…And Why Does Honey Exist?

Erst einmal wäre ich gar nicht hier, wenn Hussling mich nicht darum gebeten hätte, mit dieser linken Tour von ihm, wo man gleichzeitig das Gefühl hat, dass man’s ihm schuldig ist und er einem ja quasi einen Gefallen tut.
Vor allem aber mach ich das, weil ich keinen von denen kenne: Kroll, Rogusk, Tanne, Eulowitz, Machorek, was sind das überhaupt für Namen, das sind überhaupt keine Namen, ergo: ich kann hier schreiben was ich will. Wenn, dann hat ja wohl Hussling ein Interesse daran, wie das hier jetzt dargestellt wird, und das soll er dann mal schön selbst machen, soll er das dann hochschreiben, wenn er meint (dass er das runtergeschrieben haben will, kann ich mir eh nicht vorstellen, heutzutage werden die Sachen entweder hochgeschrieben, oder es wird einfach gar nicht drüber geschrieben).
Ich habe mir nämlich eine sehr gute Attitüde angewöhnt, und zwar: bloß nicht mehr im großen Zusammenhang denken, nur noch so weit wie unbedingt notwendig, nicht an das Heft oder irgendwelche Leser, den Text alleinig berechnen auf die nächste Instanz, maßgeschneidert auf das Hirn dieser einen Redakteurin, der ich das dann abliefere, für sie ist das jedes Mal ein neues Meisterwerk, aber für jeden anderen natürlich völlig wertloser Humbug, der wirtschaftliche Schaden immens, aber ich bin ja fein raus, zwei Autos.
Jedenfalls ist das hier eine Ausstellung im Süden von Leipzig, und das scheinen alles im Vergleich zu mir junge Leute zu sein, und es heißt Does Honey Exist?
Im vorderen Ausstellungsraum zur Straße hin hängen ein paar Schnüre runter mit so Kugeln dran und ein paar A 4 Blätter hängen an der Wand. Zwischen dem vorderen und dem hinteren Raum ist so eine Art überdachter Hinterhof mit Heizpilz und Bierbänken.

Da drüben, vor dem Eingang zum hinteren Raum steht eine Gruppe, die anscheinend aus eigenem Antrieb hergekommen ist und nicht, weil sie einen kennen, und da stelle ich mich jetzt dazu mit ein bisschen Abstand, und höre mir das alles an.
Geschätzt sind die noch ein bisschen unter dem Altersdurchschnitt, also eher Anfang zwanzig; zwei Typen, unterschiedlich heiß, mit so dünnen runden Brillen und irren Augen und Käppis und ein netter Dicker mit einem Bart und einer Pelzkapuze. Dann kommt ein Mädel dazu. Das Mädel ist seltsam, man kann gar nicht direkt sagen, ob sie jetzt attraktiv ist oder nicht.

Mädchen(kommt dazu): Hallo Sorry Ich komme gerade erst so dazu, redet ihr schon lange, wann habt ihr angefangen?
Typen: Hey nee, wir reden noch nicht lange. Wir haben eigentlich noch über gar nichts geredet. Der nette Typ: Wie wars denn zu Hause, du warst doch gerade bei dir zu Hause gewesen? Mädchen: Nee, doch, ich war grad zu Hause gewesen, ich bin Mittwoch zurückgekommen.
War aber nicht so gut, ich weiß gar nicht ob ich jetzt Bock habe, das nochmal alles zu erzählen.

Pause.

Es waren halt echt viele wieder da in der Woche, so Lena, Melli, Pascal, Justus und so, und wir haben uns gedacht, wir treffen uns mal wieder wie früher, so am Feld bei dieser Sitzgruppe, wo die eine Bank total verkohlt ist.
Typ: Ja haha das kenne ich, so eine Bank gab es bei uns auch, und der Mülleimer war IMMER aus diesen Halterungsdingern rausgetreten und der Müll so verteilt, wer das wohl immer gemacht hat, das wäre interessant.
Mädchen: Das hat dann aber nicht hingehauen, weil da an dem Abend dann schon so richtige Jugendliche gewesen sind, und wir sind dann ins Cafè Tropi gegangen. Das ist so total scheiße, aber wir waren da halt früher voll oft.

