Highlight 3/12 – Kunsthalle Baden-Baden by Vivien Trommer

Ausstellen des Ausstellens: Von der Wunderkammer zur kuratorischen Situation

02. März 2018 – 17. Juni 2018

Endlich beschäftigt sich eine Ausstellung umfassend mit der Geschichte des Ausstellens. Institutionen haben sich dem Thema bisher nur am Rande gewidmet, in der Kunstwissenschaft ist die Praxis des Zeigens und Präsentierens längst zum Topos geworden. Man denke nur an Charlotte Klonks Spaces of Experience (2009), Anke te Heesens Theorien des Museums (2012) oder Elena Filipovics The Apparently Marginal Activities of Marcel Duchamp (2016).1 Sie alle berichten vom Wandel der Beziehung zwischen sehenden Subjekten und betrachteten Objekten – den veränderten Bedingungen der Erfahrungsästhetik und den neuen Bedingungen an die Räume der Kunst.

Die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden eröffnet mit einem Prolog. Im Foyer und den ersten zwei Ausstellungsräumen wird der große Wurf versucht: Die Geschichte des Ausstellens ist komplex. Einer typischen Wunderkammer aus dem 17. Jahrhundert nachempfunden, werden hochkarätige Exponate, darunter Galeriebilder, Hängepläne, Museumsgrundrisse neben historischen Sockeln, bilderlosen Rahmen und leeren Vitrinen ausgestellt. Zu einer Fotografie des Pariser Salons von 1852, eine der ersten fotografischen Installationsansichten überhaupt, gesellt sich eine Radierung von Pietro Antonio Martini, auf der zu sehen ist, wie der Prince of Wales im Jahr 1787 durch die neuste Ausstellung der Londoner Royal Academy geführt wird. Die königlichen Gäste, umzingelt von den neusten Gemälden, die wandfüllend installiert sind vom Boden bis zur Decke, scheinen sich prächtig zu amüsieren. Eine reine Verkaufsschau – das versteht sich von selbst. Auf der nächsten Fotografie sind die Wände plötzlich weiß, die Werke hängen einreihig und mit großzügigem Abstand zueinander. Wir sind im 20. Jahrhundert angekommen, in der Wiener Secession.

An Zeugen wie diesen skizziert die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden den Wandel des Ausstellens nach; von der Petersburger Hängung zum cleanen White Cube. Zu ihnen gesellen sich – ganz in der chaotischen Grammatik des Kuriositätenkabinetts – Karin Sanders Identities on Display (2013), transparente Vitrinen, in denen die Besucher ihre Jacken und Taschen einschließen und für die Zeit des Besuchs ausstellen dürfen. Auch Jeppe Heins Moving Bench (2000), ein autonomes Sitzmöbel, das klammheimlich und langsam durch den Ausstellungsraum rollt, ist hier zu finden, genau wie Fred Wilsons gewöhnliches Wischmopp-Set Viewing the Invisible: Cleaner’s Cart (2018), das auf einem niedrigem weißen Sockel steht. Es zeigt sich schnell, der Prolog der anthologischen Ausstellung nimmt verschiedene Sprecherrollen ein: er argumentiert aus kunstwissenschaftlicher, zeitgenössisch-künstlerischer und meta-kuratorischer Perspektive. Durchaus stellt sich die Frage: Kann eine Ausstellung beim Ausstellen über sich selbst reflektieren? Kann sie ihre eigenen Dispositive kritisch verhandeln? Oder hätten wir zum besseren Verständnis doch lieber die eingangs erwähnten Bücher lesen sollen?

