Die Zeit der Poster ist vorbei – Notiz zur Ausstellung von Daniela Kneip Velescu in der Schleuse der Opelvillen Rüsselsheim

Der gesamte Boden der Schleuse in den Opelvillen ist mit Zeichnungen bedeckt. Streng nebeneinander sind je acht großformatige Arbeiten auf zwei parallel liegenden weißen Industriefolien gereiht. Jede Zeichnung zeigt das gleiche Motiv: eine Jeans und ein T-Shirt. Leblos, wie soeben vom Körper abgestreift, hängen die beiden Kleidungsstücke übereinander. Jederzeit bereit einen neuen Körper zu umhüllen und sich mit Leben zu füllen.
Trotz der strengen kompositorischen Vorgaben sind alle Arbeiten Unikate. Daniela Kneip Velescu hat für jede Zeichnung eine neue Vorlage erstellt, indem sie Jeans und T-Shirt immer wieder über eine Kleiderstange geworfen und direkt vor Ort abgezeichnet hat.
Als Kneip Velescu den noch leeren Ausstellungsraum betrat, hat sie zunächst die Besonderheiten der Schleuse „ertastet“ um diese in die Form ihrer Arbeit aufzunehmen und neu sichtbar zu machen. Mittig durch den gangförmigen Raum zieht sich eine graue Steinbank, die die unterschiedlichen Raumebenen sowie die beiden Reihen mit den Zeichnungen trennt. Der gewohnte Zugang ist verstellt. Die Bank wird zum Laufsteg um durch die Ausstellung Die Zeit der Poster ist vorbei zu schreiten oder balancieren.
Je weiter der Besucher in die Ausstellung eindringt umso stärker wird die Neigung des nach hinten abschüssigen Raums. Der Höhenunterschied zwischen Steg und Boden wird beinahe beängstigend groß. Blick und Perspektive verändern sich fortwährend durch den wachsenden Abstand zum Motiv. Zugleich sind die Proportionen der Zeichnungen an den sich verjüngenden Raum angepasst wodurch sie auf den ersten Blick gleich groß erscheinen. Sie variieren in den Konfektionsgrößen von XXS bis XXXL. In Anlehnung an Meterware, so sind die einzelnen Arbeiten auf den beiden Folien durch eine gestrichelte Schnittlinie voneinander getrennt, ist es möglich Kneip Velescus Zeichnungen einzeln zu erstehen und nach Hause zu nehmen. Dafür müssen diese schlicht an der dafür vorgesehenen Markierung abgeschnitten werden. Die gerahmte Schere, ein Fragment einer raumgreifenden Installation der Künstlerin aus dem Jahre 2009, die als einzige Arbeit der Ausstellung an der Wand aufgehängt ist, kann, mit einem Augenzwinkern, als Handlungsanweisung verstanden werden.

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Die Kombination aus Jeans und T-Shirt gilt gegenwärtig als Basic oder Klassiker. In den verschiedensten Abwandlungen und Qualitätsstufen scheint sie immer „modern“ und wird von den unterschiedlichsten Personen zu zahlreichen Anlässen von chic bis casual getragen. Prominent wurde die Kombination durch Marlon Brando, der sie 1951 zum ersten Mal auf der Leinwand in A Streetcar Named Desire (dt.: Endstation Sehnsucht) trug. Endgültig etabliert und zum Trend der Jungendkultur der Nachkriegszeit wurde die vormalige Goldgräberhose und das Unterhemd allerdings erst durch James Dean in Rebel Without a Cause (dt.: Denn sie wissen nicht was sie tun, 1955).
Brando verkörperte durch seine unverblümte sexuelle Ausstrahlung ein neues, gefährliches Männerbild im Film. Die von ihm dargestellten Charaktere waren nicht draufgängerisch und erobernd, sondern launenhaft und von Selbstzweifeln gedämpft – mit dem Drang gegen Missstände und Unterdrückung aufzubegehren. Die Rolle des Rebells war geboren. Und Jeans und T-Shirt wurden zur „Uniform der jungen Generation“ (1) als Inbegriff der Rebellion oder Revolution gegen die vorherrschende konservative Generation.
Als Hülle oder Grenze zwischen dem Körper und der Umwelt gilt Kleidung gemeinhin als zweite Haut. Sie dient nicht nur zum Schutz vor Umwelteinflüssen sondern ist zudem kultureller und symbolischer Bedeutungsträger. Kleidung bzw. Mode ist Ausdruck unseres Selbstbildes, sie konstituiert Identität, unsere Selbstdarstellung und fungiert als Vermittler um
Kontakt aufzunehmen. „Als Membran zwischen dem Körper und seiner Umwelt können Kleider als soziale Kommunikationsmittel gelesen werden, durch welche Identität eines Individuum oder einer Gruppe geformt und ausgedrückt wird.“ (2) Durch die Auswahl der Kleidung bezieht man sich auf eine Idee einer Selbstkonstruktion, lässt Einblick zu wie man sein möchte, wie man sich sieht. Kleidung ist allerdings auch immer normierenden, gesellschaftlichen Einflüssen, Moden und Trends unterworfen, die sich vor allem über Bilder verbreiten.
Trotz seiner Abwesenheit ist der Körper präsent in Kneip Velescus Arbeiten. Ein imaginärer Körper erhält Einzug. Sind Jeans und T-Shirt somit Platzhalter einer Person?
Nicht zufällig ist eine Abbildung von Brando in besagtem Outfit, Jeans und T-Shirt, in der zweiten Ausstellung Marilyn und andere Diven: Remembering Sam Shaw. 60 Jahre Fotografie, welche zeitgleich in den Opelvillen zu sehen ist, zu finden. Das feine Netz der Verweise und komplexen Beziehungen innerhalb Kneip Velescus Arbeiten spannt sich weiter. Sam Shaw fotografierte zahlreiche Hollywood Stars und trug damit zu deren Image-Making bei. Die starke Präsenz und Verbreitung der Bilder, so war es u.a. möglich Fotografien der Stars als Postkarten zu kaufen, trug zur Verankerung der Images, wie des Rebells, im kollektiven Gedächtnis bei. Sie wurden zu Projektionsflächen und Vorbildern. Zu einer Zeit, als der „Glaube“ an die Authentizität eines medial vermittelten Gesichts noch nicht ganz verloren war. Images, die trotz heutiger Skepsis und dem Bewusstsein ihrer Manipulation in unserer „facialen Gesellschaft“ (3) weiterhin als Referenz fungieren und eine ungebrochene Macht zu haben scheinen.

