommen ohne Sprache aus. Die Musik ist sein Ausdrucksmittel. Eine bildgewaltige eigentümliche Ästhetik, lange Einstellungen und die psychologische Tiefe seiner Figuren erinnern an den japanischen Film. Im Gespräch mit dem Künstler tauchen Namen auf wie Paul Thek, Christoph Schlingensief, Guy Maddin, Mike Kelley und Prof. John Bock, der seine Gedanken und Herangehensweise verstanden und gefördert hat. In die Arbeiten des freischaffenden Künstlers dringen Erlebtes und Gesehenes. Der Künstler nimmt Alltägliches und Zwischenmenschliches intensiv wahr. Mit Empathie und Blick für das Detail setzt er diese Einflüsse um und überführt die daraus gewonnenen Ideen in einen anderen Kosmos.

Text: Amelie gr. Darrelmann

Momentan arbeitet Alexander Nowak an seinem neusten Projekt *Die Show*. Bereits der Titel verweist auf die Formate, die *die Show* aufgreift: Online Videoportale wie youtube, Internetshows, aber auch TV Sendungen wie Late-Night-Shows, Reality TV usw. werden dabei nicht nur zitiert, sondern gleichzeitig auch überstilisiert, dekonstruiert und neu zusammengefügt. Das Medium Film/ Kino in seiner gesamten Bandbreite dient – zusammen mit skulpturalen Elementen und Performances – als Mittel um das Showformat in eine Collage zu verwandeln, die aus mehreren Ebenen besteht. Alltagsbeobachtungen werden in einen Show-eigenen Kosmos übertragen; eine Flasche Shampoo erscheint als Showgast, Zigarettenstummel können mithilfe einer neu entwickelten Technologie Geschichten über Menschen erzählen.

 

Alexander Nowak wechselte 2008 vom Studiengang der Visuellen Kommunikation in den Bereich Experimenteller Film/Narrativer Film in die Klasse von Thomas Arslan innerhalb der Universität der Künste Berlin. Ab 2010 studierte er an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe in der Klasse von Prof. John Bock und absolvierte 2014 seinen Meisterschüler im Bereich Freie Kunst. Der Künstler lebt und arbeitet in Berlin.

http://www.alexandernowak.tv