Camilla Steinum – Die Ungewöhnlichen bei Soy Capitán

In der Philosophie und der Kunsttheorie des 20. Jahrhunderts formiert sich eine Klasse von Gegenständen, die etwas lieblos unter dem Begriff der gewöhnlichen Objekte (ordinary objects) zusammengefasst werden. Mit gewöhnlichen Objekten hat man in der Welt des alltäglichen Lebens gewöhnliche Erfahrungen. Keiner kann genau sagen, was das gemeinsame Gewöhnliche in all diesen Erfahrungen ist und worin es liegt. Die Klassifizierung bestimmter in der Welt vorzufindender Objekte als gewöhnliche Gegenstände wird verständlich als Teil der fanatischen Aufgabe eine große Liste aller Dinge, die es gibt, zu erstellen. In dieser Datenbank der ganzen Welt, in der großen Liste all dessen, was es gibt, findet man unter dem Label der gewöhnlichen Gegenstände also etwa Tische, Telefone, Kaffeemaschinen, Badvorleger, Autos, Schreibtischlampen, Kredit-Karten, Schlüssel, Wäscheständer, mittelgroße Gegenstände. Niemand weiß eigentlich, wo die Klasse des Gewöhnlichen anfängt oder wo sie aufhört, außer dass es dort sein muss, wo dann all das liegt, was als außergewöhnlich heraus sticht.
An dieser Grenze schaffen sich die Skulpturen von Camilla Steinum, die im Rahmen ihrer Einzelausstellung mit dem Titel „In Spite of Chores“ in der Galerie Soy Capitán noch bis zum 8. April zu sehen sind, ihren Aktionsraum. Begreift man sie vom Standpunkt des Gewöhnlichen her, so erscheinen in ihnen Alltagsgegenstände als bewusst deformierte. Als Gebrauchsobjekte sind sie über sich hinaus gestaltet bis sie zu anderen Objekten, nämlich außergewöhnlichen, geworden sind.

In der Mitte des Galerieraumes der Galerie Soy Capitán in Berlin-Kreuzberg stehen drei große vierbeinige Metallgestelle, die mit viereckigen Woll-Teppichen in verschiedenen Farben überworfen sind. Das Grundgerüst der Metallgestelle sieht je aus wie ein Tischgestell ohne Platte, welches ein ungeschickter Handwerker für übergroße Menschen gefertigt haben könnte. Die Gerüste wirken durch ihre hell-metallenen Farben leicht, fast wie aus Papier. Zu diesem Eindruck trägt deren Bearbeitung bei: die Metallstangen sind nicht glatt, sondern uneben, wie mit einer Zickzackschere ausgeschnitten. Zwar rufen die Metallgerüste durch ihre geometrische Tektonik die Erinnerungen an Tischgestelle ab. Durch die überproportionierte Größe und Art ihrer Bearbeitung haben sie sich jedoch schon weit von dem Gebrauchsobjekt Tisch entfernt.

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Über jene grob bearbeiteten Metallgestelle sind vielfarbige Teppiche geworfen, die eine grobmotorische Textil-Designerin wie Badvorleger in großen Größen gestaltet haben könnte. Die Teppiche sind aus Wolle gefertigt und hängen über den Metallgestellen. Sie tragen einerseits die bunten Farben alltäglicher Massenware, die man mit der Innenausstattung von Badezimmern in großen Möbelhäusern assoziiert: Den Badezimmerteppich gibt es wahlweise in marineblau, gelb, rosa oder violett. Doch wie im Zuge eines Verfallsprozesses frisst sich eine weitere Farbschicht aus grau-grün-bräunlichen Tönen in die Funktionalität suggerierenden Spektralfarben.
Die großen Textil-Teppiche, die über den Metallgestellen hängen, modulieren zwei verschiedene Farbspektren. Einmal jene Spektralfarben, aus denen die Künstlichkeit von intentional gefertigter funktionaler Massenware spricht. Andererseits die Tonalität, welche durch die langsame Arbeit des Organischen entsteht: die grünlich-blau-braunen Verfärbungen, die Witterung, Schimmel oder bakterielle Prozesse hinterlassen. Aufgrund der Kombination dieser zwei Farbspektren sehen die Teppiche aus wie Badvorleger, die jemand draußen im Garten zum Trocknen aufgehängt und dann dort vergessen hat, sodass die Spuren von Wind und Regen daran zu sehen sind.

