DOKU.ARTS 2014 – Second Hand Cinema

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DOKU.ARTS 2014 – Second Hand Cinema

Zukunftsperspektiven für den künstlerischen Dokumentarfilm

Das vergangene Jahrzehnt war – auch Internet sei Dank – von einer Welle originellen Umgangs mit audiovisuellem Archivmaterial geprägt. Unerwartete Aneinanderreihungen, aus dem Kontext gerissene Szenen, unkonventionelle Erzählmuster – alles scheint möglich. Dokumentarfilme wie Fürchtegott Steinrich, Room 237 oder All This Can Happen zeigen auf, auf welch vielfältige Weise bereits bestehende Aufnahmen collagiert und so neu interpretiert werden können. Das zweijährige Rechercheprogramm DOKU.ARTS nimmt sich eben dieser kreativen Auseinandersetzung mit so genanntem Found Footage an und zeigt unter dem Titel Second Hand Cinema Dokumentarfilme zur Kunst, die so international wie interdisziplinär sind: Die Themenfelder reichen von Architektur über bildende Kunst bis hin zu Musik, Literatur, Theater, Kino und Fotografie.

Ab kommenden Mittwoch kann man sich den zweiten Teil der Filmreihe von DOKU.ARTS im Zeughauskino ansehen, wenn über einen Zeitraum von fünf Wochen 23 neue Dokumentar-, Essay und Kompilationsfilme präsentiert werden, die vollständig aus vorhanden gewesenem Archivmaterial bestehen – darunter Werke mit Ingmar Bergman, Duncan Campbell, Samuel Fuller, Michael Haneke, Martin Scorsese und Gore Vidal.
Second Hand Cinema, also Kino aus zweiter Hand, spielt hier auch auf die Metaebene an, die dem Kino in diesem Zusammenhang zugewiesen wird – die einer Leinwand, des buchstäblichen blank canvas nämlich, auf dem neue Diskurse zu bestehendem Filmmaterial und deren Neuverwertung geführt werden.

Zusätzlich zur Werkschau findet eine Fachtagung zum Thema Recycled Cinema statt, im Rahmen derer die derzeitige Praxis von Archivnutzung am Beispiel der Fernseharchive von ARD und ZDF diskutiert und europaweit verglichen werden. So steht dem inflationären Gebrauch bestehenden Materials für dokumentarische Formate eine verschärfte Lizensierungspraxis gegenüber, deren Restriktionen und überhöhte Preise für Archivmaterial nicht-kommerziellen Institutionen – vor allem hierzulande – eine (kreative)Verwendung verwehrt. Unser filmisches Erbe bleibt ungenutzt liegen, während andernorts die Produktion kulturell wertvoller Filmreihen floriert. Mögliche Auswege aus dieser prekären Lage sowie die Problematik des Urheberrechts im Film werden von einer Auswahl internationaler Experten genauso debattiert wie philosophische Fragen zur Zugänglichkeit unseres audiovisuellen Gedächtnisses.

 

Regarding Susan Sontag Trailer from Nancy Kates on Vimeo.

Zum Auftakt der DOKU.ART Festivals 2014 wird am Mittwoch der Filmessay über Susan Sontag vorgeführt. Der lang erwartete, wenn nicht sogar ultimative Dokumentarfilm Regarding Susan Sontag von Nancy Kates zeichnet das Leben der New Yorker Intellektuellen anhand einer Vielfalt von Interviews aus verschiedenen Jahrzehnten mit Freunden und Geliebten sowie Autoren, Künstlern und Kritikern und nicht zuletzt Sontag selbst nach. Bemerkenswert ist die kunstvolle und einfühlsame Komposition des Archivmaterials, die das fesselnde Charisma, die faszinierende Wortgewalt und auch das komplexe Gefühlsleben (insbesondere hinsichtlich Sontags Bisexualität) eines Ausnahmetalents eindringlich vermittelt.
Susan Sontag, Autorin, Essayistin, Regisseurin und Menschenrechtlerin, ist vor allem bekannt für ihre Auseinandersetzung mit der Ästhetik und soziokulturellen Relevanz von Film, Fotografie, Kunst und Literatur sowie für ihren Gedanken zur Subkultur des Camp in der Trivial- und Populärkultur. Sontag argumentiert im Sinne einer Verflechtung von künstlichen, übertriebenen, kurz: campy Werken (sei es aus Film, Musik oder Literatur) mit der homosexuellen Szene und verleiht dem Camp gleichzeitig Anerkennung durch die Erhebung zur Kunstform.
Zur Eröffnung des Festivals am 10. September wird ein Filmgespräch von Regisseurin Nancy Kätes mit Julia Voss, Leiterin des Kunstressorts der F.A.Z., stattfinden.

Internationales Festival für Filme zur Kunst DOKU.ARTS
10.9.-12.10.2014 im Zeughauskino Berlin
Deutsches Historisches Museum

Regarding Susan Sontag (2014), R: Nancy Kates
Vorführungen: Mittwoch, 10.09., um 20 Uhr + Sonntag, 14.09., um 21 Uhr
Eröffnung des Festivals am 10.09. in Anwesenheit von Nancy Kates im Gespräch mit Julia Voss
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Text: Sabrina Nürnberger