Highlight 6/12 – Philipp Pflug Contemporary by Vivien Trommer

Installationsansicht Re: Re: Black Macho Unleash the Queen, 2018, in der Mitte: James Gregory Atkinson, Hypersensitive (Blowing things out of proportion) II, 2017, Tintenstrahldruck auf Alu-Dibond, 165 × 110 cm, Courtesy der Künstler, links: Telfar (mit Frank Benson), Telfar Formes, 2018, ca. 67 x 152 x 50 cm, Courtesy die Künstler, im Hintergrund: Alvin Baltrop, The Piers (three men on dock), 1975-1986, Silbergelatine-Druck, 11,5 x 17,8 cm, Courtesy The Alvin Baltrop Trust, Third Streaming, New York und Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York, Foto: Wolfgang Günzel

Lyle Ashton Harris, Marlon Riggs, Black Popular Culture conference, Dia Center for the Arts, New York, December 8-10, 1991, 2018, Pigmentdruck, 38,1 x 52,07 cm, Courtesy des Künstlers und Salon 94, New York, Foto: Wolfgang Günzel

Installationsansicht Re: Re: Black Macho Unleash the Queen, 2018, im Vordergrund: Marlon T. Riggs, Essay „Black Macho Revisited: Reflections of a Snap! Queen“, 24 x 16 x 2 cm und Telfar (mit Frank Benson), Telfar Formes, 2018, ca. 88 x 120 x 64 cm, Courtesy die Künstler, im Hintergrund: Juliana Huxtable, The Feminist Scam, 2017, Tintenstrahldruck, 127 x 88,9 cm, Courtesy die Künstlerin, Foto: Wolfgang Günzel

Michele Faith Wallace, Cover Ms. Magazine, Januar 1979, 29,7 x 21 cm

Installationsansicht Re: Re: Black Macho Unleash the Queen, 2018, Ms. Magazine und Porträtfotografien von Faith Ringgold, Mme Posey, Michele Faith Wallace, Willi Posey, Susan Shannon, Ida Bingham Posey, Courtesy Michele Faith Wallace, Foto: Wolfgang Günzel

James Gregory Atkinson, Hypersensitive (Blowing things out of proportion) III, 2018, Tintenstrahldruck auf Alu-Dibond, 165 × 110 cm, Courtesy der Künstler, Foto: Wolfgang Günzel

Julia Phillips, Becoming (the Hunter, the Twerker, the Submitter), 2015, HD Video, Dauerschleife ohne Ton, 1:36 Min, Courtesy die Künstlerin

Julia Phillips, Becoming (the Hunter, the Twerker, the Submitter), 2015, HD Video, Dauerschleife ohne Ton, 1:36 Min, Courtesy die Künstlerin

Installationsansicht Re: Re: Black Macho Unleash the Queen, 2018, links: Juliana Huxtable, Transsexual Empire, 2017, Tintenstrahldruck, 127 x 88,9 cm, Courtesy die Künstlerin, rechts: James Gregory Atkinson, Hypersensitive (Blowing things out of proportion) II, 2017, Tintenstrahldruck auf Alu-Dibond, 165 × 110 cm, Courtesy der Künstler, Foto: Wolfgang Günzel

Juliana Huxtable, Transsexual Empire, 2017, Tintenstrahldruck, 127 x 88,9 cm, Courtesy die Künstlerin, Foto: Wolfgang Günzel

Installationsansicht Re: Re: Black Macho Unleash the Queen, 2018, im Vordergrund: Telfar (mit Frank Benson), Telfar Formes, 2018, ca. 88 x 120 x 64 cm, Courtesy die Künstler, im Hintergrund: James Gregory Atkinson, Hypersensitive (Blowing things out of proportion) III, 2018, Tintenstrahldruck auf Alu-Dibond, 165 × 110 cm, Courtesy der Künstler, Foto: Wolfgang Günzel

Re: Re: Black Macho. Unleash the Queen

Eine Ausstellung von James Gregory Atkinson featuring Alvin Baltrop, Jaamil Olawale Kosoko, Josh Johnson, Julia Phillips, Juliana Huxtable, Lyle Ashton Harris, Michele Faith Wallace und Telfar

21. Juni – 1. September 2018

Der White Cube ist nicht nur ein ästhetisch weißer Raum, der uns ermöglicht Kunstwerke isoliert von der Außenwelt zu erfahren, sondern historisch gelesen auch ein Ort, der von und für ein weißes, gebildetes Publikum geschaffen wurde. Das Problem ist bekannt. Gabi Ngcobos X. Berlin Biennale thematisiert es ebenso wie Okwui Enwezors Documenta 11 oder die Ausstellung The Other Story, die Rasheed Araeen 1989 in London kuratierte, auch wenn bei letzterer die postkoloniale Institutionskritik noch in den Kinderschuhen gesteckt haben mochte.1 Auch Beyoncés neues Video, welches in den heiligen Hallen des Louvre gedreht wurde, steht als Pop-Antwort ebenfalls in diesem Zusammenhang. All diese Ereignisse öffnen den weißen Raum für Stimmen, die historisch gesehen nicht wirklich im Fokus standen.

