Hanna Fiegenbaum über „Big Objects Not Always Silent“ von Nathalie du Pasquier.

Sei kein Quadrat

Die Kunsthalle Wien zeigt in der großen Einzelausstellung „Big Objects Not Always Silent“ Werke der Künstlerin und Memphis-Designerin Nathalie du Pasquier.

Es gibt einen Wiedererkennungs-Effekt. Aus dem Alltag bekannte grafische Textil-Muster winken aus dem großen Raum der Kunsthalle Wien entgegen. Sie oder ihre etlichen Nachfolger haben es auf unzählige Plastik-Tischdecken, auf U-Bahn-Sitze, Schreibblöcke, T-Shirts, auf die neuesten Sneaker-Kollektionen geschafft.
Die schwarz-weißen Zeichnungen von Mikrobakterien etwa. Das blau-schwarze Muster auf der Sitzfläche eines Sofas, das an wissenschaftliche Illustrationen von Protein-Bausteinen erinnert. Die Patterns, die einem bunten Tarnmuster ähneln. Oder jene, die wie Stadtpläne mit den Bezirkswahlergebnissen aussehen: Eine grüne Fläche reiht sich an eine rote, an eine schwarze und jene wieder an eine rote, an eine schwarze und so weiter.

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Ausstellungsansicht: Nathalie Du Pasquier. BIG OBJECTS NOT ALWAYS SILENT, Kunsthalle Wien 2016, Foto: Stephan Wyckoff

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Detail © Hanna Fiegenbaum

Jene Muster greifen auf die Formen grafischer Illustrationen zurück. Ihre Ikonizität entlehnen sie der Geometrie und wissenschaftlichen Darstellungen: mikrobiologische Molekül-Modelle, Blutkörperchen, Bakterien, geografische Landkarten und Geo-Systeme. In ihrem Stil und den bunten Farben ähneln die Patterns der Pop-Art. In den 80er Jahren waren Nathalie du Pasquier und die von ihr mitbegründete Mailänder Designer-Gruppe Memphis unter denjenigen, die Pop-Art ins Textil-Design einführten. Heute werden ihre Patterns nicht nur von Pasquier selbst, sondern als ein etabliertes gestalterisches Motiv ebenso von anderen DesignerInnen aufgenommen, fortgeführt und entwickelt.

Die Kunsthalle Wien widmet unter dem Titel „Big Objects Not Always Silent“ noch bis Ende November diesen Jahres der Pionierin dieser Art des Textil-Designs und Mitbegründerin der Mailänder Memphis-Gruppe eine umfassende künstlerische Einzelausstellung. Die Werkschau in der Kunsthalle Wien vereint Gemälde, Muster, Skulpturen und Entwürfe aus einem nun bereits 35-jährigen Schaffensprozess. Zwar gehörte Nathalie du Pasquier als jüngste Gestalterin zu den Gründungsmitgliedern des Mailänder Memphis Designs und war hier, wie so oft bei Gruppen von GestalterInnen der Fall, als weibliche Protagonistin vor allem für das Textil-Design zuständig. Bereits in den späten 80er Jahren jedoch, begann sie bereits intensiv zu malen und versteht sich seither eher als Malerin denn als Textil-Gestalterin.
Die Ausstellung in der Wiener Kunsthalle gibt nun insbesondere diesem freien künstlerischen Werk Pasquiers Raum. Dennoch bleiben die Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen, die in der Kunsthalle Wien neben einigen Textil-Mustern zu sehen sind, sowohl technisch als konzeptuell ihrer Tätigkeit als international renommierter Gestalterin verpflichtet.

