Interview – Aneta Kajzer und Carina Bukuts

Im März 2018 eröffnet Aneta Kajzers Solo-Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien. Vorab sprach Carina Bukuts mit der Künstlerin über ihre Arbeiten und die letzte Ausstellung „all my beautiful faces“ in den Opelvillen Rüsselsheim.

Carina Bukuts: Für deine letzte Ausstellung „all my beautiful faces“  hast du dich insbesondere mit der Thematik des Selbstportraits auseinandergesetzt. Neulich las ich in einem Gespräch mit Philipp Guston eine interessante Äußerung von ihm dazu: „Ein Maler hat doch nur zwei Möglichkeiten: Er malt die Welt oder sich selbst und ich meine die beste Malerei, die hier entsteht, kommt zustande, wenn der Maler sich selbst und durch sich selbst malt, sich selbst in dieser Umgebung und in der ganzen Situation.“ Glaubst du auch, dass das Wesen der Malerei die Reflexion der eigenen Umwelt ist und dadurch notwendigerweise zum Selbstporträt führt?

Aneta Kajzer: Ich würde Guston in dieser Hinsicht zustimmen. Allerdings produziere ich keine Selbstbildnisse im klassischen Sinne, da ich mich nicht selbst male. Vielmehr durchlaufe ich den Prozess, den Gaston als malen „durch sich selbst“ beschreibt: Allein dadurch, dass ich immer mit dem Bild alleine bin, ihm gegenüberstehe, mal davon zurück- und wieder herantrete und dann wieder auf etwas reagiere, was sich dort abspielt, kommt es automatisch zu einer Art Austausch. Das Potential davon liegt allerdings schon im natürlichen Verhältnis von Maler und Bild. Doch der Unterschied zu anderen Positionen mag dann vielleicht darin liegen, dass meine Bilder keine Vorbilder haben. Ich recherchiere zum Beispiel nicht im Internet Bildmaterial und überlege mir dann, was ich malen möchte, sondern die Bilder entstehen erst durch mich und meinen Umgang mit der Farbe und dem Material. Meine Malerei ist in dieser Hinsicht also doch sehr abhängig von diesem Ich-Bezug.

CB: Dieser Bezug wird auch deutlich, wenn man sich den Titel deiner Ausstellung anschaut. Wenn man deine Bilder betrachtet, dann scheint „all my BEAUTIFUL faces“ schon fast wie ein ironischer Kommentar, da die Bilder wenig zeigen, was wir traditionellerweise als schön empfinden würden. Es ist gerade dieser ironische Unterton, der bei vielen deiner Arbeiten mitschwingt. Was für eine Rolle spielt dieses Augenzwinkern in der Titelgabe für dich, wenn es gerade keine schönen Gesichter sind, die du zeigst, sondern verstörende oder peinliche berührte, verzerrte Gesichter?

AK: Das stimmt schon, dass der Titel ironisch angelegt ist und wahrscheinlich müsste er auch eher lauten „all my ugly faces“ (lacht). Wie du richtig gesagt hast, sind die Gesichter, die man sieht, nicht schön und dann kann man sich fragen, was das nun über das Portrait aussagt. Während man für gewöhnlich versucht, in einem Portrait jemanden naturalistisch oder sogar schön und ideal darzustellen, zeigen meine Bilder Gesichter, die in Momenten festgehalten sind, die gerade im Gegensatz dazu stehen. Aber gerade das finde ich erst spannend. Die Möglichkeit, dass Bilder in der Lage sind, gemischte Gefühle zu erzeugen. Dass sie etwas ironisch Humorvolles darstellen können, aber ihnen auch gleichzeitig etwas Düsteres oder Melancholisches anhaften kann. Das ist dann nicht nur als Witz oder Ironie gemeint, sondern auch als Bild, als Setzung in der Malerei, ernst gemeint.

CB: War das schon immer der Fall, dass dich diese Motive interessiert haben? Das Düstere, Peinliche, Komische – also all die Zustände, die erstmal nicht bequem, geradezu ungemütlich sind?

AK: Ich glaube dieser Aspekt war schon immer da. Auch wenn ich als Kind oder Jugendliche Comics gezeichnet habe, dann waren da auch immer düstere Elemente in den Geschichten dabei. Wahrscheinlich ist es auch ein Teil der Persönlichkeit, dass man verschiedene Ebenen in sich vereint. Man kann auf der einen Seite lustig, humorvoll und fröhlich und auf der anderen Seite aber auch traurig, schwermütig sein und diesen Weltschmerz fühlen. Es ist dann vielleicht eher die Ambivalenz dieser Gefühlswelten, die in den Arbeiten zu tragen kommt. Eine Ambivalenz, die auch bei mir während des Malens entstehen kann und dann vielleicht auch auf den Betrachter transportiert wird.

CB: Trotzdem sind es keine Gefühlswelten, die du vorher geplant hast, darzustellen. Deine Bilder entstehen erst im Prozess und ohne Vorbild, sodass dir vorher gar nicht bewusst ist, wie das Bild letztendlich aussehen wird.