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Die Polarität von Funktionalität und Verfall, die als Farbspektren im Textil aufeinander treffen, bildet also einen weiteren Zugang zum Verständnis von Camilla Steinums Skulpturen. Die Funktionalität der viereckigen Wollteppiche wird durch die daran abgebildeten Verfallsprozesse und Verschmutzungen in Frage gestellt. Und auch die Metallgestelle, an denen diese Teppiche hängen, wirken eigentlich zu instabil und schlecht gefertigt als dass sie ernsthaft als Halterungen verwendet werden könnten.
Mit derselben Bewegung, mit der sich Camilla Steinums Skulpturen vom Status funktionaler Objekten hin zu solchen des Verfalls verabschieden, treten sie scheinbar auch ins Reich des Lebendigen über. Die alles Lebende kennzeichnende Eigentätigkeit scheint sich im Prozess des Verfalls auszudrücken, was den einzelnen Werken einen Anschein von Autonomie verleiht. Dazu passt, dass im Muster der Woll-Teppiche in bunten Farben liegende Menschen zu erkennen sind. Das Material verleiht diesen Menschen eine eigentümlich surreale Körperlichkeit: in ihrer textilen Flexibilität hängen sie über den Metallgestellen, ihre Geste wechselt zwischen laxem Rumhängen und müder Lethargie. Die Referenz dieser Geste auf den Surrealismus bekräftigt jenen Akt, mit dem in den Skulpturen der norwegischen Künstlerin die Gebrauchsobjekte ihre realistische Gewöhnlichkeit übersteigen.

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An den Wänden der Galerie hängen drei weitere kleine Skulpturen. Es handelt sich um drei Teppichklopfer aus Bronze, die verteilt an verschiedenen Wänden der Galerie befestigt sind. Als Gebrauchsobjekte beziehen sich die Teppichklopfer auf die scheinbar verschmutzten Teppiche, die über den Gestellen hängen. Doch auch an den Teppichklopfern durchbricht die Künstlerin den Status des Gebrauchsobjekts. Dafür wählt sie im Vergleich zu den großen Metall-Textil-Konstellationen eine andere, historisierende Methode um mit der Gewöhnlichkeit des Gegenstandes zu brechen. Das historische Material, die Bronze, in welche das Geflecht des Klopfers gebracht ist, kehrt nämlich am Haushaltsgegenstand das Ornament hervor. Am einzelnen bronzenen Teppichklopfer weist das Ornament scheinbar historisch über den Gebrauchsgegenstand hinaus. Es wird zeichenhaft und scheint dem Betrachter etwas anderes bedeuten zu wollen, als bloß Teil dieses Teppichklopfers zu sein. Das Ornament scheint einer Runen-, Knoten- oder Geflecht-Sprache zu entstammen, die man zunächst erlernen müsste, um sie entziffern zu können. Beim Betrachten des Teppichklopfer-Geflechts denkt man an die Technik des Knotens oder Flechtens als ein tradiertes Mittel um alle Arten von Befestigungen, Stabilität und festen Gegenständen herzustellen, aber auch an Knoten als eine materiale Grundlage von Ornamenten und Zeichen-Systemen.

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Auf verschiedene Weise finden Camilla Steinums Skulpturen somit Wege aus der Gewöhnlichkeit der Objekte – den Badteppichen, Tischgestellen, Teppichklopfern – die sie dennoch behandeln. Diese Transformations- und Gestaltungsprozesse rücken die künstlerischen Objekte aus der Klasse gewöhnlicher Gegenstände heraus in ein semantisches Feld, welches diese Werke durch ihre Individualität erst selbst bestimmen.

Text: Hanna Fiegenbaum

 

Alle Bilder courtesy Soy Capitán, Berlin, Fotos: Nick Ash

 

Soy Capitán
CAMILLA STEINUM
In Spite of Chores
11.02. – 08.04.2017
Prinzessinnenstr. 29
10969 Berlin-Kreuzberg