Wie das Mädchen wohl damals in der Zeit von Bank-am-Feld oder Cafè Tropi ausgesehen haben mag? Der eine von den beiden Typen dreht sich immer so um und kuckt (also der, der besser aussieht).

Mädchen: Im Tropi waren dann auch schon Alex, Sarah, Max, Marie aus Karben, Timm, Nikolaus, Jule, der andere Alex und der Bruder von Jakob. Naja, und da war auch dieser Typ, und ich wusste, dass das jetzt der Freund von Melli ist, aber Melli war an dem Tag noch in Köln und wollte erst am nächsten Tag ankommen.
Typen: Oh, und was war dann mit dem?
Der Nette: Wartet mal kurz Leute, ich glaube hier geht’s jetzt endlich los mit der Performance.

Da gehe ich jetzt natürlich mit. Drinnen läuft noch der Rest der Eröffnungsrede, die so ein Schauspieler hält, und dann sagt die Frau mit dem Schal, jetzt geht die Performance von Grazyna Roguski los, und zwei Boxer fangen an, Schattenboxen, und das geht jetzt einige Minuten.

Während der Performance:
Typ: Ja, und was war jetzt mit dem Freund von Melli? Mädchen: Warte noch kurz.

Jetzt habe ich Zeit, mir in Ruhe das komische Mädchen anzuschauen. Ich finde sie zunehmend widerlich. Ihre Gesichtszüge sind grobschlächtig und vulgär, aber sie muss wohl irgendwann
verstanden haben, wie man das so ganz vorteilhaft hinkriegt, dass das auf eine widerwärtige Art gut ausschaut.
Die nächste Performance fängt erst in einer halben Stunde an, und draußen stellen sich jetzt Grüppchen zusammen, obwohl es eigentlich viel zu kalt ist. Dieser eine Kerl, der vorhin schweigend neben dem Schauspieler gestanden hat, sitzt an einem der Tische und redet ganz viel. Meine Gruppe geht in den hinteren Raum, wo ein paar krüppelige Bilder hängen und eine kleine Blechdosenskulptur auf einem Sockel steht.

Der Dicke: Das ist aber keine schöne Ausstellung.
Unattraktiver Typ: Ich finde, es sind sehr wenige und sehr kleine Arbeiten auf viel zu viel Platz. Attraktiver Typ: Findest du jetzt eher, dass das was gutes ist, oder was schlechtes? Ich finde es nämlich im vorderen Raum gut und im hinteren wiederum nicht gut.
Mädchen: Was mich am meisten stört ist, dass die alle gar kein gemeinsames Thema haben. Wenn sie ein gemeinsames Thema hätten, fände ich es besser. So finde ich es relativ wahllos, und es wirkt auch nicht so, als ob da jetzt jemand gezielt sich hingestellt hat und sagt: kuckt, mal, kein Thema diesmal, denkt mal nach Leute…
Attraktiver Typ: Also da hab ich, von Anfang an, hab ich da einfach keinen Bock, mich da überhaupt erst drauf einzulassen.
Unattraktiver Typ: Das hier mit der Skulptur, von wem ist das jetzt, Felix?
Der Dicke (hat den Plan dabei): Max Eulitz
Unattraktiver Typ: Also, das von dem Max Eulitz kommt hier so krass politisch daher, so in-dein- Gesicht, mit Pegida einerseits und dann auch noch Islamischer Staat. Aber was wird denn da eigentlich gesagt, wenn der das so zusammenbringt auch noch?
Der heiße Felix: Ich kann das jetzt auch nicht so mit Worten sagen, aber ich zum Beispiel finde es cool, dass sich jemand so was traut, dass so Themen so explizit überhaupt vorkommen, statt so dekorativem High-End Kram oder so beliebten Themen, zu denen sich ja eh alle einig sind, die zu so ner Ausstellung gehen.
Unattraktivi: Naja, sagen wir mal, die die bei so einer typischen Ausstellung den Mund aufmachen sind sich einig. Weil, also jetzt besonders in Berlin und Frankfurt fällt mir das auf, da ist eigentlich immer mindestens einer oder zwei, denen das bestimmt total am Arsch vorbeigeht oder die das sogar insgeheim ablehnen, wenn es da so um, um postkoloniale Sachen geht oder Unterschiede Mann/Frau. Aber die sind halt mit ihrer Begleitung da, die irgendwie kulturinteressiert ist und, äh, wissen einfach, wann sie am besten den Mund halten.
Mädchen: Hier in Leipzig regen sich die Leute wenigstens noch auf, auch auf das Risiko, dass sie auch mal falsch liegen. Das finde ich gut hier.
Felix: Aber hier regt sich doch jetzt auch keiner auf.
Mädchen: Ja, aber so generell meinte ich. Die regen sich schon auf.