Dann herrscht endlich die Ordnung, die wir von zeitgenössischen Ausstellungsbesuchen gewohnt sind. Wir sind im dritten Raum angekommen und müssen zum Glück nur noch einem Sprecher folgen. Es berichten die Künstler von ihrer Kritik am White Cube. Zu Beginn wird ein originaler Correalistischer Rocker (1942) von Frederick Kiesler ausgestellt, den dieser als Architekt für Peggy Guggenheims legendäre Galerie Art of the Century in New York designte. Auch die Positionen von Marcel Broodthaers (fiktives Adler-Museum) und Louise Lawler (Kunst im Kontext) dürfen nicht fehlen, bevor wir auf die Videoprojektion von Andrea Frasers Performance Little Frank and His Carp (2001) stoßen. Dem Audioguide folgend tastet sich Fraser an den geschwungenen Wänden eines Frank Gehry Baus entlang. Sie erkundet das Guggenheim Museum Bilbao körperlich, fasst sich unter ihr eigenes Kleid, entblößt ihren weißen Tanga und beginnt ihren eigenen Körper zu berühren. Der Museumsbesuch wird zur sinnlichen Erfahrung. Die Ausstellung führt uns von der architektonischen Kritik am isolierenden White Cube, zur konzeptionellen Analyse und leitet schließlich in die feministische Institutionskritik über. Aber welcher Kritik sieht sich das Museum heute ausgesetzt? Und wer schreibt eigentlich die Geschichte des Ausstellens – die Künstler oder die Kuratoren?

Dann stehen wir vor einem verlassenen Rollstuhl. Null Problemo (2015) von Mariana Castillo Deball führt zu einem Kunstraub, der sich 1989 im Berliner Schloss Charlottenburg ereignete. Die Täter entwendeten damals ein Carl Spitzweg Gemälde, das bis heute verschollen ist. Bei der Tat hinterließen sie nicht nur den Rollstuhl, sondern auch die Notiz „null Problemo“, die mit schwarzer Farbe auf dessen Seitenleisten geschrieben war. In Castillo Deballs Installation ist die Rollstuhl-Replik zum Stellvertreter der Geschichte und damit selbst zum Kunstwerk geworden. Auf einer dazugehörigen wandfüllenden Tapete und in einem Audiopiece verhandelt sie das Ereignis. Aber Castillo Deball untersucht nicht nur die Tat. Die investigative Entschlüsselung steht gleichwertig neben der Untersuchung der musealen Ordnungssysteme. Sie betrachtet die Institution Museum von außen und lässt ihre verstrickten inneren Strukturen sichtbar werden. Die besten Antworten kommen also von Künstlern und ihren Kunstwerken. Sie sind es, die die Geschichte des Ausstellens schreiben.

Der Rundgang wird, treffender könnte es nicht sein, mit Simon Dybbroe Møllers Maison de Regret (2018) beendet. Die eigens für die Ausstellung neu produzierte Werkserie zeigt standarisierte Kunststofffenster, die an die Wände montiert sind. Zwischen ihnen und der weißen Wand klemmen vorbeifliegende Blätter, Plastiktüten, Kassenzettel und Geldscheine. Scheinbar, so soll uns wohl suggeriert werden, können wir aus dem White Cube hinausschauen und nun die Probleme der echten Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Eine reine Illusion, denn das, was wir sehen, ist nur das, was uns vorgesetzt wird. Hinter dem sich formierenden Bild aus Geld und Müll steht im üblichen Stolz die weiße Wand. Unser Blick prallt ab, wir werden zurückgeworfen auf uns selbst, auf unser Dasein als Besucher in einer Ausstellung. Aus dem Korsett der musealen Ausstellungssituation, so scheint es, ist eine Befreiung nicht so leicht möglich.

Im Epilog dann der Wechsel, es spricht der Kurator. Mit jungen Positionen zieht die Ausstellung nach draußen, in die umliegenden Institutionen, Parks, sogar in kommerzielle Geschäfte, kurz in eine größer gedachte städtische Öffentlichkeit. Julian Irlinger zeigt sein neues Video Constructing the Universal (2018) im Stadtmuseum, Karin Sanders Identities on Display (2013) tauchen im privaten Museum Frieder Burda wieder auf, Kostüme aus Maria Miottkes bachelorcollection heißen Die Bausstelle (2017) und sind im Schaufenster des Modegeschäfts Tandem Transit zu finden. Die reale Welt hat den White Cube verdrängt, die Gegenwartskunst ist allgegenwärtig geworden. Sie nistet sich ein, temporär und ganz egal wo. An völlig kunstfernen Orten, so will es die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden sagen, ließen sich heute „kuratorische Situationen“ herstellen. Ob die Kunst dort irritiert oder einfach unsichtbar bleibt, darum scheint es nicht zu gehen. Künstler und Kuratoren arbeiten heute zusammen, das scheint der Ausstellung ein Anliegen zu sein. Aber hat die Gegenwartskunst deswegen auch die Kritik am White Cube hinter sich gelassen? Davon lässt sich wohl kaum ausgehen. Gute Kunst macht sich nicht abhängig, auch nicht von neuen „kuratorischen Situationen“. Sie ist widerständig und richtet sich – wenn auch nur subtil – gegen jede Form der Anpassung.

