Diana Sirianni

Im lichtdurchfluteten Galeriespace sind es abstrakte Bildräume, welche Diana Sirianni erfahrbar macht, sie in ihrer Tiefe, der Breite misst und in ihrer Dynamik auslotet. Es sind Zeichensysteme die auf ein Ganzes schließen lassen, aber im Raum nur noch als vereinzeltes Fragment auftauchen. Holz und Leinwandteile, durchsichtige Plexiglasscheiben und feine Metallreste sind in raumfüllenden und sich um ein lichtes Zentrum organisierenden Arrangements strukturiert. Reste einer Explosion oder eines implodierten Mechanismus reorganisieren sich zu instabilen Zusammenhängen die zwischen Zeichen und Bezeichnetem stehen.

 

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„Stecklingsvermehrung“, Diana Sirianni, Figge van Rosen Galerie, Berlin, 2013, © Diana Sirianni

 

M.D.: Auch wenn die Abgrenzung in Bezug von Gattungen zwischen Skulptur, Installation, Collage oder Bild bei deinen Arbeiten nicht explizit thematisiert wird gibt es, angefangen bei deinen frühen zweidimensionalen Arbeiten, eine Bewegung heraus in den real existenten Raum, ins dreidimensionale.

Diana Sirianni: Die Ambiguität zwischen Raum und Bild bzw. Bildraum ist eine Spannung die einen ganz wesentlichen Punkt meiner Produktion ausmacht. Dabei stellt diese Thematik jedoch kein Zentrum mehr für mich dar sondern hat sich verschoben. Verschoben zugunsten eines digitalen Raumes- einer Weltplanung, Raumplanung auf dem Screen und dann die Umsetzung im Ausstellungsraum. Die Frage also, was passiert, wenn etwas grundlegend abstraktes, Datenmengen- eine reale, materielle Größe annehmen. Wie sie organisiert werden, zirkulieren und ihren eigenen Raum etablieren.

 

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„Rippling“, Diana Sirianni, acrylic paint, cardboard, foil, plexiglas, silicone rubber, wood, Art Berlin Contemporary, Berlin, 2013, © Hadas Tapouchi

 

M.D.: Wie entstehen deine Ausstellungen und deine Arbeiten im Raum und woher stammt das Material für die Derivate & Fragmente, welche später ihren Eingang in den Ausstellungsraum finden?

D.S.: Es gibt ein Archiv aus denen sich meine Arbeiten zusammensetzen. Dabei stellt jede neue Arbeit ein Gedächtnis dar, von den Räumen an denen meine Arbeiten schon davor installiert waren. Die Idee ist, dass auch die Dokumentation jeweils eine Arbeit ist, nie aufhört in dem Sinne auch nicht fest steht. Dabei interessiert mich wie und vor allem an welcher Stelle sich meine Arbeit zusammensetzt und ich denke dieser Ort ist im Gedächtnis, nicht in dem, was das Bild scheinbar „dokumentiert“. Es entfernt sich von einem Substanzgedanken, einer Identität, die man beobachtend feststellen kann. Es bleibt lediglich ein Bild von einem Bild von einem Bild.

 

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„Cleanspace- one (tackling space debris)“ Diana Sirianni, Acrylic paint, cardboard, foil, paper, plexiglass, silicone rubber, wood, Lichthaus, Kunstverein Arnsberg, 2013, © Hadas Tapouchi

 

M.D. Bei deiner Arbeit „Neubarock“ welche du in einem barocken verlassenem Kirchenraum in Rom realisiert hast stellt sich der Bildraum- im Gegensatz zur weißen, neutralen Galeriewand- als ein aufgeladener Raum mit kunsthistorischen Referenzen dar.

 

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„Neubarock“, Diana Sirianni ardboard, polystyrene, foam, plexiglass, silicone rubber, wood, nylon, metal, Cappella Santacroce- Aldobrandini, Rom, 2014, © Hadas Tapouchi

 

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„Neubarock“, Diana Sirianni ardboard, polystyrene, foam, plexiglass, silicone rubber, wood, nylon, metal, Cappella Santacroce- Aldobrandini, Rom, 2014, © Hadas Tapouchi


D.S.: Auch hier habe ich den Raum als Bild verwendet, jedoch habe ich es vermieden in Konkurrenz zu ihm zu treten. Beim Betreten des sakralen Bauwerkes sah man sich dagegen direkt mit einem als sehr flach erscheinenden Bild konfrontiert. Die unzähligen Derivate, Fragmente und Schnüre waren hierbei so im Kirchenraum installiert worden, dass sie von einem Punkt- in diesem Falle von vorne- fast undurchdringbar flach erschienen.

Erst beim weiteren Eintreten eröffnete sich die Arbeit im Raum, erstreckte sich bis in sechs Meter Höhe und Breite. Dabei war gerade nicht der Gedanken zentral, in ein ganz direktes Verhältnis mit dieser grandiosen, überladenen, pompös goldenen Architektur zu treten sondern sie vielmehr zu filtern, zu interpretieren und als Theaterraum neu zu begreifen. Vielleicht ist das schönste Kompliment das, was eine französische Kunsthistorikerin während der Ausstellung zu mir sagte: „Ich habe den Barock nie gemocht und durch diese Arbeit begreife ich diese Epoche ganz neu.“

Was mich interessiert an dieser Architektur ist vor allem das Moment des überfordernden „zuviel“, als der Moment in der Geschichte wo das Paradigma von Proportion, von Ausgewogenheit kippt, zusammenbricht und explodiert. Als ob an diesem Punkt der Explosion auch die Distanz zwischen Kunst und Realität, zwischen Rezipient und Objekt in Frage gestellt wird. Die Kunst, die Architektur wird hier theatralisch, Religion wird bloßes Spektakel.
Dieses Phänomen stellt sich hier als eines da, welches für mich starke Parallelen zu einer Bewegung aufweisen die jetzt passiert. Eine Künstlichkeit die sich überträgt und multipliziert. Dabei wird alles ein Zitat von etwas anderem. Es bleibt ein Referenzsystem was auf etwas immer schon da gewesenes verweist. Jeder Gedanke an etwas ursprunghaftes, „natürliches“ wird hierbei verworfen was in seiner Struktur wiederum auf eine Geschichte bzw. Kunstgeschichte verweist, die in Rom als Ort eine unheimliche Präsenz hat.

 

Verknotet Diana Sirianni

„Verknotet“ Diana Sirianni, Acrylic paint, cardboard, foil, paper, plexiglass, silicone rubber, wood, Marta Herford Museum, 2014, © Diana Sirianni

 

Text & Interview : Maurin Dietrich 

http://www.dianasirianni.com