Der Titel Die Zeit der Poster ist vorbei kann als eine persönliche Metapher Kneip Velescus verstanden werden und beschreibt einen Abschnitt im Leben der Künstlerin vor Beginn ihres Studiums. Einen fragilen Moment der Suche zwischen zwei Lebensabschnitten, zwischen Schule und Kunststudium, wo sie sich in einem Zustand des andauernden Erklärens wiederfand. Der Titel ist ein Zitat der Frau ihres damaligen Zahnarztes. Während Kneip Velescu versuchte eine Ratenzahlung für ihre Behandlung zu vereinbaren, erzählte die Zahnarzthelferin davon, dass ihr Sohn, ein Jurastudent, der gerade ein Praktikum im Bundestag absolvierte, begonnen habe einmal im Jahr Kunst zu kaufen, da ja die Zeit der Poster vorbei sei…
Kunst als Poster, Poster als Kunst? Bilder um eine Rolle festzulegen und einen Bruch mit einer davor getragen zu visualisieren? Kneip Velescu interessiert sich für die Hüllen der Identität, dafür wie sich die Selbstkonstruktion von außen zusammensetzt und für die Brüche und multiplen Faktoren des Rollenspiels. Die Kleider sind Hüllen – leer – sie sind die soziale Haut und können von gleich wem getragen werden, so reihen sie sich beinahe gleichförmig aneinander. Aber was sagen sie aus? Über das Individuum? Sie sind wie Masken oder Zeichen. Durch das Moment der Abstraktion, so braucht es beinahe einen Hinweis um die Grenzen von Jeans und T-Shirt, deren Faltenwürfe, auseinander dividieren zu können, schleicht sich ein Kippmoment ein. Identität wird hier als etwas sehr flüchtiges, sich stets veränderndes und durch Rollen ausgelebtes präsentiert, was Kneip Velescu auch formal durch die Wahl des Materials eingebaut hat. Die Motive wurden mit alkoholbasierten grauen und schwarzen Filzstiften gezeichnet, sodass sie nicht fest auf der glatten Folie verankert sind, sondern jederzeit verändert oder sogar weggewischt werden können.

 

(1) Prüfer, Tillmann: Nicht kaputtzukriegen. In: Zeit Online, 23.08.2011
(2) Holenstein, André / Meyer Schweizer, Ruth / Weddigen, Tristan / Zwahlen, Sara Margarita (Hrsg.): Zweite Haut: Zur Kulturgeschichte der Kleidung. Bern: Haupt Verlag AG, 2007
(3) Macho, Thomas: Vorbilder. München: Wilhelm Fink Verlag, 2011

 

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Alle Bilder: Stefanie Pretnar

Opelvillen Rüsselsheim
Schleuse
Kunst- und Kulturstiftung
Daniela Kneip Velescu
Die Zeit der Poster ist vorbei
25. November 2015 bis 24. Januar 2016