FLAT VOLUMES – Alex Grein und Julia Gruner

Fotografie Julius Brauckmann

Beim Betreten des Forums der Städtischen Galerie Lüdenscheid werden die Besucher/innen der Ausstellung „Flat Volumes“ darauf hingewiesen, dass die ausgestellten Werke nicht berührt werden dürfen. Zwar herrscht in der Regel zwischen Besucher/innen und Ausstellungsort eine stille Übereinkunft darüber – doch hier bedarf es eines gesonderten Hinweises.

Erklärbar wird diese Vorsichtsmaßnahme mit der unmittelbaren Anziehungskraft, die von den ausgestellten Arbeiten ausgeht – allen voran von den farbig leuchtenden „Lazy Paintings“ von Julia Gruner. Sofort möchte man die glänzenden Farbhäute berühren, um ihre Elastizität und ihren Festigkeitsgrad zu erspüren. Die bunte und weiche Oberfläche lässt die Arbeiten wie Kissen anmuten, was den Wunsch anregt, sich darauf niederfallen zu lassen. Möglich wäre das, denn Julia Gruners ,Malereien‘ hängen nicht wie üblich an der Wand, sondern breiten sich voluminös und formlos auf der Bodenfläche des Raumes aus. (…)

Die liegenden „Lazy Paintings“ konterkarieren die aufragenden Rundsäulen des Forums der Städtischen Galerie Lüdenscheid in Form und Materialität: Horizontale steht gegen Vertikale, weiches Plastik gegen harten Stein. Julia Gruner und Alex Grein, die in ihrer gemeinsamen Ausstellung demonstrieren, wie eng ihre Arbeiten durch die jeweilige Auseinandersetzung mit den eigenen Grundlagen, der Malerei und der Fotografie, und ihrer vielgestaltigen Verschränkungen von Fläche/Volumen – Material/Form produktiv miteinander in Verbindung stehen können, nehmen in ihrem räumlichen Bezug gegensätzliche Positionen ein. Während Julia Gruners Arbeiten durch den Gegensatz zum Raum wirken, bezieht sich Alex Greins Präsentation ganz explizit auf ihn.

Mit ihrem für die Ausstellung angefertigten C-Print „Säule“ fügt Alex Grein dem Raum eine ,fotografische‘ Säule hinzu, die sich zunächst nicht von den vorhandenen architektonischen Stützen unterscheidet, da sie diese in Größe wie in Farbigkeit abbildet. Das nachahmende Spiel der Fotografie, wird erst dann entlarvt wenn man sich „Säule“ nähert. Dann fällt auf, dass ein solides Volumen lediglich durch ein flaches Papier imitiert wird. (…)

„Säule“ fungiert darüber hinaus als rahmendes Element für die in unmittelbarer Nähe hängende Arbeit „Tempel/VR/Natica“. Sie lenkt den Blick außerdem durch die motivische Verklammerung mit den Säulenreihen des griechischen Parthenon-Tempels auf Greins Kachelarbeit. Auf die Aufnahmen des Tempels sind noch zwei weitere Bilder aufgebracht, die sich gegenseitig überschneiden und verdecken: die Fotografie einer Personengruppe, auf der alle VirtualReality- Brillen tragen, sowie ein drittes Motiv, eine Schnecke. (…)

Mit „Tempel/VR/Natica“ schreibt Grein sich in die Jahrhunderte lange Geschichte von Kachelbildern ein und aktualisiert sie zugleich, indem sie sie mit einer digitalen Welt verknüpft.

Auszug aus dem Ausstellungskatalog „FLAT VOLUMES – Alex Grein und Julia Gruner“, herausgegeben von der Städtischen Galerie Lüdenscheid, 2018

Romina Dümler

Städtische Galerie Lüdenscheid