AK: Ja, es ist anfangs nicht klar, was auf dem Bild zu sehen sein wird. Es ist ein sehr intuitiver Prozess, bei dem ich versuche, mit der Form und den Farben zu experimentieren, und daraus entwickelt sich erst ein Gebilde, bei dem ich dann sage, „Hier sehe ich ein Tier oder ein Wesen oder ein Gesicht“. Doch das kann im Prozess dann auch wieder übermalt werden, sodass das, was im Endeffekt auf der letzten Schicht zu sehen ist, nicht unbedingt mehr das ist, was vorher dort war. Manche Elemente bleiben nur als Fragment übrig oder werden gänzlich vernichtet. Es ist ein ständiger Kampf um das endgültige Bild. Die letzte, entscheidende Schicht spielt immer mit den Elementen, die zuvor da waren.

CB: Würdest du sagen, dass du beim Malen also zunächst abstrakt anfängst und dann in dieser Abstraktion etwas Gegenständliches siehst und das weiter ausarbeitest?

AK: Ich glaube, ab einem gewissen Punkt trifft deine Beschreibung das schon. Wenn ich erstmal auf einer leeren Leinwand anfange und als erstes nur Farbflächen setze, dann habe ich vorher keine Form im Kopf, die umgesetzt werden soll. Erst später merke ich, dass im Prozess Formen entstehen, die ich dann z.B. als Kopf oder Arm identifiziere. Aber auch die Farbe für sich oder ihr Auftrag, die Konsistenz und Materialität spielt hierbei eine entscheidende Rolle und führt dazu, dass ich Motive entdecke. Bei dem Bild „old white man“ hat dann das grelle Rosa dazu geführt, dass ich darin eine Glatze entdeckt habe. Man könnte also sagen, dass es am Anfang abstrakt ist und sich das dann weiter zusammensetzt und konkreter wird.

CB: Diese Arbeitsweise zeigt sich auch in den Materialien, die du benutzt, und vor allem auch in der Art, wie du sie benutzt.

AK: Ich fange meistens an mit Acryl, da ich dadurch schnell größere Flächen bespielen kann und dann kommt das Öl darauf. Das Bild wird dadurch erstmal aufgebaut, weil ich einfach dieses schnelle Arbeiten brauche. Dann folgen bestimmte Setzungen vom matten Acryl und den intensiven und glänzenden Ölfarben. Aber es ist auch die Malweise, die variiert. Manchmal kratze ich etwas in die Farbschichten oder male mit den Fingern. Letztlich handelt sich dabei immer um ein Ausprobieren, was für Möglichkeiten und Grenzen es gibt und wie sich die Bilder gegenseitig beeinflussen können, indem man zwischen verschiedenen Bildern hin- und herspringt. Was passiert, wenn ich an einem großen Format arbeite und dafür einen großen Pinsel benutze und dann auf ein kleines wechsele.

CB: Dieses Springen innerhalb der Formate finde ich sehr spannend, da darin auch ein gewisser physischer Aspekt deiner Arbeit sichtbar wird.

AK: Der Körper spielt in meinen Arbeiten immer eine große Rolle. Bei den großen Bildern natürlich auch mein eigener persönlicher Körpereinsatz, aber dann natürlich auch der Aspekt, dass immer wieder Körper auf der Leinwand auftauchen. Es sind meistens deformierte Körper, die größtenteils auch geschlechtlich gar nicht zuzuordnen sind, da ich auch keine Stereotypen darstellen möchte.

CB: Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum die gegenständliche Malerei derzeit eine Renaissance feiert. Es scheint geradezu eine Sehnsucht nach der Darstellung von Körpern zu geben und dann auf der anderen Seite auch eine kritische Debatte darüber, welche Körper von wem gezeigt werden dürfen oder nicht. Ganz konkret wurde das am Beispiel von Dana Schutz’ Gemälde bei der letzten Whitney Biennale, als sie viel Kritik dafür erntete, dass sie als weiße Künstlerin die Leiche des von Rassisten ermordeten Emmett Till malte.

AK: Meine frühere Professorin hat mal zu mir gesagt, dass gute Kunst auch immer politisch ist und zugegebenermaßen habe ich das früher nicht ganz verstanden. Inzwischen vertrete ich diese Ansicht jedoch auch. Gerade anhand von Debatten, wie die um Dana Schutz, zeigt sich, dass ein Werk nie im Atelier des Künstlers vollständig beendet ist, sondern seine Tragweite erst sichtbar wird, wenn es öffentlich zugänglich ist. Damit meine ich nicht, dass Kunst gefällig sein soll. Nein, ganz im Gegenteil. Ich glaube es ist wichtig, dass Kunst in gleicher Weise politische Diskussionen eröffnet wie z.B. guter Journalismus und dass zeitgenössische Kunst auch als ein Abbild unserer Gegenwart fungieren kann. Dementsprechend hoffe ich, dass in meiner Malerei eine bestimmte Haltung sichtbar wird – beispielsweise als ein Plädoyer für Pluralität und Diversität.

Aneta Kajzer ist Künstlerin. Sie und lebt und arbeitet in Berlin, wo sie aktuell in das Goldrausch Künstlerinnenprojekt 2018 aufgenommen wurde.

Carina Bukuts ist Kuratorin und Autorin. Zurzeit lebt und arbeitet sie in Frankfurt am Main und Berlin.

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