Josefine Reisch – „Stampede“

In ihrer Soloausstellung „Stampede“ in der Galerie Noah Klink inspiziert die Künstlerin Josefine Reisch das Verhältnis zwischen Objekten und Menschen, ihren Begierden, Wünschen, Intentionen und die hierdurch entstehenden Machtverhältnissen.

Im größten Raum der Galerie zeigt die Künstlerin auf einer großen monochromen Fläche in einer Malerei das berühmt gewordene Fabergé-Ei der Zarenkrönung Nikolais des II., zerlegt in einzelne Flächen aus grünem Marmor und goldenen Kringeln, in der Manier der Trompe-l´œil Malerei.

Zur Krönung des letzten Zaren Russlands brach eine Massenpanik aus. Anlässlich seiner Thronerhebung orderte Zar Nikolaus II. an, Geschenke und Speisen an das Volk zu verteilen. Der gewählte Ort zur Austragung, ein militärischer Truppenübungsplatz, und die angelockten Menschenmassen führten zur Katastrophe, die mehr als Tausend Menschen das Leben kostete. Die großzügig gemeinte Geste erzielte genau das Gegenteil, das diese zu kaschieren versuchte. Das marode System der Monarchie wurde sichtbarer denn je.
Ausschnitte von luxuriösen Tiermaterialien von fraglicher Herkunft sind auf einer anderen illusionistischen Malerei quer zum „Ei- Puzzle“ hängend zu entdecken.

Auf dem Boden und auf der Bar der Galerie strahlen fünf Skulpturen in Goldgelb. Umfasst von gestisch aufgetragenem Wachs präsentieren sich die Tulipieren, so der Titel der Arbeiten, im barocken, im gotischen Gewand oder im dem Stil der Tempelbauten. Tulipieren, kunstvolle Behälter für besonders schöne Tulpen, verwandelt Josefine Reisch selbst zu den Hauptakteuren der Ausstellung. Sie treten aus dem Schatten der Tulpen hervor und verzaubern auch mit ihrem Duft.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wurde ein Liebhaberobjekt, die Tulpe, zum Tauschwert des kapitalistischen Systems. Diese Spekulation führte zum ersten „Börsencrash“.
Auch diese Liebhaberei in der Geschichte ist Ausgangspunkt der künstlerischen Auseinandersetzung Josefine Reisch, um die Verzweigungen und Kehrseiten von Traumata, Exzessen, Lust und Leidenschaft zu charakterisieren.

Das Potential der Dinge, sich zu verändern, neu zu artikulieren, um bestehende Narrative zu hinterfragen, veranschaulichen auch drei Stoffarbeiten im Hochformat, die sich am Eingang der Galerie Räume befinden. Diese Arbeiten imitieren den Stein Marmor, der hier anstatt hart und kühl zu sein, durch eine von der Künstlerin erarbeiteten Technik des Batikens fragil, lichtdurchlässig, sanft erscheint.
Ein Fabergé-Ei, Straußen- und Schlangenleder, Marmor, Gold: Schätze, die als seltene Waren bis heute eine Exklusivität beanspruchen und Wertesysteme repräsentieren, werden in „Stampede“ von Josefine Reisch dekonstruiert und neu in Beziehungen gesetzt. Was ist noch immer die Anziehungskraft solcher Dinge, deren Strahlkraft durch Ausbeutung und Missbrauch getrübt ist, welche Sehnsüchte sind in ihnen auch heute noch verborgen? Formen und Materialität fordern auf, sich auf Josefine Reischs Interpretation einer stofflichen Gemeinschaft und deren Repräsentationen einzulassen.
Die Verbundenheit vom Zauber der Objekte mit ihren symbolischen Bedeutungen und dessen Implikation des Trügerischen komponiert Josefine Reisch in „Stampede“ zu einem neuen Popsong. Freudig ertönt es in diesem Lied, dass der politische Imperativ der Dinge und das Verhältnis der Menschen in schönster Umsetzung neu erklingen kann.

Wanda Growe

Galerie Noah Klink
Kulmer Str. 17
10783 Berlin