CATHARINE CZUDEJ – Not books

  

John Barioni wohnt in der Stadt Merced, Kalifornien. 
John Barioni ist ein Mann Mitte 30, der einen Bart, Baseballkappen und weite T-Shirts trägt; ein Mann, der einen Billardtisch in seinem Keller und eine Werkbank in seiner Garage hat. John Barioni ist in vielerlei Hinsicht der klassische Do-It-Yourself-Typ: Er veröffentlicht Tutorials und Videos über Billiard auf Youtube; jedes davon hat durchschnittlich 200.000 Klicks. In seinen Videos geht es um selbstgebaute Maschinen, die ihm bei der Instandhaltung seiner Ausrüstung helfen. John Barioni sagt Sätze wie „Was ich heute für euch habe, ist …“ und „Ich sage euch eine Sache …“. Wenn er über seine Routine spricht, erzählt er von seiner Erfahrung „Jeder, der einen Billardtisch hat, sollte eine Poliermaschine für die Kugeln haben“. Er kenne zwar die Maschinen, die es in Geschäften zu kaufen gebe, er selbst habe solche sogar schon besessen, „aber die kosten um die 500, 600 Dollar. Und wisst ihr was? Ihr könnt euch die genauso gut selber bauen – für ungefähr 35, 40 Dollar. Und die funktionieren besser als die, die es im Handel gibt.“ Im Laufe der Zeit hat John Barioni unterschiedliche Arten von Poliermaschinen entwickelt, die er, in einem Video, in einer rücklaufenden Zeitleiste, von seiner jüngsten bis zur ältesten Maschine vorführt. Er macht das, um uns zu zeigen, dass er viel Zeit und Aufwand in den Bau dieser Maschinen gesteckt hat. Es scheint wichtig, dass wir sein handwerkliches Können würdigen – und allen voran ist besonders wichtig: Man kann viel Geld sparen, und auch wir können unsere eigene Billardkugel-Poliermaschine bauen.

Die Humangeographin Juliana Mansvelt unterscheidet zwischen tools (Werkzeuge) und appliances (Haushaltsgeräte) – zwischen home making und making home (Geographies of consumption: citizenship, space and practice, London 2005, S. 70). Männer verwenden Werkzeuge und keine Haushaltsgeräte. Home-making sei eine weibliche Funktion, eine die Fürsorge und Konsum beinhalte. Sie sei eine Möglichkeit, die der westlichen Frau zur Verfügung stehe, um ihrer Umgebung eine persönliche Note zu geben. Making home ist hingegen eine männliche, produktive Funktion, eine, die ökonomischen Wert schaffe. DIY-Kultur in den USA entstand aus dem einfachen Bedürfnis, Geld zu sparen, und wurde später eine zunehmend politische Einstellung gegen Massenproduktion, Konsumismus, Verschwendung und geplante Obsoleszenz industrieller Unternehmen (Ellen Lupton: D.I.Y., New York 2006, S. 18). In der Regel wird DIY mit der Heimarbeit von Männern assoziiert. „Do It Yourself“ verweist auf eine Ethik der Selbstversorgung. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob mit der Zunahme der geschlechtlichen Gleichstellung am Arbeitsplatz und der Zunahme von Angestelltenverhältnissen (anstelle von Selbstständigkeit) zugleich Orte entstanden, an denen „Männlichkeit“ weniger deutlich und relevant geworden ist? „Durch direkte männliche Kontrolle über die physische Umwelt und durch den Gebrauch von Werkzeugen auf eine Art, die vorindustrielle, handwerkliche Kompetenz wachrief, stellte DIY eine Möglichkeit dar, mit der heterosexuelle Maskulinität bekräftigt werden konnte“ (Mansvelt, S. 72).

Catharine Czudejs Einzelausstellung bei Ginerva Gambino trägt den Titel „Not books“. Nach ihrer Ausstellung im Kölnischen Kunstverein 2016 ist dies Czudejs zweite Soloausstellung in Köln. Gezeigt werden selbstgebaute Poliermaschinen für Billardkugeln, die von Generatoren betrieben werden; modifizierte Schnappfallen und „Marijuana Girl“, ein großes Sprühfarbe- und Gouache-Gemälde hinter einem getöntem Plexiglasrahmen, das zu einer Serie namens „black paintings“ gehört „Not books“ zelebriert eine Art von Intelligenz, die nicht akademisch, sondern physisch ist und sich innerhalb einer Kultur von Nutzen und Unterhaltung bewegt.

GINERVA GAMBINO
Kyffhäuserstr. 31
50674 Cologne