Highlight 4/12 – Portikus by Vivien Trommer

Georgia Sagri and I, Installation view, 21.04.–17.06.2018, Portikus, Frankfurt/Main. Photo: Helena Schlichting. Courtesy: Portikus, Frankfurt/Main.

Georgia Sagri and I, Installation view, 21.04.–17.06.2018, Portikus, Frankfurt/Main. Photo: Helena Schlichting. Courtesy: Portikus, Frankfurt/Main.

Georgia Sagri and I, Installation view, 21.04.–17.06.2018, Portikus, Frankfurt/Main. Photo: Helena Schlichting. Courtesy: Portikus, Frankfurt/Main.

Georgia Sagri and I, Installation view, 21.04.–17.06.2018, Portikus, Frankfurt/Main. Photo: Helena Schlichting. Courtesy: Portikus, Frankfurt/Main.

The Invisible Ones, 2008/2018, Performance, Portikus, 21. April 2018, Photo: Diana Pfammatter

The Invisible Ones, 2008/2018, Performance, Portikus, 21. April 2018, Photo: Diana Pfammatter

Georgia Sagri and I

21. April – 17. Juni 2018

Die Werke von Georgia Sagri kehren uns den Rücken zu. Betritt man die aktuelle Ausstellung im Portikus, stößt man zunächst auf die Rückseite des Settings von Documentary of Bahavioural Currencies (2016), ein synchrones Doppelvideo über die Finanzwelt. Dann läuft man vorbei an And (2018), einem Lagerschrank, in dem sich weitere zweidimensionale Werke Sagris in der Horizontalen übereinanderstapeln. Man streift die beinahe nebensächlich abgestellten documenta14-Bilderschilder Dynamis/Soma in orgasm as sex (2017) und landet schließlich vor Square (2008/2018), einer Bodenplatte aus Beton. Diese beachtet man nicht weiter, denn man wird magisch von einem Fenster angezogen, das gegenüber des Eingangs als architektonische Kritik am White Cube in die Wand des Portikus eingelassen ist. Dort angekommen, kann man ungestört den Ausblick in den Realraum genießen: Im Sonnenlicht funkelt die Frankfurter Skyline, auf den Blättern der Bäume zeichnet sich ein poetisches Lichtspiel ab und auf dem Main machen die jungen Gänse zum Frühlingsbeginn ihre ersten Schwimmversuche. Kurz: Man genießt das echte Leben.

Nachdem man meint, alles gesehen zu haben und das unterhaltsame Natur-Stadt-Schauspiel in vollen Zügen genossen hat, wäre man eigentlich bereit, den Besuch abzuschließen. Man dreht sich um und möchte gehen. Doch in diesem Drehmoment gibt sich Ausstellung plötzlich als Ausstellung zu erkennen. Die Werke zeigen ihre Vorderseite. Enthüllt werden auch die weißen Wände des Portikus, die der Ausstellung ihre Grenzen setzen, und klar machen, dass die Arbeiten – offensichtlich in Relation zur kubischen Struktur des Raumes – ihren Platz auf einem geometrischen Raster gefunden haben. Man weiß jetzt, wo man ist. Rodin spielte bereits 1899 mit diesem inszenatorischen Umkehrmoment. Seine Statue der Eva (1881) begrüßte die Besucher beim Betreten der Galerie mit entblößtem Rücken. Nutzte Rodin die Rückwärts-Platzierung, um die expressive Plastizität seiner Rückengestalt ins Zentrum zu stellen, so nutzt Sagri das gleiche Moment, um etwas völlig anderes zu erzielen. Beim Betreten des Raumes wollen sich ihre Werke gar nicht zu erkennen geben, verstecken sich zuerst und verschließen sich vor unseren Blicken. Erst nachdem Sagri uns die Chance gegeben hat, ein Bewusstsein für den Ausstellungsraum und seine Bedingungen zu entwickeln, entblößen sie sich und lassen ihrer Qualität des Sich-Zeigens und Sich-Präsentierens freien Lauf. Ganz bewusst verweist Sagri damit auf das räumliche Ende der Ausstellung, ihrer Ausstellung, die auch ein zeitliches Ende kennt, da sie sich an diesem Ort nur temporär eingenistet hat.

