Highlight 9/12 – Bridget Donahue by Vivien Trommer

Big Surprise

Martine Syms

16. September – 28. Oktober 2018

„TEXT ME +1-310-997-4973“ flimmert über vier Bildschirme in Martine Syms Ausstellung. Die Textnachrichten erreichen nicht Syms, sondern ihren Avatar Mythiccbeing (2018), den sie mit künstlerischer Intelligenz als Chatbot programmiert hat und der sich „my thick being“ liest. Er ist ein Algorithmus, der basierend auf dunklen Tagebucheinträgen und Notizen zu einer negativen Personifikation ihrer selbst trainiert wurde. In ihm stecken alle Gedanken, die Syms nicht veröffentlichen, sondern im Privaten schützen wollte. Schreibt man ihm, kommt zurück I wish this hotel had room service oder I think I’m the only black person on this aircraft. Der Zufallsgenerator entscheidet, denn Mythiccbeing hat nur ein sehr begrenztes Wissen. Er reagiert auf Schlüsselwörter: Die Frage Why so sad? bleibt unbeantwortet.

Über die Betrachter-KI-Konversation legen sich gedrehte Videosequenzen. Perfekter Körper, charismatisches Gesicht, hippes Outfit. Mythiccbeing wird von einem männlichen Darsteller verkörpert. Das Ganze spielt in einer corporate Luxusvilla in Los Angeles, weit entfernt von sozialer Grausamkeit. Doch der innere Streit des Protagonisten überschattet die äußere Perfektion. Morgens steht er auf, betrachtet sich im Spiegel, geht in die Küche, isst einen Cookie. Nachmittags versinkt er in seinem Social Media Profilen. Auf dem Rücken seines weißen T-Shirts lässt sich „TO HELL WITH MY SUFFERING“ lesen. Ein Hilferuf. Abends im Bett quält ihn das Einschlafen. Immer und immer wieder spricht er die Worte „The human race repulses me“. Er beginnt zu tanzen, bricht vor Schmerzen zusammen und weint. Wieder im Bett verkrochen, arrangiert er seine Kissen, drückt und knautscht sie und versucht verzweifelt einzuschlafen. Er wälzt sich immer noch. Der nächste Morgen ist angebrochen und sein stures Leben beginnt von vorn. Mythiccbeing ist gefangen in Eintönigkeit.

Martine Syms hat die Narrative schonungslos eng an die Wände gepresst. Das lässt die Mitte des Galerieraums merkwürdig leer erscheinen. Griff ihre erste Ausstellung bei Bridget Donahue, Vertical Elevated Oblique (2015), noch radikal in den Raum über – Monitore hingen an Pole Dance Stangen und Fotodrucke an den Armen von C-Stands – so verbindet sich die Bildwelt dieser Ausstellung reißerisch-affirmativ mit der Wand. Es entsteht eine bedrohliche Verbindung. Die weißen Wände verschwinden hinter top-to-bottom Fototapeten. Sie bilden keinen schützenden Rahmen mehr, stattdessen ist der Raum in die Bildwelt von Release Yr Shoulders (2018) getaucht, eine Serie hoch skalierter Alltagsfotografien. Sie konfrontieren die Betrachter mit der Figur Mythiccbeing und zeigen, wie er mit nacktem Oberkörper frisiert wird, oder die schmerzlichen Überreste eines Autos nach einem Frontalunfall oder eine Frau, die sich verkabelt beim Virtual Reality Training übt. So überwältigend wie diese Fototapete auch auftreten mag, sie bildet nur den Hintergrund für vier Monitore und Syms Plexiglasbilder Threat Model (2018), die sich in Camouflage auf ihr niederlassen.

Im Zentrum der Ausstellung stehen die Betrachter. Ohne, dass sie dabei zu selbstbestimmten Akteuren werden. Vielmehr werden sie von der starken Bildwelt wie Marionetten dirigiert. Denn egal wie man sich dreht und wendet, die Beziehung zwischen Auge und Bild ist vorgegeben. Sie bleibt eindimensional, statisch, autoritär. Auch die vier Monitore, die in Zweierteams immer in Konfrontationslinie so zueinander ausgerichtet sind, dass man sich zwar selbstbewusst zwischen sie stellen könnte, wiederholen in Wirklichkeit nur das Hierarchiemuster. Man wird nervös und fühlt sich beobachtet, denn das Gesichtsfeld kann immer nur einem Gerät folgen, während der zweite Monitor hinter dem eigenen Rücken flackernd eine andere Geschichte erzählt. So ist man der Gleichzeitigkeit von Syms Narrativen und dem KI Chatbot vollkommen ausgeliefert. 

