Highlight 2/12 – Sfeir-Semler Gallery by Vivien Trommer

New Sites for the Museum Departments or four places to visit Heaven

Khalil Rabah

18. Januar – 7. April 2018

Welche Funktion hat ein Museum? Kann es einer Kultur und Nation ein Gesicht geben? Lebt es gerade von und durch dieses identitätsstiftende Moment? Khalil Rabah produziert nicht nur Kunstwerke, er produziert sie für sein semi-fiktionales Museum. Ein Museum, das er 1995 gründete und der Geschichte Palästinas gewidmet hat.

Derzeit besetzt sein Museum, genauer The Palestinian Museum of Natural History and Humankind, die weitläufigen Fabrikhallen der Sfeir-Semler Gallery in Beirut. Strukturiert in die vier Departments Botanik, Geologie, Solarenergie und Anthropologie nimmt uns Rabah mit auf die Suche nach etwas, das man vielleicht die gegenwärtige Identität Palästinas nennen könnte. Allerdings versucht er diese weniger anhand von Archivmaterialien und historischen Dokumenten nachvollziehbar zu machen wie es gewöhnlich in musealen Institutionen geschieht, sondern skizziert das Identitäre vielmehr entlang seiner eigenen Kunstpraxis und damit auch entlang seiner subjektiv-authentischen Wahrnehmungen von der konfliktverstrickten politischen, kulturellen und sozialen Lebensrealität Palästinas. Das macht Rabahs Institution nicht nur zu einem Museum in migration, sondern zu einer temporär entstehenden Instanz, welche versucht über die Bedingungen des Erinnerns und der Geschichtsschreibung zu reflektieren und deren Möglichkeiten neu zur Disposition zu stellen.

Das Botanical Department umkreist die identitätsstiftende Bedeutung des Olivenbaums – dem emblematischen Symbol Palästinas. Die Malerei In Vein (1997-2017) zeigt das Reenactment einer Performance aus den 1990er Jahren, bei der sich Rabah einen Stein um seinen Bizeps spannte, fest umwickelt mit einem Schlauch voll Olivenöl, und versuchte dem Schmerz in heroischer Doppelbizeps-Pose so lang es ging, standzuhalten. Die Performance schreibt Geschichte – die Malerei, eine Auftragsarbeit Rabahs, wird zur Ikone. Sie zeigt seine zur Faust geballte Hand, seine sich aufbäumenden Muskeln – die Kraft des Körpers wie er versucht, der Natur zu trotzen. Die naturalistische Malerei hält das Moment des Empowering für die Ewigkeit fest. Vor dem Bild parkt In Vain (2017), ein Hubwagen, der beladen ist mit einem tonnenschweren Stein, ebenfalls umwickelt mit einem Olivenölschlauch und vergeblich auf Entladung wartet. Ein wenig entfernt vorm Fenster steht ein kleines Diorama, After 12 Years (2008-2015), in dem vier kleine Olivenbäume wachsen – langsam, im Schutz der Institution. Sie erinnern an ein Geschenk, dass Rabah 1995 den United Nations in Genf machte – fünf Olivenbäume aus Ramallah wurden damals im Schweizer Ariana Park gepflanzt – wo die Bäume verblieben sind, ist heute unklar.