Nun mag es vielleicht verwundern, dass ich als Weiße mich diesem Thema widme. Aber das Problem betrifft nicht nur die „Anderen“, sondern auch die Weißen. Es steht am Ende einer gemeinsamen Erfahrung des Kolonialismus, am Ende der Erfahrungen eines Kolonisiert-Werdens und Kolonisierens. Aber auch in einem hoffnungsvollen Jetzt, in dem Weiße ihr eigenes Weiß-Sein anerkennen und bewusst umzugehen lernen mit ihren weißen Privilegien.

„The future is something we can control.“2 Diesen Satz schreibt Michele Faith Wallace in ihrem ebenso legendären wie heiß diskutierten Essay „Black Macho and the Myth of the Superwoman“ aus dem Jahr 1979. In den Horizont des Zitats stellt sich nun die Gruppenausstellung Re: Re: Black Macho. Unleash the Queen in der Frankfurter Galerie Philipp Pflug Contemporary. Kuratiert vom Künstler James Gregory Atkinson werden Kunstwerke neben intellektuellen Schriften präsentiert. Sie formen zunächst den Kontext für Atkinsons eigene fotografische Bilder, machen darüber hinaus aber auch sichtbar, dass im Mainstream-Kunstdiskurs eine Leere des Unwissens über schwarzen queeren Narrativen klafft. Es ist also an der Zeit, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Zur Diskussion steht das Bild des schwarzen Machos. Wo nun kann ein Unbehagen mit Repräsentationen besser verhandelt werden als in den Räumen der Kunst, die schon immer der Diskursort des Bildes waren? Richtig: im Galerieraum. Selbstbewusst übergibt PPC also seine Sprecherrolle an Atkinson, der uns wiederum einlädt, aktuelle queere Künstlerpositionen im Dialog mit einer tief verwurzelten Bildkritik zu erfahren. Eingebettet in ein Netz aus historisch gewachsenen Verzerrungen des stereotypen Männlichkeitsbildes und einer sich daran reibenden intellektuellen Kritik namhafter Autoren wie bell hooks, Marlon T. Riggs und Michele Faith Wallace3 werden Bilder und Repräsentationen starker Weiblichkeit, fragiler Männlichkeit und Queerness gezeigt. Die Referenzebene scheint dicht. Doch letztlich steckt die Ausstellung so nichts anderes ab als ihren eigenen Kontext. Einen Kontext, in dem sie gelesen und verstanden werden möchte.

Wie aber bringt man die Logiken von Bild und Text zusammen? Eigentlich ist das grundsätzlich ein problematisches Unterfangen. Aber Re: Re: Black Macho. Unleash the Queen funktioniert in erster Linie über eine starke visuelle Sprache und klammert den text-basierten Diskurs ziemlich geschickt darin ein. Marlon T. Riggs ist zum Beispiel in einer Fotografie von Lyle Ashton Harris zu sehen. Sie zeigt Riggs bei der Black Popular Culture Konferenz in New York und hält fest wie er sich im weißen „Unleash the Queen“ T-Shirt zum Publikum umdreht. Riggs Essay „Black Macho Revisited: Reflections of a Snap! Queen“ (1991) ist dann als aufgeschlagenes Buch in der Ausstellung wiederzufinden und klemmt zwischen den Fingern von Telfars acryl-grauen Mannequin-Figuren.4 Auch Wallace ist zunächst als visuelles Bild vertreten. Vom Cover der Originalausgabe des Ms. Magazine, in dem ihr Essay „Black Macho and the Myth of the Superwoman“ zum ersten Mal publiziert wurde, schaut uns ihr Gesicht eindringlich an. So scheinen die Texte zunächst als Schatten aufzutauchen – wurden von Atkinson als Bildreferenzen in die dramaturgische Inszenierung seiner Ausstellung eingeklammert – bevor uns der Zugang zu den gesammelten Schriften in einem konventionellen Aktenordner gewährt wird.