Dann gibt es an einer Wand plötzlich einen Durchbruch. Der Zugang ist mit einer gelben Plastikkette versperrt, trotzdem wird der Blick in den versteckten Hinterraum freigegeben. Dort, im Shame Space (2018), hocken zwei verkabelte Notebooks und grummeln leise zwischen Toilettenpapier, Kartons, Transportboxen und Mülltüten vor sich hin. Emotionslos übersetzen sie die SMS Nachrichten der Besucher in Befehle, verarbeiten sie in ihrer Programmiersprache und senden Antworten, Textblasen und Bilder wieder zurück nach draußen auf die vibrierenden Smartphones. Der Blick in die Schaltzentrale enttarnt nicht nur Mythiccbeing als eine körperlose Maschine mit limitierten Kapazitäten, die nur solange funktioniert wie der Zugang zu Strom gesichert ist, sie befreit uns auch aus dem statischen Subjekt-Bild-Gefüge und erlaubt eine reflexive Rückversicherung in der inszenierten Situation.

Dass die Frage Why so sad? immer noch unbeantwortet bleibt, zeigt nicht nur die Motive, sondern auch die Grenzen der künstlichen Intelligenz. Es mag an der deutschen Vorwahl oder an irgendetwas anderem liegen, jedenfalls steht Mythiccbeing vor einer Blockade, die er nicht überwinden kann. Aber nicht nur operativ stößt der Algorithmus an seine Grenzen, er ist in sich schon die verkürzte Repräsentation eines Ich-Subjekts. Denn er kennt nur die Sprache und Gedanken, mit denen sich Syms ungern identifiziert, die sie nicht zeigen, ausstellen und präsentieren möchte. Sie hätte aus reiner Höflichkeit bestimmt die Textnachricht beantwortet. Doch gerade in dieser Kluft zwischen handelndem Subjekt und digitaler Repräsentation steckt das Potenzial, sich reflexiv mit den Grenzen der Strukturen auseinandersetzen zu können. Unter dem Begriff Threat Modelling versuchen Unternehmen, die Lücken auf ihren digitalen Servern vor Angreifern zu schützen, damit nur diejenigen Informationen nach außen dringen, von denen es erwünscht ist. Syms Ausstellung Big Surprise funktioniert genau umkehrt. Sie nutzt die Idee des Threat Modelling, um sich an diese Lücken heranzutasten und die Politiken von Öffentlichkeit und Privatem auszuhandeln. 

Auch in Grand Calme, Martine Syms parallel stattfindender Einzelausstellung bei Sadie Coles HQ in London, dreht sich alles um Mythiccbeing. Dort flackert der Avatar als Augmented Reality Rendering über einen raumhohen LED Bildschirm. Die Ausstellung läuft bis 20. Oktober 2018.

Diese Review erscheint als Teil der Serie Highlight X/12, für die unsere Autorin Vivien Trommer regelmäßig die Prinzipien des Ausstellens an einer institutionellen oder kommerziellen Ausstellung beleuchtet.

Martine Syms, Big Surprise, 2018, Installation view at Bridgte Donahue

Martine Syms, Mythiccbeing, 2018, Interactive AI website for 4 monitors

Martine Syms, Mythiccbeing, 2018, Interactive AI website for 4 monitors

Martine Syms, Mythiccbeing, 2018, Interactive AI website for 4 monitors

Martine Syms, Mythiccbeing, 2018, Interactive AI website for 4 monitors

Martine Syms, Shame Space, 2018, Visible storage, Barricade

Martine Syms, Shame Space, 2018, Visible storage, Barricade

Martine Syms, Shame Space, 2018, Visible storage, Barricade

Martine Syms, Threat Model I, 2018, Digital print on laser-cut acrylic, 160.02 × 120.33 × 1.27 cm

Martine Syms, Threat Model II, 2018, Digital print on laser-cut acrylic, 160.02 × 120.33 × 1.27 cm

Martine Syms, Threat Model III, 2018, Digital print on laser-cut acrylic, 160.02 × 120.33 × 1.27 cm

Bridget Donahue
99 Bowery, 2. Etage
New York, NY 10002
USA