Ich bin ein Fan der Zivilisation *

Am Strand des spanischen Atlantik herumliegende Plastikteilchen – eine Komposition, die von der Künstlerin Maika Hassanbeik fast in Originalgröße übertragen wurde – ist zunächst ein abstraktes Bild. Für den Maßstab des Bildes gibt es keinerlei Anhaltspunkt und die farbigen Flächen geben keinen Hinweis auf Referenten außerhalb des Bildes, eine Entrücktheit, die durch die Übertragung der Räumlichkeit der einzelnen Teilchen in die Flächigkeit der Zeichnung noch verstärkt wird. Es könnte auch eine Grundrisszeichnung sein, welche die vorgesehene Nutzung der einzelnen Flächen farblich markiert. Auch der Titel der Arbeit ‚Dreck‘ (2013) lenkt die Überlegungen zunächst in eine andere Richtung und führt dann über Umwege doch zu dem Abgebildeten zurück.

Wenn man mit Maika Hassanbeik über ihre Arbeiten spricht eröffnen sich neue Welten, sofort wird man hineingezogen in ihren Kosmos aus chiffrehaften Mitschriften von Stadtbeobachtungen, Zeichen der Zivilisation. Die Figuren in ihren Texten stolpern oft durch unbekanntes Terrain und versuchen sich strategisch einzunisten, sich überstürzt zurechtzufinden im eigentlich noch Fremden. Hassanbeik, die ihr Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Marijke van Warmerdam im Jahr 2013 abschloss und mittlerweile in Berlin lebt, beobachtet und übersetzt das Gesehene in ihre Bilder. Für ihre Schrift-Zeichungen sammelt sie in einem Notizbuch Schriftzüge, Wortfetzen, Buchstaben und Werbeslogans. Aus diesem Archiv speisen sich ihre Arbeiten, deren ursprünglicher Sinnzusammenhang oftmals nicht mehr erkennbar ist. Die von ihr verwendete Typographie, die feinsäuberliche Übertragung mit Tusche auf das Papier – das künstliche Moment – und die Schichtung der Buchstaben, erinnert an Graffitis, die sich in den Stadtraum implantieren und miteinander in Kommunikation treten. Hassanbeiks Arbeiten speisen sich aus diesen Gegebenheiten. Ihre Zeichnungen fixieren Erfahrung und eröffnen dieser sogleich neue Räume. Oftmals auf gefundenen Einzelblättern oder alten Buchrücken arbeitend, entsteht eine Überlagerung von Erzählungen, von der man immer das Gefühl hat etwas bliebe unentdeckt im Verborgenen. Parallel zu ihren Zeichnungen zeigen ihre Schriftbilder ein Muster von Un-Schrift und Un-Sprache. Sie geben einen Referenten vor, den sich die Betrachterin/der Betrachter jedoch erst selbst zusammen basteln muss.

Ihre Zeichnungen sowie ihre Texte fokussieren einen Blickwinkel aus dem sich eine kreisförmige Erzählung ergibt, die sich nie direkt erschließt, sondern immer darauf wartet erschlossen zu werden. Nachdem das Geschehen einmal durch die Künstlerin hindurch gewandert und von ihr für ein Außen übersetzt wurde, findet es sich in einem autonomen Status wieder, der nun die Betrachterin/den Betrachter adressiert. Warten, aus dem Stillstand eine Bewegung nachvollziehen, ist ein zentrales Moment der Werke Hassanbeiks, die zwischen sezierender Alltagsbeobachtung und abwesenden Gedankenkurven changieren.

Isabel Mehl, Juni 2014, Karlsruhe

* Äußerung von Maika Hassanbeik im Telefongespräch am 16. Juni 2014 (Karlsruhe – Berlin)

 

Maika Hassanbeik

wanzen

Maika Hassanbeik

Maika Hassanbeik

Maika Hassanbeik