Highlight 1/12 – Ginerva Gambino by Vivien Trommer

Body pt. 2 (An Ex-hibition) kuratiert von Kasia Fudakowski

Alexander Brenchley, Wilhelm Klotzek, in Abwesenheit von 2 anonymen Künstlern

20. Januar – 24. März 2018

„Moni“, krächzt Robert Redulzke hinter einem Glas Rotwein und Aschenbecher, „Also wir beide, verstehst du? Du und Ich. Endlich vereint. Nach 25 Jahren Rumgedruckse, falschen Andeutungen und freundschaftlicher Kälte, bilden wir endlich eine Einheit. Die Mauer der Freundschaft ist gefallen. Jetzt regiert die Liebe.“ Redulzke, der monologisierende Protagonist in Wilhelm Klotzeks Video Die Briefmarke, gibt alles was seine Sprache an Eloquenz herzugeben vermag, um Monika Krochnowski endlich von sich zu überzeugen. Das Problem ist nur, Moni antwortet nicht. Sie ist gar nicht anwesend, nur ihr verlassenes Rotweinglas steht auf dem Holztisch. Stattdessen sind wir da, schauen Redulzke an und sind seinen bitteren Sprachkämpfen zwischen Liebe und Freundschaft ausgesetzt.

An der Wand gegenüber hängt ein gerahmtes Familienporträt. Mann und Frau, beide lachen überglücklich. Sie legt ihren Arm um seine Schulter. Er hält locker das Symbol ihrer Zweisamkeit auf dem Schoss – Ren – ihr gemeinsames Kind. Redulzkes Sehnsucht nach der fortdauernden Liebe scheint hier eingefangen im Ewigkeitsmoment der Fotografie. Die Fotografie heißt Hugs and Kisses und wurde von Alexander Brenchley eigens für die Ausstellung neu produziert. Nun steht das frische Familienglück der schieren Verzweiflung Redulzkes in direkter Konfrontation gegenüber.

Abseits der Konfrontationslinie hängen zwei gerahmte Emails von Kasia Fudakowski. Obwohl die Adressaten und einige Satzteile geschwärzt sind, wird dennoch schnell deutlich, dass es sich hier um zwei Briefe an Fudakowskis Exfreunde handelt. Auch der Zusammenhang wird klar, sie haben länger nicht miteinander gesprochen und jetzt folgt hier eine ad hoc Einladung zu einer Gruppenausstellung. Bei dieser Ausstellung handelt es sich allerdings nicht um irgendeine x-beliebige Gruppenausstellung, sondern um eine Ausstellung, in der Fudakowski ausschließlich Werke ihrer Exfreunde zu versammeln versucht. Sie wiederum agiert als Künstlerin, die von der Galerie Ginerva Gambino eingeladen wurde, als Kuratorin in das System hinter dem sichtbaren Ausstellungswesen einzugreifen. „Body“ ist der Titel dieser Reihe, die jährlich fortgesetzt wird. Die unbeantworteten Briefe an der Wand sind die Zeugen von zwei Absagen an die Show.

Body pt. 2 (An Ex-hibition) reflektiert über die Ethiken des Kuratierens. Welche Konventionen sollten eigentlich für Ausstellungsmacher gelten? Wann werden Grenzen übertreten, die der Kunst und dem Kuratieren mehr schaden als guttun? Bekommt das überhaupt jemand mit? Für die Ausstellung wechselt Fudakowski bewusst ihre Rolle – von der Künstlerin zur Kuratorin – und legt dabei ihre eigenen Erwartungen an die Rolle des Kurators offen. Sie inszeniert ein Bühnenstück, das schlichtweg das größte Horrorszenario in der gegenwärtigen Kunstwelt darstellt. Die Ausstellung zeigt ausschließlich weiße, heterosexuelle Männer. Als wäre das nicht genug, scheinen ihre Arbeiten auch noch die patriarchalen Lebensverhältnisse und klassischen Ehekonstellationen zu befürworten, die sie in ihren Machtrollen unerkannt lassen. Als ästhetische Ausstellung mit hoher visuellen Reizquote scheitert dieser Versuch unmittelbar. Als systemtheoretische Kritik funktioniert sie allerdings umso besser. Denn sie entwickelt einen interessanten Ansatz aus der Institutionskritik weiter. Das Ausstellungskonzept begibt sich freiwillig in das Messer der Kritik und auch die zwei Kunstwerke haben eingewilligt mitzuspielen. Gemeinsam wiederholen sie die absoluten Don’ts des Kanons und legen damit das Ungesagte offen.

Body pt. 2 (An Ex-hibition) zeigt die Kunstwelt als Netzwerk, das auf Liebe und Freundschaft basiert, und dass, wenn es unreflektiert eingesetzt wird, sofort zu kippen beginnt. Damit werden auch die Rollenverhältnisse und die daran gebundenen Abhängigkeiten zwischen Künstler, Kurator, Galerist und Besucher sichtbar. Die Ausstellung, die Fudakowski entwirft, ist eine Situation, in der wir alle mitspielen und entscheiden müssen, wie sich unser set of ethics eigentlich zusammensetzt. Und da kommen auch Robert Redulzkes Melancholie und Alexander Brenchleys Glück wieder ins Spiel, denn sie zwingen uns zur Auseinandersetzung mit unseren eigenen Idealen und Vorstellungen.

Vivien Trommer

  

Ginvera Gambino
Kyffhäuserstr. 31
50674 Cologne

Öffnungszeiten
Dienstag – Freitag 14–18 Uhr
Samstag 11–18 Uhr

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