Highlight 8/12 – Ashley Berlin by Vivien Trommer

Clerks’ Quarters: Can There Be Forgiveness?

Adam Shiu-Yang Shaw

27. September – 21. Oktober 2018

Der Jahrhundertsommer ist vorbei. Die herbstliche Messesaison ist in vollem Gang. Man tummelt sich in Berlin mit Gleichgesinnten. Wie immer bestimmt das Chaos den Alltag. Diesmal hat das allerdings weniger mit den Highlights der Berlin Art Week zu tun als mit dem Politikbesuch Erdogans. Denn der Anwesenheit des türkischen Staatschefs wird mit der höchsten Sicherheitsstufe begegnet. Das bedeutet der öffentliche Verkehr bricht für drei Tage zusammen. Niemand, wirklich niemand, den man trifft, freut sich darüber. Man demonstriert. Wenigstens das scheint ein zukunftsversprechendes Zeichen.

Mitten in diesen Ausnahmezustand hinein setzt Adam Shiu-Yang Shaw seine szenografische Ausstellung Clerks’ Quarters: Can There Be Forgiveness? Dort angekommen, scheint man zunächst gerettet vor der Hektik der Außenwelt, doch die Stimmung in den Quartern der Clerks ist alles andere als meditativ und beruhigend. Ganz im Gegenteil: Der Isolation ausgeliefert findet man sich wieder im Zwielicht einer dystopischen Situation. Getaucht in ein aggressiv chartreuses Licht, das alles überschattet, macht sich das Gefühl der Unsicherheit breit. Auch die Kunst versteckt sich entweder in oder hinter Einbauten und wendet sich demonstrativ ab von unseren direkten Blicken. So steht man da, als hätte der Taxifahrer einen an einem fremden Ort abgesetzt, wäre umdreht und im Nebel der nächtlichen Dämmerung verschwunden. Einsamkeit macht sich breit.

Fühlen sich so die Vororte an den Peripherien der Städte an? Jedenfalls, so denkt man, könnte es sein. Dort würden die verbeamteten Bewohner vor Sonnenaufgang aufbrechen, müde, schweigsam und mit gesenktem Kopf ihre Häuser verlassen, um abends, wenn der Horizont gerade die Sonne verschluckt, heim zu kommen––die Schultern verkrampft von den vermeintlichen Verpflichtungen des Arbeitstages. Die Straßen so leer wie das Leben. Alles fühlt sich gleichermaßen befremdlich wie bekannt an. Es ist das Gefühl der Entfremdung mit dem man sich in der Situation zu identifizieren beginnt. 

Eben diesen Zustand des Zwielichts fängt Shaws Inszenierung in einer auf Dauer angelegten Situation ein. Über die grauen Wände legt sich ein chartreuser Filter. Er färbt alles ein, klettert in jede Ecke und taucht die Situation in einen unerträglichen Zustand zwischen Dies- und Jenseits, Leben und Tod, Tag und Nacht. Er umschließt auch uns, lässt uns nicht mehr los. In der Leere breiten sich plötzlich alle essenziellen Fragen aus. Wer bin ich? Was ist der Mensch? Wie wollen wir leben?

Zuflucht bietet Father’s Tongue (2018), eine schmale Holzhütte, die Shaw, eng an die Wand gepresst, im Ausstellungsraum errichtet hat. Doch was von außen im Gewand eines katholischen Beichtstuhls auftritt und die Liste der Sünden im Kopf immer länger werden lässt, zeigt sich von innen gar nicht als Stätte der Schuld, sondern als ein kleines, privates Wohnhaus, als ein Ort der Duldung und Vergebung. Durch ein Fenster fällt warmes, rotes Licht. Auf einem Tisch steht eine traditionelle Teekanne aus Zink. Man ist in der Intimität eines Zuhauses angekommen. Sicherheit macht sich breit. Geschützt blickt man durch ein Gitterfenster von drinnen nach draußen, hat das Spielfeld vor sich und kann die Ausstellung nun aus der Distanz beobachten.

Über der Inszenierung steht die Frage: Kann es Vergebung geben? Wie eine Metapher leuchtet sie das Spannungsverhältnis zwischen Loyalität und Individualität aus, dem nicht nur die fiktiven Protagonisten der Szenografie, die clerks, in ihrer protestantischen Arbeitsethik ausgeliefert scheinen. Vielmehr wird die Frage zu einem Stellvertreter für die Suche nach dem wirklichen Ich. Die Antworten, so scheint es sich anzudeuten, lassen sich vor allem in der Befreiung aus traditionellen Ideologien und Konventionen finden, weniger aber in ihrer Reproduktion. So begegnet man in Clerks’ Quarters ausschließlich hybriden Kunstwerken, an denen sich private Erlebnisse mit katholischen Symbolen und buddhistischen Zeichen zu einem komplexen Identitätsbild verbinden. Eine Teekanne, getrocknete Rosen, sharing pears und die Geschichten der Eltern, es sind die kleinen Dinge, an die sich zahlreiche identitätsstiftende Erinnerungen knüpfen lassen. 

Shaws Installation und Performance-Plattform bricht mit den konventionellen Mythologien von Familie und Religion und öffnet einen Raum, in dem die individuellen Verschiebungen von Identität und Glauben sichtbaren werden können. Mit Katharsis-Effekt verlässt man die Bühne, auf der man niemand anderes als sich selbst wiederfand. Das macht Clerks’ Quarters: Can There Be Forgiveness? auch zu einer Situation mit offenem Ausgang, die vom polaren Denken des Alltags befreit und Platz schafft, um Denkmuster in neuen Komplexitäten zuzulassen. 

Eine begleitende Installation mit dem Titel Pledge ist bei SOX in der Oranienstraße 175 zu sehen. Bei Ashley Berlin findet am 18. Oktober 2018 ab 20 Uhr in Shaws Ausstellung die Performance Lite REO von Acting Press statt. 

Diese Review erscheint als Teil der Serie Highlight X/12, für die unsere Autorin Vivien Trommer regelmäßig die Prinzipien des Ausstellens an einer institutionellen oder kommerziellen Ausstellung beleuchtet.

drain, 2018, wood, plaster, acrylic paint. Image courtesy of Frank Sperling

Exhibition view at Ashley Berlin, 2018, Image courtesy of Frank Sperling

Exhibition detail at Ashley Berlin, 2018, Image courtesy of Frank Sperling

mother’s tongue, 2018, title, grout, wood. Image courtesy of Frank Sperling

father’s tongue, 2018, wood, mdf, hardware, teapot. Image courtesy of Frank Sperling

father’s tongue, 2018, wood, mdf, hardware, teapot. Image courtesy of Frank Sperling

Exhibition view at Ashley Berlin, 2018, Image courtesy of Frank Sperling

Exhibition view at Ashley Berlin, 2018, Image courtesy of Frank Sperling

patches (sharing pears), 2018, plaster, wood, MDF, plexiglass. Image courtesy of Frank Sperling

father’s son, 2018, plaster, wood, MDF, plexiglass. Image courtesy of Frank Sperling

remains (incorruptible), 2018, wood, MDF, acrylic paint, rose, fluroescentlamp. Image courtesy of Frank Sperling

Exhibition detail at Ashley Berlin, 2018, Image courtesy of Frank Sperling

Ashley Berlin
Oranienstraße 37
10999 Berlin