Franziska Taffelt im Interview mit KubaParis

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Amelie gr. Darrelmann/KubaParis
Anlässlich des 2. Berliner OFF Fotografie Festivals hast du die Ausstellung „Woman in Disguise“ initiiert und kuratiert. Neben deinen Arbeiten diskutieren Clara Bahlsen, Conny Maier, Hanna Putz und Jette Skorna das Weibliche in einer sogenannten emanzipierten Gesellschaft. Wann ist die Idee zur Ausstellung entstanden und nach welchen Kriterien hast du die Künstlerinnen ausgewählt?

Franziska Taffelt
Ich beschäftige mich viel mit weiblichen Darstellungsmöglichkeiten im digitalen Überfluss und bin oft erschrocken, wie sich junge Frauen in sozialen Netzen präsentieren. Nacktheit und sexualisierte Darstellung wird immer noch so doll mit Sexiness und Stärke verwechselt, um am Ende Klicks zu generieren und Aufmerksamkeit zu schaffen für die Einzelne, aber nicht, um ein kollektives Bild neu zu definieren.

Ich möchte ein unabhängiges, persönliches, ehrliches Frauenbild zeigen und stelle gleichzeitig genormte weibliche Darstellungen in Frage. Das ist mir wichtig. Daher lag es nahe, dieses Thema auch zu einem Ausstellungsthema zu machen. Die Künstlerin Conny Maier und ich haben bei regelmäßigen Kaffee-Treffen im Frühjahr gemerkt, dass uns diese Themen persönlich und künstlerisch verbinden. So war die Idee zu „Woman in Disguise“ geboren, und ich habe angefangen, an dem Ausstellungskonzept zu schreiben. In erster Linie hatte ich dann das Bedürfnis, eine Ausstellung mit Künstlerinnen zu machen, deren Arbeit ich schätze – inhaltlich und formal.

Amelie
Was bedeutet Weiblichkeit für dich?

Franziska
Das ist schwer, so direkt, knapp zu beantworten. Ich versuche, Weiblichkeit als etwas nicht Definiertes und Genormtes zu sehen. Das heißt, Menschen und ihr Verhalten oder Dinge als weiblich (oder männlich) zu beschreiben, fällt mir schwer.
Weiblichkeit als klassisches Frauenbild bedeutet für mich Leichtigkeit, Natürlichkeit und Selbstsicherheit, ohne aggressives Zur-Schau-Stellen. Humor und Intellekt sind eine tolle Mischung und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen, ist ein sehr zu schätzendes Talent.
Das sind Züge, die ich generell an Menschen schätze – unabhängig vom Geschlecht.

Amelie
In der aktuellen Ausstellung zeigst du Prints aus deiner Serie „Dirn“ – Schnapsschüsse von Frauen im Dirndl auf dem Oktoberfest. In der Mitte der Reihe hängt ein großes, ausdrucksstarkes Selbstportrait. Was hat es mit der Reihe auf sich?

Franziska
Ich beschäftige mich in meinen freien fotografischen Arbeiten regelmäßig mit einem Frauenbild, ganz natürlich ausgehend von meinem eigenen, versuche aber von einer Subjektivität weg, hin zu einer möglichst objektiven Darstellung zu gelangen.
Selbstportraits habe ich damals im Studium angefangen zu machen. Ich wollte das schwierige Thema Portrait verstehen (bis heute). Der Selbstversuch schien mir am naheliegendsten und ehrlichsten. Darüber hinaus wird man gezwungen, Bezug zum jeweiligen Sujet zu nehmen. Sich auf eine Ebene mit dem Motiv zu bringen, ohne sich über etwas hinwegzusetzen, was bei gesellschaftlichen Themen, wie ich sie bearbeite, schnell diese Gefahr birgt.

Das klassisch inszenierte, auch stilisierte Selbstportrait in der Serie „Dirn“ kommuniziert mit den Oktoberfest-Mädchen auf meinen Bildern und setzt sich in Beziehung zu ihnen.
Natürlich treibt es auch ein Frauenbild auf die Spitze und kommentiert eine gesellschaftliche Tradierung – wie, das kann jeder für sich herausfinden und entscheiden.

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Amelie
Immer wieder fällt auch der Begriff der „digitalen Bilderflut“. Im Sommer hast du für die vierte Ausgabe von KubaParis den kanadischen Künstler Alex Turgeon u.a. analog fotografiert. Wie siehst du die Entwicklung vom analogen hin zum digitalen Fotografieren?

Franziska
Für mich bedeutet Fotografieren analoges Fotografieren. Man muss sich Zeit nehmen, sich dem Motiv annähern, wenn es sein muss immer und immer wieder, um es zu verstehen. Digitales Fotografieren hat weniger mit Sehen als mit Abbilden zu tun. Da sehe ich einen klaren Unterschied. Demnach ist die analoge Arbeit auch persönlicher, da man sich seines Blickes nicht vergewissern kann. Der Blick kommt von innen und ‚catcht‘ den Betrachter im besten Fall auch wieder im Innersten. Die digitale Welt in all ihren Facetten ist nicht mehr wegzudenken und eröffnet neue Möglichkeiten, aber die liegen nicht im Bereich des Sehens, eher im Bereich des Gesehen-Werdens. Darüber hinaus muss die Fotografie als Kunstmedium im Zeitalter digitaler Bilderfluten immer wieder versuchen, sich zu behaupten.