Während wir, also die Gruppe und ich da stehen, fangen ein paar Leute an, die zweite Performance vorzubereiten, das heißt sie machen erstmal das Licht aus und fangen dann an rumzukruschteln. Währenddessen erzählt die eine von den beiden einen ziemlich guten Witz. Die Band heißt Las Chinas de Billard y Ping Pong.
Die Texte von den Chicas sind zusammengesetzt aus Zeilen von bekannten Popsongs: Stichwort Sampelkultur, Hip Hop, aber die könnten doch bestimmt sehr gute eigene Texte schreiben finde ich. Insgesamt aber ein schöner Auftritt.

Der Hässlon flüstert dem Mädchen zu: Was war denn jetzt mit dem Freund von Melli?

Jetzt sind beide Performances vorbei und die Leute sind sichtlich erleichtert und sammeln sich wieder im Innenhof. Die Boxer und ihr Trainer sind schon heim. Ich überlege kurz, einfach auf die Felix und so zuzugehen und mit ihnen zu reden, jetzt wo ich sie ja schon so gut kenne. Allerdings würden sie dann in meiner Gegenwart sicher über ganz andere Sachen reden, ob man hier lebt oder zu Besuch ist und wie lange schon so.

Mädchen: also, erstens habe ich da ja in keiner Weise irgendwie drauf hingearbeitet, sondern es ist halt so passiert, es hat bloß keiner gezielt was unternommen, dass es nicht passiert, so rum war das nämlich. Zweitens flirtet Melli ja auch die ganze Zeit schamlos rum, wenn ihr Freund der Marco dabei ist. Und als sie da wiedergekommen ist aus Köln, ihr könnt euch ja vorstellen, dass das echt unangenehm war, und dann haben Marco, also der Freund von Melli, und ich uns überlegt, dass es einfach total fair wäre ihr gegenüber, wenn wir ihr das einfach sagen, das einfach aktiv ansprechen, dass am Tag davor was passiert ist, weil wir sind alle Erwachsene. Aber darauf hat Melli dann total unreif reagiert, was meiner Meinung nach völlig lachhaft war. Ich meine, wir haben es ihr ja gesagt, also hat sie überhaupt keine Berechtigung mehr, jetzt wütend zu sein auf mich, weil sie ja auch diese Beziehung noch überhaupt nicht definiert hatte.
Felix: Finde Ich jetzt aber ehrlich gesagt auch ne krasse Aktion von dir, Lea.
Lea: Ich finde das überhaupt nicht. Ich finde das ist überhaupt gar keine krasse Aktion.