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Ausstellungsansicht: Nathalie Du Pasquier. BIG OBJECTS NOT ALWAYS SILENT, Kunsthalle Wien 2016, Foto: Delfino Sisto Legnani

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Ausstellungsansicht: Nathalie Du Pasquier. BIG OBJECTS NOT ALWAYS SILENT, Kunsthalle Wien 2016, Foto: Stephan Wyckoff

In einem Stillleben in matten Öl-Farben aus dem Jahr 2000 ohne Titel reiht sich vor einem Horizont aus heller Wand und schwarzem Tisch eine gläserne Vase mit einer einzelnen grünen Pflanze darin neben eine mintgrüne Tasse und einen roten Becher. Daneben steht ein brauner Korb. Das Ensemble, in dem zwei Farbflächen einen Schwarz-weiß-Kontrast und zwei andere den Komplementärkontrast rot-grün bilden, steht in einem matt-weißen Licht. Kein Staubkorn, keine Spuren im Porzellan sind zu sehen. Die Tassen sind nicht gefüllt, allein in die Vase ist klares, durchsichtiges Wasser für die Pflanze eingelassen. Die Gegenstände werfen kurze Schatten, wodurch im Bild durch die Textur des Korbgeflechts ein schwarz-weißes Licht-Muster entsteht. Die Anordnung wirkt durch die grafisch vereinfachten Formen und eintönigen Farbflächen und das weiße Licht hygienisch.

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Interessant scheinen die Gegenstände für das gemalte Bild nicht etwa durch soziale Konnotationen oder ihren Gebrauchswert zu werden. Sondern durch ihre Erscheinungsformen, die die Künstlerin grafisch und geometrisch vereinfacht: durch Komplementärkontraste, die sie bilden, durch die Schatten-Muster, welche die Texturen im Licht ergeben, die Tasse durch ihre kreisrunde weiße Öffnung und ihren grünen runden Henkel und dergleichen. Diese visuellen Merkmale werden im Gemälde nach Gestaltungsprinzipien der Asymmetrie, der Kontraste und des goldenen Schnittes angeordnet.

Es sind diese gestalterischen Prinzipien, die grafisch vereinfachten Formen und der Einsatz von Licht-Mustern und Farben als reine Farbflächen, die auch erhalten bleiben, wenn die so geordneten Farbflächen keine Gegenstandsformen mehr aufweisen, sondern zu abstrakten geometrischen Farbfeldern werden.
Nathalie du Pasquier arbeitet sich langsam vom Konkreten zum Abstrakten vor: Aus den architektonischen Arrangements der größtenteils einfarbigen Gegenstände und ihren schwarz-weißen Schatten-Mustern in den Stillleben werden in den abstrakten Öl-Gemälden nur noch andeutungsweise einem solchen Gegenstand angehörige Farbflächen. Rechteckige Farbfelder stapeln sich auf den abstrakteren Gemälden neben matten Flächen und Schachbrettmustern.

Das kleine Gemälde, das direkt auf die Wand der Kunsthalle aufgetragen ist und dem Zyklus „Meteoriten“ angehört, besteht ganz aus rechteckigen farbigen Flächen. Diese sind so aufeinander angeordnet, dass sie scheinbar einen aus bunten Blöcken bestehenden Gegenstand ergeben. Auf einer hellgrünen Fläche steht ein dunkelbrauner rechteckiger Block neben einem kleineren in hellrosa auf einem dunkelroten rechteckigen Sockel. Das Gemälde ist ein Bild aus einer annähernd platonistischen Welt, in der alle Dinge nur mehr die Form rechteckiger Blöcke aufweisen.

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Ausstellungsansicht: Nathalie Du Pasquier. BIG OBJECTS NOT ALWAYS SILENT, Kunsthalle Wien 2016, Foto: Stephan Wyckoff

In Nathalie du Pasquiers Textil-Patterns werden diese Form-Kombinationen aus den abstrakten Gemälden schließlich rhythmisiert und zu Mustern gruppiert.
Aus dieser Vorgehensweise lässt sich ablesen, dass es sich hier um eine Künstlerin handelt, die sich mit der Erfindung und Erstellung von Mustern auskennt. Denn Pasquiers Hauptgeschäft bilden nach wie vor Textil-Design, Patterns und Prints. 2013 kollaborierte sie für eine Mode-Kollektion mit dem damaligen Art Director der Marke Hermès Christophe LeMaire. 2014 gestaltete Pasquier eine Mode-Kollektion in Kooperation mit der US-amerikanischen Textil-Marke American Apparel. Für die dänische Möbel-Marke Hay entwarf sie Kissenbezüge. Für gewöhnlich ist die Künstlerin mit der Erstellung von Mustern für den Textil-Bereich beschäftigt.