Amelie
Wer und was haben dich hinter diesem Hintergrund in deinem Schaffen beeinflusst?

Franziska
Mich treibt eine innere Notwendigkeit an, Umstände „aufzudecken“, Menschen „aufzuzeigen“, für mich zu ordnen, mir eine Meinung bilden zu können.
Einer meiner Ursprungsgedanken war „Making the invisible visible“. Weg von einer oberflächlichen Form, hin zu einer persönlichen Geschichte, die Nähe schaffen kann.
Natürlich hat die Fotografie da auch ihre Grenzen. Diese Grenzen treiben aber auch an.
Mit der Welt zu kommunizieren und sich über Fotografie mitzuteilen, darüber hinaus seine Ängste und Unsicherheiten preiszugeben, gibt mir wiederum Sicherheit.
Als Fotografin stehe ich dem Sujet gegenüber in der Verantwortung. Fotografie darf nicht trivial oder redundant sein.
Während des Studiums habe ich Nan Goldin sehr geliebt. Die Nähe, die sie zwischen sich und dem Portraitierten schafft, ist einmalig. Die Themen und dokumentarische Bildsprache Ute Mahlers und einiger weiterer großer, deutschen Fotografen haben mich nicht nur beeinflusst, Fotografie zu studieren, sondern prägen meinen eigenen Stil bis heute. Seit ich 2008 Wolfgang Tillmanns Ausstellung im Hamburger Bahnhof gesehen habe, gibt es für mich keinen Künstler, der mich ähnlich bewegt und mir mehr Sicherheit gibt, Kunst zu machen. Diese Sicht auf die Welt und der künstlerische Umgang damit entsprechen mir zutiefst.

Amelie
Danke für den intimen Einblick in deine Motivation und Herangehensweise. Bei der Ausstellung hast du auch die Rolle der Kuratorin übernommen. Die Volume Gallery ist eine 1-Raum-Galerie. Welche Herausforderungen haben sich bei der Platzierung der unterschiedlichen Arbeiten ergeben?

Franziska
Das war ein spannender Prozess, die Arbeiten zusammenzubringen – für mich auch eine neue Erfahrung, als diejenige, die die Künstler zusammengebracht hat, aber jede Arbeit erst einmal nur für sich stand. Die Aufgabe bestand darin, die Arbeiten in einer guten Wechselbeziehung zueinander wirken zu lassen. Sie sollten Bezug zueinander aufnehmen, ohne dass sie ihre eigene Kraft verlieren und innerhalb der Hängung autonom funktionieren können. Mit Hilfe eines Raummodells ist uns das gemeinsam gut gelungen, um dann letztendlich im eigentlichen Raum auf eventuelle Probleme und Änderungen vorbereitet zu sein. So war es dann auch. Darüber waren und sind wir sehr froh und mit dem Raum und der Hängung sehr glücklich, nachdem es anfänglich Bedenken bezüglich der Größe des Raumes gab.

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Amelie
Wie geht es mit „Woman in Disguise“ weiter und was sind deine Pläne für die nächsten Monate?

Franziska
Die Ausstellung „Woman in Disguise“ ist eigentlich Teil einer Reihe namens „Man! I feel like a Woman!“. Die zweite Ausstellung soll sich mit dem Bild und der visuellen Wahrnehmung des Mannes beschäftigen. Auch männliche Stereotype haben sich verändert – bis hin zu ihrer Auflösung. Wie genau diese Ausstellung aussehen und sich gestalten wird, ist noch nicht definitiv. Die aktuelle Ausstellung läuft noch und darüber freuen wir uns! Geschlechterbilder generell haben sich verschoben und angefangen, sich aus ihren starren Rollen heraus zu entwickeln, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und vor allem Gehör zu finden. Es muss ein kritischer Diskurs geführt und ein Beitrag für ein offenes, freies Denken und Leben geleistet werden. Die nächste Möglichkeit dazu gibt es diesen Mittwoch, 16.11. 19.00 Uhr in der Volume Gallery. Die Kuratorin Claudia Seidel (Daimler Contemporary, Kehrer Galerie) wird mit den Künstlerinnen der Ausstellung Clara Bahlsen, Conny Maier, Jette Skorna und mir über ihre Arbeiten, gesellschaftliche Bilder und ihre Veränderung sprechen.

Vielen Dank!

Franziska Taffelt
November 2016

 

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Alle Bilder © Franziska Taffelt 

Volume Gallery
16.11.2016
ARTIST TALK
mit Clara Bahlsen, Jette Skorna, Franziska Taffelt
MODERATION Claudia Seidel – Kuratorin