(Pause)

Der Nette: Hey Leuts, Ich habe ja jetzt auch endlich mal diese eine Serie gesehen, von der ihr
immer redet.
Dieser eine hässliche Typ: Hey kommt Leute, Lea, Felix, jetzt lasst uns nicht streiten an so einem Abend.
Felix und Lea: Wieso wir? Du streitest dich überhaupt nicht. Wir streiten uns.
Nett: Das ist total so eine Situation wie aus der Serie.
Felix: Und was heißt hier überhaupt, an so einem Abend, das ist doch ein totaler Scheißabend ist das.

Plötzlich und unerwartet bringt sich der Schauspieler von vorhin in das Gespräch ein:

Schauspieler: Jens Blümlein, Entschuldigung, ich konnte nicht überhören was ihr gesagt habt, und ich kann Lea nur beipflichten, dass Melli mit ihrem echt abgefuckten Verhalten da eine gewisse Teilschuld trägt. Aber trotzdem solltest du dich auch einmal in Melli hineinversetzen.
Aber dir Felix kann ich leider nicht zustimmen, tut mir leid. Du sagst hier einfach so pauschal, dass das ein „Scheißabend“ ist, aber hast du überhaupt schon mal so eine Ausstellung organisiert? Denn wenn du es nicht besser machen kannst, würde ich mich mit so einer Kritik zurückhalten.
Hier haben nämlich viele Leute echt viel Mühe reingesteckt, und mag sein dass es jetzt nicht total gut geworden ist, aber wenigstens haben sie es versucht, sie sind einmal herausgegangen und haben es versucht, und darum geht es wie ich finde, aber es ist nur meine Meinung.

Text: Gohn Tayne

Diese Rezension sollte ursprünglich in der Märzausgabe des FLIP-Magazins erscheinen. Wenn ihr neugierig geworden seid und wissen wollt, wie es mit Melli, Lea, Hussling und der Bande weitergeht, holt euch jetzt das neue FILP am Kiosk.

 

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Grażyna Roguski, “o.T. (Boxer)”, 2016, Instal- lation/Perfomance, Silikonkautschuk, Springseile

 

Bildschirmfoto 2016-04-08 um 09.24.49

Grażyna Roguski, “o.T. (Boxer)”, 2016, Installation/Perfomance, Silikonkautschuk, Springseile

 

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Grażyna Roguski, “o.T. (Boxer)”, 2016, Installation/Perfomance, Silikonkautschuk, Springseile

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Grażyna Roguski, Tom Król (Hintergrund)

Bildschirmfoto 2016-04-08 um 09.25.47

Tom Król, o.T. Bleistift auf Recyclingpapier, DIN A 4

Bildschirmfoto 2016-04-08 um 09.25.56

Tom Król, o.T. Bleistift auf Recyclingpapier, DIN A 4

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Tom Król, o.T. Bleistift auf Recyclingpapier, DIN A 4

Bildschirmfoto 2016-04-08 um 09.25.14

Jens Blümlein hält die Eröffungsrede

Bildschirmfoto 2016-04-08 um 09.25.40

Max Eulitz, “Lutz Bachmann is playing violin in front of the Semper Opera” 2016, Kreide auf Papier, 60x50cm

 

Bildschirmfoto 2016-04-08 um 09.25.23

Marek Kochanowicz, o.T. 2016, Öl auf Lein- wand, 10×20 cm

Bildschirmfoto 2016-04-08 um 09.25.30

Marek Kochanowicz, o.T. 2016, Mischtechnik, 50×50 cm

 

Bildschirmfoto 2016-04-08 um 09.24.31

Georg Thanner, “Im Hotel”, 2015, Öl auf Lein- wand, 70 x 100 cm

 

 

Galerie KUB
…And Why Does Honey Exist?
Max Eulitz Marek Kochanowicz Tom Król Grażyna Roguski Georg Thanner
& Las Chicas de Billard y Ping Pong
12.-26. März 2016
Kantstraße 18
Leipzig