Es liegt also nicht fern, dass Spuren dieses alltäglichen Metiers sich auch in ihren freien künstlerischen Arbeiten wieder finden lassen. Oft stehen Nathalie du Pasquiers Malereien genau dazwischen und bilden das offene und zugleich bindende Glied zwischen Textil-Muster und künstlerischer Studie. In ihrer geometrisch einfachen, abstrakten Formensprache sind sie offen für Interpretationen darüber, worum es sich beim Dargestellten eigentlich handelt. Die ironische Übertreibung schlichter geometrischer Formen wiederholt dabei das Augenzwinkern, mit der die Mailänder Memphis-Gruppe auch in der Gestaltung agierte.

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Nathalie Du Pasquier, o.T., 2015, Courtesy die Künstlerin und Exile Gallery, Berlin

Denn die Memphis-Gruppe platzierte ihr Möbel-Design immer bereits an dieser Grenze von abstrakter Kunst und in Form und Funktion definiertem Gebrauchsgegenstand. Zwar blieben in den Memphis-Entwürfen die in der Mitte des 20. Jahrhunderts eingeführten schlichten Formen des skandinavischen Designs, des urbanen Industrie Designs und des Internationalen Stils erhalten. Doch diese wurden, nach eigenem Verständnis der Mailänder Gruppe, aus ihrer Statik gelöst und zu flexiblen Kombinationen neu geordnet. Zu dem Paradigma der Dynamik und Mobilität in der Innen-Einrichtung passte, dass etwa im Textilbereich Formen aus dem Bereich des Organischen hinzu traten. Die bunte Farbigkeit der Memphis-Möbel konnte in den 80er Jahren sowohl den Fun Lifestyle der Young Professionals artikulieren als auch in die Statik der Inneneinrichtungen der Älteren ein ironisches Element einführen.

Der Park Table (1983) oder der Sessel Seating near enigma (1987) von Ettore Sottsass konnten als gestalterischer Grenzgang dessen verstanden werden, welche Eigenschaften ein Tisch oder ein Sessel aufweisen muss um noch als Tisch oder Sessel gelten zu können. Muss man auf einem Sessel noch bequem sitzen können damit er für einen Sessel gilt? Oder sind die zwei kalten Marmorblöcke von Seating near enigma, die zusammen eine Sitzform hergeben, dafür bereits hinreichend?
Mit solchen Design-Experimenten spalteten in den 80er Jahren die Memphis-GestalterInnen die Urteile des Publikums auf den Mailänder Möbelmessen in ein Spektrum zwischen so gegensätzlichen Attributen wie Stupidität und provokanter Genialität. Diese Kontroversen brachten der Gruppe das Prädikat des Neuen, Avantgardistischen ein. Doch vielmehr als zum „Anti-Design“ wurde Design unter dem Label Memphis zum Austragungsort solcher Kontroversen und zum Experimentierfeld um gestalterische Fragen zu stellen. Die Kunsthalle Wien stellt nun mit Nathalie du Pasquier eine wichtige Protagonistin solcher gestalterischer Reflexionsprozesse aus.

Text: Hanna Fiegenbaum

 

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Ausstellungsansicht: Nathalie Du Pasquier. BIG OBJECTS NOT ALWAYS SILENT, Kunsthalle Wien 2016, Foto: Stephan Wyckoff

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Ausstellungsansicht: Nathalie Du Pasquier. BIG OBJECTS NOT ALWAYS SILENT, Kunsthalle Wien 2016, Foto: Stephan Wyckoff

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Ausstellungsansicht: Nathalie Du Pasquier. BIG OBJECTS NOT ALWAYS SILENT, Kunsthalle Wien 2016, Foto: Delfino Sisto Legnani

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Ausstellungsansicht: Nathalie Du Pasquier. BIG OBJECTS NOT ALWAYS SILENT, Kunsthalle Wien 2016, Foto: Delfino Sisto Legnani

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Ausstellungsansicht: Nathalie Du Pasquier. BIG OBJECTS NOT ALWAYS SILENT, Kunsthalle Wien 2016, Foto: Delfino Sisto Legnani

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BIG OBJECTS NOT ALWAYS SILENT
Museumsplatz 1
1070 Wien