Doch zurück zu den einzelnen Werken: Square ist ein leeres Sockelpodest. Mit einer Größe von 140 x 140 cm und einer unscheinbaren Höhe von 11 cm steht das betongraue Ding wie ein Chamäleon auf dem ebenfalls grauen Boden des Portikus. Es versteckt sich, will eins werden mit der Architektur. Aber wie sollte es auch anders sein? Bedienen doch der Boden eines Ausstellungsraums und ein Sockel die gleiche Funktion: Sie stellen etwas in den Raum oder anders, sie helfen einem Objekt dabei, sich selbst auszustellen. Sagris Square wird, wie der Titel des Werks impliziert, gleichsam zu einem öffentlichen Platz in einer semi-öffentlichen Institution. Und so re-inszenierte die Künstlerin am Eröffnungswochenende auf eben dieser Skulptur ihre Performance The Invisible Ones (2008/2018), in der sie das Verhältnis zwischen Performer und Betrachter problematisiert. „You don’t call invisible someone that doesn’t exist. You call invisible someone that cannot be seen“, sagte sie einmal über dieses Werk. Erneut spricht Sagri die Bedingungen und Herausforderungen des Zeigens und Ausstellens an. Square dient ihr als Problemfeld. 

Den größten Platz in der Ausstellung nehmen die Shacks für Documentary of Bahavioural Currencies ein. Unter zwei aufgebockten Planen ist auf kleinen Flatscreens ein identisches und synchron laufendes Video zu sehen, das neben Sagri auch Dr. Josephin Varnholt zeigt, Managing Director & Senior Advisor bei der Schweizer Julius Bär Bank. In dem Video begegnen sich die beiden Frauen in den Büros der Bank. Sie spielen sich selbst und spiegeln sich jeweils in ihren Rollen. Hin und wieder begegnet Sagri ihrer Gastgeberin in einer vom Tanztheoretiker Rudolf von Laban inspirierten Choreographie, der zusammen mit einem Industriellen in den 1920er Jahren ein System der Ergonomie entwickelte und damit versuchte, Bewegungen in Arbeitsabläufen zu optimieren. Obwohl die beiden Frauen zu keiner Zeit miteinander sprechen, entwickeln sie doch eine Basis für eine gemeinsame Kommunikation. Sie ahmen sich nach. Das Zusammentreffen wird von einer spröden Kameraführung eingefangen, die ihre Blicke im Schuss-Gegenschuss zeigt und versucht ihre Gesten so gut es geht, festzuhalten. Es gibt sie, die von Skepsis durchzogene intime Nähe zwischen der Kunst- und Finanzwelt, von der wir alle wissen.

In dieser Ausstellungssituation, die vielmehr an ein Lagerhaus erinnert als an eine poetisch inszenierte Ausstellung, ist wenig Platz. Nicht nur räumlich ist die Ausstellung eng, auch die Dramaturgie des zeit-basierten Mediums Ausstellung ist dicht getaktet. Während der Laufzeit finden immer wieder Performances, Konzerte und Gespräche statt. Es wird eingegriffen, das konventionelle Modell des Ausstellungsmachens wird erweitert. Aus der statischen Situation des bloßen Präsentierens von Objekten macht Sagri eine Prozessausstellung, die sich unter ihrer Kontrolle dynamisch verändern darf. Bedingungslos. Wie wohl kaum ein Künstler im gegenwärtigen Kunst-Jet-Set hat sie sich dieser Aufgabe angenommen und ist für die kommenden zwei Monate nach Frankfurt am Main gezogen. Sagri realisierte diese Ausstellung nicht nur, sondern ist anwesend, um ihr Werden zu begleiten. Es ist Georgia Sagri and I.

Programm der Ausstellung:

6. April, 15 Uhr: Treffen mit den Studierenden, Aula, Städelschule
20. April, 19 Uhr: Eröffnung, Portikus
20. April, 20 Uhr: Jay Glass Dubs, Konzert, Portikus
21. April, 15-18 Uhr: The Invisible Ones (2008/2018), Performance, Portikus
24. April, 11-18 Uhr: Workshop über Dynamis, Städelschule
5. Mai, 21 Uhr: Führung, Portikus
12. Mai, 15 Uhr: Christos Chondropolous, Konzert, Portikus
14. & 15. Mai: Do Jaguar (2009/2018), Installation, Städelschule
16. Mai, 9-17 Uhr: Do Jaguar (2009/2018), Performance, Städelschule
16. Mai, 17 Uhr: Gespräch über Do Jaguar, Städelschule
29. Mai, 19 Uhr: Lecture, Städelschule
2. Juni, 20 Uhr: Tasos Sagris & Whodoes, Gedichtlesung und elektronische Musik, Portikus
10. Juni, 15 Uhr: Hymbro (2008/2018), Performance, Portikus
15. Juni, 19 Uhr: Minimaximum, Konzert, Portikus

Portikus
Alte Brücke 2 / Maininsel
60594 Frankfurt am Main

 

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