Atkinson selbst zeigt zwei Close-Up Fotografien. Aus Hypersensitive (Blowing things out of proportion) III (2018) blick uns sein übergroßes, maskiertes Auge direkt an. Kostümiert mit einer Kontaktlinse erscheint seine Iris als leuchtend pinkes Herz. Über den unteren Lidrand beugt sich prall und schwer eine stilisierte Träne. Sie doppelt sich als Reflektion, die das Studiolicht auf die Tropfenoberfläche zurückwirft. Atkinsons Detailaufnahme ist das Ergebnis einer in drag Inszenierung, die an Cindy Shermans 2000er Porträtserie erinnern mag, in der sie Fragilität und Zerbrechlichkeit in ihren Inszenierungen von Weiblichkeit problematisierte und sichtbar machte. Maskiert im Look der Campness und völlig jenseits jeglicher Dimensionen des Anthropomorphen entwirft auch Atkinson eine Fragilität von Männlichkeit. Gleichzeitig verkompliziert seine Fotografie, mit den Mitteln der Übergröße, die Prinzipien von Betrachten und Betrachtet-Werden. 

Ganz anders setzt sich Julia Phillips in ihrem Video Becoming (the Hunter, the Twerker, the Submitter) (2015) mit Körperlichkeit und ihren binären Zuschreibungen auseinander. Sie sitzt an einem Tisch, vor ihr liegt ein Kubus aus Ton. Sie beginnt ihn zu bearbeiten, knetet ihn mit beiden Händen, um „dem Kubischen das Quälende zu nehmen“5, wie schon der Klassizist Adolf von Hildebrand über das Problem der Form in der Bildhauerei bemerkte. Dann formt Phillips einen Stab und einen Kegel. Beide Formen drückt sie immer wieder ineinander. Der Stab penetriert das Loch. Dann verschlingt das Loch den Stab. Sie wiederholt die Bewegungen solang bis unklar wird, welche der beiden Formen eigentlich die dominantere ist. So überprüft Phillips schließlich die Macht des Symbolischen und löst uns aus dem Korsett dichotomer Genderzuschreibungen.

Zwar scheint das Didaktische in der zeitgenössischen Kunst einen schlechten Ruf zu genießen, aber bei Re: Re: Black Macho. Unleash the Queen will der Vorwurf nicht ganz greifen. Anstatt die Geschichte des schwarzen Machos und seine gegenwärtigen Reflektionen lehren zu wollen, hat Atkinson kurzerhand die kuratorische Regie übernommen und die Ausstellung filmisch inszeniert. Wie beim Film setzen sich Einzelbilder (Kunstwerke) zu einer lesbaren Kette (Narrativ) zusammen. Wie die Audiospur eines Films legen sich die historischen Texte über diese Anordnung von Bildern. Dort, wo wir Gedankenräume brauchen, lässt Atkinson Lücken. Er baut Referenzen ein, wo sie der Narration dienen. Schuss-Gegenschuss Effekte wirken, wo sie Parallelen und Kontroversen aufzeigen. Letztlich, so kann man sagen, gelingt Atkinson eine filmische Inszenierung seiner Ausstellung. Wir stehen mittendrin und erfahren am eigenen Körper, dass und vor allem wie die Geschichte des schwarzen Machos auch mit der Identitätskrise des Westens – also mit uns allen – zu tun hat.

Diese Review erscheint als Teil der Serie Highlight X/12, für die unsere Autorin Vivien Trommer einmal im Monat die Prinzipien des Ausstellens an einer institutionellen oder kommerziellen Ausstellung beleuchtet.

Notes

1 Um nur eine kurze Auswahl zu nennen: Aruna D’Souza, Whitewalling: Art, Race & Protest in 3 Acts, New York 2018. Juliane Rebentisch, „Kritik der Institution / Institution der Kritik: Kunst im Kontext“, in: dies., Theorien der Gegenwartskunst – Zur Einführung, Hamburg 2013, S. 165-193. 

2 Michele Faith Wallace, „Black Macho and the Myth of the Superwoman“, in: Ms. Magazine, Januar 1979, S. 91.

3 Die Ausstellung bezieht sich auf: bell hooks, We Real Cool: Black Men and Masculinity, New York und London 2004; bell hooks, „Eating the Other: Desire and Resistance“, in: Black Looks: Race and Representation, Boston 1992, S. 21–39; Marlon T. Riggs, „Unleash The Queen“, in: Michele Faith Wallace und Gina Dent (Hg.), Black Popular Culture, Seattle 1992, S. 99–105; Marlon T. Riggs, „Black Macho Revisited: Reflections of a Snap! Queen“, in: Black American Literature Forum – Black Film Issue, Sommer 1991, S. 389–394; Michele Faith Wallace, „Black Macho and the Myth of the Superwoman“, in: Ms. Magazine, Januar 1979, S. 45-48, S. 87-91. 

4 Aufgeschlagen ist das Buch auf den Seiten 392–393. Marlon T. Riggs, „Black Macho Revisited: Reflections of a Snap! Queen“, in: Black American Literature Forum – Black Film Issue, Sommer 1991, S. 389–394.

5 Adolf von Hildebrand, Das Problem der Form in der bildenden Kunst, Straßburg 1918, S. 71.

PPC Philipp Pflug Contemporary
Berliner Straße 32
60311 Frankfurt am Main