Eine Notiz zur Ausstellung „extended body fly“ mit Hopmann & Lisek

Von einem Servicelächeln spricht man umgangssprachlich, wenn jemand nur berufsbedingt freundlich ist und damit reine Verkaufsabsichten verfolgt. Insofern ist das strahlende Lächeln auch der Inbegriff für eine dem Kapitalismus geschuldete Oberflächlichkeit. Sind Händler und Verkäufer ihren Kunden immer schon mit einem Lächeln begegnet, um sie zu bewerben, ist es auch gegenwärtig nicht aus der Werbeindustrie wegzudenken. Man kauft weniger ein Produkt als das mit ihm assoziierte Glücksversprechen. Das zeigt sich besonders gut, wenn man bei der Stock-Agentur „Getty Images“ vergleichsweise nach den Stichwörtern ‚Freude‘ und ‚Trauer‘ sucht. Während ‚Freude‘ circa 2 Millionen lächelnde Gesichter zum Vorschein bringt, findet man unter ‚Trauer‘ lediglich etwa über 10.000 Bilder von Menschen, die halbwegs ernst aussehen. Mit dem zynischen Begriff des Servicelächelns lässt sich daher eine besonders einprägsame Kritik an marktideologischer Oberflächlichkeit formulieren.

Auch das Künstlerduo Hopmann & Lisek nimmt das Motiv des strahlenden Lächelns in seiner ersten Einzelausstellung in Dresden „extended body fly“ – Köder zum Fliegenfischen – zum Anlass, über Oberflächen nachzudenken. Betritt man die Räume der „Stephanie Kelley Galerie“ in der Dresdner Altstadt, so sind auf Fahnen aufgezogene Stock-Fotografien von lachenden Mündern mit blendend weißen Zähnen das Erste, was ins Auge fällt. Zwischen ihnen wurden Leuchtkästen installiert, mit denen Fotografien präsentiert werden, die mal mehr und mal weniger das Thema der Oberfläche umreißen. Und das auf sehr unterschiedlichen Ebenen: so befinden sich auf den Bildern beispielsweise Körperteile, auf denen Wasser abperlt; ein Wolkenhimmel oder ein verwachsener Gartenzaun. Formal stellt der Leuchtkasten eine fast schon stereotype Referenz auf die Ästhetik der Werbewelt dar. Inhaltlich lassen die von ihm präsentierten Bilder jedoch assoziativen Spielraum

Im Zentrum der Galerie befinden sich zwei Säulen, an denen gewissermaßen das Herzstück der Ausstellung installiert wurde. An jeder befindet sich eine Präsentationsplattform für je drei Videobildschirme und Spiegel, die an mehrseitige Anzeigetafeln etwa von Flughäfen erinnern. Während diese formal den Horizont einer globalisierten (Markt- und Medien-)welt aufspannen, ist auf den Bildschirmen – alle zeigen das gleiche Video – ein regionales Spektakel zu beobachten: der Dresdner Fanfarenzug. Eine konkrete Aussage verbindet sich zunächst nicht mit dieser Dichotomie, doch macht sie die Gegensätze der verschiedenen Wertesysteme des Regionalen und Globalen sowie ihre unbedingte Zusammengehörigkeit sichtbar.

Tatsächlich bildet diese Dauerpräsentation das Bühnenbild für die dazugehörige Performance. Hierfür haben die Künstler mit der Motorcyclegruppe „Knieschleifer aus Überzeugung“ und dem Förderverein des Fanfarenzuges Dresden kooperiert. Erstere stellten insgesamt sechs Motorräder zur Verfügung, die den Galerieraum von Außen mit ihren Scheinwerfern beleuchtet haben. Letztere ermöglichten den Fanfarenzug. Dieser läuft während der Performance circa eine Stunde und in einer Unendlichkeitsacht um die beiden Säulen des Raumes – eine Zumutung, in der sich einerseits Reizüberflutung ausdrücken soll. Andererseits führt es durch die Gegenwärtigkeit des medial vermittelten Fanfarenzuges auf den Bildschirmen sowie der Wiederkehr der Situation in den Spiegeln verschiedene Reproduktionsmodi vor. Ästhetisch erinnert die Performance, flankiert durch die Fahnen, beleuchtet von den Motorrädern und in Anblick der unbeteiligten Gesichter des Fanfarenzuges, an dystopische Zukunftsvisionen einer schönen neuen Welt.

Stock-Fotografien, Leuchtkästen, Oberflächen und Dystopien – insgesamt stellt die Ausstellung ein Potpourri von Motiven aus der Geschichte der Medien- und Kapitalismus-Kritik dar. Und zugleich ein Potpourri unterschiedlicher künstlerischer Herangehensweisen an das Thema. So arbeiten Hopmann & Lisek in ihrer Zusammenarbeit mit den Dresdner Institutionen aktionskünstlerisch, mit den Fahnen und Leuchtkästen bedienen sie sich der Strategien der Pop Art und des Ready Made und mit dem Leitthema Oberfläche agieren sie ortsspezifisch. Denn außerhalb der Galerie blickt man auf die künstlichen Fassaden der rekonstruierten Dresdner Altstadt.

Womöglich wird die Ausstellung von Hopmann & Lisek viele Besucher/innen erstmal mit einem Servicelächeln entlassen. Damit sie sich aufgehoben fühlen in dem barocken Ensemble jenseits der Galerie. Bevor diese/r sich wieder ganz unverfälscht zum Fliegenfischen aufmacht.

Text und Bilder: Annekathrin Kohout

 

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All images: © Annekathrin Kohout

Galerie Stephanie Kelly
„extended body fly“
Hopmann & Lisek
10. Juni – 09. Juli 2016
Landhausstraße 8
01067 Dresden