Notes

1 Die Liste der wissenschaftlichen Publikationen zum Thema des Ausstellens ließe sich endlos fortführen. Dies ist nur eine selektive Auswahl.

Beteiligte Künstler: Nevin Aladağ, John Bock, Mariana Castillo Deball, Tacita Dean, Christian Eisenberger, Andrea Fraser, Lasse Schmidt Hansen, Friedemann Heckel, Jeppe Hein, Julian Irlinger, Fabian Knecht, Louise Lawler, Allan McCollum, Maria Miottke, Simon Dybbroe Møller, Ivan Moudov, Philipp Modersohn, Walid Raad, Karin Sander, Evamaria Schaller, Kamen Stoyanov, Sebastian Thewes, Lukas Töpfer, Claudia de la Torre, Kaari Upson, Pae White, Fred Wilson sowie Goshka Macuga mit weiteren Werken aus der Sammlung des Arts Council England von Art and Language, Alan Ball, Nino Barbieri, Joseph Beuys (1921-1986), Christo, Georges Csato (1910-1983), Herbert Distel, Brian Griffin, Maurice Henry (1907-1984), Jenny Holzer, Milan Knizak, Adam McEwen, Jonathan Monk, Carlyle Reedy, Daniel Spoerri, Günther Uecker, Ben Vautier, Jessica Voorsanger, Wolf Vostell (1932-1998) und saxpublishers mit Olga Balema, Verena Dengler, Lena Henke, Benjamin Hirte, Yngve Holen, Lisa Holzer, Chadwick Rantanen, Ben Schumacher.

Zusätzliche Werke von: Joseph Arnold (1646-1674/75), Giuseppe Bernardino Bison (1762-1844), Abraham Bosse (1604-1676), Marcel Broodthaers (1924-1976), Johann Georg von Freese (1701-1775), Otto Graeber (1885-1952), Gustave Le Gray (1820-1884), Johan Conrad Greive (1837-1891), Jean-Pierre-Marie Jazet (1788-1971), Friedrich Kiesler (1890-1965), El Lissitzky (1890-1941), Pietro Antonio Martini (1738-1797), August II. von Polen (1670-1733), Anton Joseph von Prenner (1698-1761) und Frans van Stampart (1675-1750), Charles Rochussen (1814-1894), Adriaen van Stalbemt (1580-1662), Christian Friedrich Wiegand (1748-1824), Pieter Barbiers BZN III. (1771-1837).

Reflexionszeichnungen von: Matthias Beckmann, Bea Davies, Yves Haltner, Anje Jager, Julia Pietschmann, Alexander Roob, Silke Schatz, Pedro Stoichita, Anna M. Szaflarski

Ausstellungsansicht, Ausstellen des Ausstellens, 2018, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Foto: Judit Fruszina Jesse

Ausstellungsansicht, Ausstellen des Ausstellens, 2018, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Foto: Judit Fruszina Jesse

Karin Sander, Identities on Display, 2013, realisiert in Zusammenarbeit mit Holzer Kobler Architekturen, Installationsansicht Humboldt Lab Dahlem, 2013, Foto: Jens Ziehe

Mariana Castillo Deball, Null Problemo, 2015, Installationsansicht Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, 2018, Foto: Judit Fruszina Jesse

Ausstellungsansicht, Ausstellen des Ausstellens (Friedrich Kiesler Display), Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, 2018, Foto: Judit Fruszina Jesse

Christian Eisenberger, o.T. (Bürgerschilder), 2001–ongoing

Fabian Knecht, Isolation (Stamm), 2018

Friedemann Heckel, Re-Edition, 2018

John Bock, Abay hoch Bock hoch zwei ist gleich Wurzel aus Eierschale tangiert Kaugummikurve, Konzert im Kölnischen Kunstverein, 2015, Foto: Martin Sommer

Schlösser designt von Olga Balema, Verena Dengler, Lena Henke, Benjamin Hirte, Yngve Holen, Lisa Holzer, Chadwick Rantanen, Ben Schumacher, Courtesy saxpublishers

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
Lichtentaler Allee 8 a
76530 Baden-Baden

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