Das Earth and the Solar System Department untersucht die allgemeinen Strukturen und Prägungen von Identität und Kultur. Gerahmt in einem Objektkasten hängt Tattoo (1996), ein Hatta (Kopftuch), das in der arabischen Welt vor allem von Männern zum Schutz vor der Sonne tragen wird, im Nahostkonflikt allerdings zu einem internationalen Symbol für den Kampf der Palästinenser wurde. Rabah hat alle schwarzen Fäden aus dem weißen Tuch gezogen. Was bleibt, sind ein grauer Schatten und die Einstiche der Nadeln, die sich als Muster über das Tuch ziehen. Sie verweisen auf die unverwischbaren identitären Markierungen, die sich in die Körper von Menschen und Objekten einschreiben. In der Mitte des zweiten Raumes steht ein Kasten aus oxidiertem Metall, der an eine monströse Skulptur Richard Serras erinnert. Den Deckel des Kastens hat Rabah an die Seite gelehnt. Aus dem Inneren der Box leuchtet eine zerschmetterte Neonschrift, die sich auf Hebräisch zu dem Kürzel PLO (Palestine Liberation Organization) zusammensetzten lässt. Scheinbar zersplittert und beerdigt, strahlt die Kraft der Organisation doch noch in die Welt hinaus. Die Geschichte, so scheint Rabah suggerieren zu wollen, lässt sich zwar nicht ausradieren, aber es scheint doch möglich, neue Interpretationen zuzulassen und den Umgang mit dem, was Geschichte geworden ist, im Jetzt neu zu überprüfen.

Die Kunst Rabahs ist frei von medienspezifischen Zwängen. Er bedient sich ganz einfach unterschiedlicher Formate und Materialien, um seinen Intentionen den richtigen Ausdruck zu verleihen. Damit ist sein Kunstbegriff ein mehrheitlich funktionalistischer. Genau das ermöglicht es ihm auf einer zweiten Ebene, das Erfahrungsästhetische des Ausstellens zu hinterfragen und über die Ausstellung als Medium zu reflektieren. Rabahs Museum ist eine Einladung, die authentische Welt eines Künstlers zu entdecken und in diesem höchst subjektiven Kontext generelle Fragen über das Zusammenleben zu stellen. Er problematisiert nicht nur die scheinbar objektive Stimme des öffentlichen Museums, sondern öffnet sich auch gegenüber einem gesellschaftlich-politischen Impetus, der im The Palestinian Museum of Natural History and Humankind steckt. Das Ausstellen kann hier als Chance begriffen werden – oder als Politik, wenn man das Politische mit Hannah Arendt denkt. „Politik,“ sagte sie, „handelt von dem Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen.“1 Rabahs Ausstellungen handeln vom Miteinander, von einem Palästina in der Welt.

Weitere Informationen zum Museum sind unter diesem Link zu finden: http://www.thepalestinianmuseumofnaturalhistoryandhumankind.org

Notes

1 Hannah Arendt, Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß, München und Zürich 1993, S. 9.

Khalil Rabah
Friendly Dog, 2017
Metal, wood, truck flatbed, surveillance mirrors
193 x 155 x 300 cm
Courtesy of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg

Khalil Rabah
Untitled_2017_Rusted metal, neon, plexiglass
100 x 200 x 80cm
Courtesy of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg

Khalil Rabah
Untitled_2017_Rusted metal, neon, plexiglass
100 x 200 x 80cm
Courtesy of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg

Khalil Rabah
Tattoo, 1996
Hatta‘ (fabric threads)
120 x 120 cm
Courtesy of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg

Khalil Rabah
New Sites for the Museum Departments or four places to visit Heaven, 2018
Exhibition view
Courtesy of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg

Khalil Rabah
New Sites for the Museum Departments or four places to visit Heaven, 2018
Exhibition view
Courtesy of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg

Khalil Rabah
New Sites for the Museum Departments or four places to visit Heaven, 2018
Exhibition view
Courtesy of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg

Khalil Rabah
New Sites for the Museum Departments or four places to visit Heaven, 2018
Exhibition view
Courtesy of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg

Khalil Rabah
New Sites for the Museum Departments or four places to visit Heaven, 2018
Exhibition view
Courtesy of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg

Khalil Rabah
In Vein, 1997-2017
Oil on canvas
40 x 60 cm
Courtesy of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg

Khalil Rabah
In Vain, 2017
Rock, spray-painted hand pallet truck, plastic tube, olive oil
Variable dimensions
Courtesy of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg

Khalil Rabah
Hide Geographies, 2017
4 embroideries on fabric
Variable dimensions
Courtesy of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut/Hamburg

Sfeir-Semler Gallery
Tannous Building – Quarantine – Lb-2077
7209 Beirut
Libanon