JÜRGEN EULENBERG / ROLAND KLICK / ALEX WISSEL-JAN BONNY @ NAK Neuer Aachener Kunstverein

Rheingold ist eine Ode an das Rheinland. Die geplante Fernsehserie von Alex Wissel und Jan Bonny ist ohne Zweifel als liebevolle Betrachtung einer jüngst vergangenen Region zu verstehen, deren Glanz wir gerade noch in der Gegenwart nachfühlen können, während die immer breiter werdende historische Distanz die noch lebendige Geschichte beharrlich in die Vergangenheit hineindrängt. Gewissermaßen kann man die Kooperation von Künstler und Regisseur auch als Versuch deuten, Phänomene zu fassen, deren Anfänge in der jüngsten bundesrepublikanischen Vergangenheit liegen und deren volle Auswirkungen sich erst im Moment entfalten. Das aus dem Passagen-Werk sowie dem Essay „Über den Begriff der Geschichte“ Walter Benjamins entlehnte Geschichtskonstrukt des Jüngst Vergangenen beruht auf der Annahme, durch die Betrachtung just verlebter Ereignisse ließe sich eine besonders treffende Aussage in Bezug auf die Gegenwart treffen. Im Fall von Rheingold durchzieht das Jüngst Vergangenen die Arbeit in vielerlei Hinsicht motivisch: Zum Einen spielt die Geschichte in einer in den letzten Jahren immer stärker in das Abseits der Aufmerksamkeit geratenen Region, nämlich der des Rheinlands. Auch der Versuch die Serie für das sich in der Auflösung befindende Medium Fernsehen zu produzieren, lässt auf formaler Ebene eine pointiert-nostalgische Haltung vermuten. Auf inhaltlicher Ebene bedienen sich Wissel und Bonny in ihrer Arbeit, die aus einer aus dem unabgeschlossenen Produktionsprozess bestehende Videoinstallation und mehreren Filmplakaten besteht, wie zurzeit im Neuen Aachener Kunstverein zu sehen ist, der Geschichte des Düsseldorfer Kunstberaters Helge Achenbach. Auch er oder vielmehr die Rolle, die er bis 2014 in der regionalen Kunstszene spielte, kann als eine jüngst vergangene angesehen werden.

Im Jahr 2014 wähnt sich Achenbach noch auf der Höhe seines Erfolgs. Nach der Initiierung seines Privatmuseums auf Lanzarote, folgt die Ausstattung der eigens für die Deutsche Nationalmannschaft nahe Rio de Janeiro errichteten Hotelanlage Campo Bahia mit Arbeiten vorwiegend junger Akademiestudenten. Achenbach verbringt schöne Wochen in Brasilien, zunächst im Kreise der Künstler, die gleich vor Ort für die individuelle Verschönerung der aus dem Boden gestampften Luxusimmobilie Sorge tragen. Später feiert er mit der Fußballprominenz die Vollendung des Sommermärchens. Bei seiner Rückkehr wartet bereits die Polizei am Düsseldorfer Flughafen auf ihn und spätestens als er im Frühjahr 2015 vom Essener Landgericht zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilte wird, ist Achenbachs Traum ausgeträumt. Laut Begründung der Richter hat der Kunstberater sich durch die Manipulation von Rechnungen des Betruges schuldig gemacht. Allein der Schaden, den er dem Aldi-Erben Berthold Albrecht auf diese Weise zufügte, soll sich auf eine Summe von rund 19 Millionen Euro belaufen.
In den absurdesten Momenten des Prozesses, die den deutschen Kunsthandel kurzfristig in eine nervöse Stimmung versetzten, spielt Achenbach, der das US-amerikanische Konzept des Art Consultings in den 1980er Jahren nach Europa gebracht hatte, die Rolle eines neoliberalen Robin Hoods, der die Superreichen um einen für sie nichtigen Teil ihres gigantischen Geldberges erleichtert, um den Gewinn dem per se guten System der Kunst (dessen Teil er selbstverständlich ist beziehungsweise war) zuzuführen. Dabei ist die Aussage des Angeklagten, dass dieses Vorgehen in der Kunstwelt geläufig sei ebenso nachteilig für sein Image innerhalb der Art Community, wie die Bezeichnung der gefälschten Rechnungen als Collage.

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Film-still, Rheingold, © Jan Bonny – Alex Wissel

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Film-still, Rheingold, © Jan Bonny – Alex Wissel

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Film-still, Rheingold, © Jan Bonny – Alex Wissel

Genau an diese kindlich naive Argumentation des gescheiterten Rechtfertigungsversuchs knüpft Rheingold an. In einer Schlüsselszene des Films sitzt Achenbach am Schreibtisch des Steigenberger Parkhotels in Düsseldorf. Etwas unbeholfen, aber konzentriert fährt er mit der Schere durch das Papier und lässt kleine quadratische Schnipsel auf die Arbeitsplatte rieseln. Er greift zum Kleber, bastelt die Zahlen in eine provisorisch wirkende Rechnung hinein und legt sie danach auf ein Kopiergerät, das im Hotelzimmers steht. Die Szene ist bis auf die latente Angespanntheit des Protagonisten ruhig und das Licht warm als Joseph Beuys stumm im Raum erscheint. Der vom Geist der Vergangenheit eingeholte Achenbach beginnt einen sein Handeln rechtfertigenden Monolog: „Du bist enttäuscht von mir. Ich finde dazu hast Du keinen Grund“, stellt er fest. Was darauf folgt sind wenige Sätze, in denen er die durch Beuys kritisierte Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit konterkariert, indem er der Forderung nach einem ganzheitlichen Lebenskonzept die Folie heutiger Arbeitsbedingungen vorhält. Der berühmte beuysche Ausspruch „Ich kenne kein Weekend“, der als Titel der gleichnamigen Edition Beuys’ in einem der handgemalten Plakate auftaucht, erfährt in der Argumentation Achenbachs die Erfüllung in neoliberalen Verhältnissen. Was einstmals als Aussage gegen die spießbürgerliche Trennung von Arbeits- und Freizeit gemeint war, legitimiert heute eine Gesellschaftsform, in der die Selbstoptimierung und Selbstaufopferung des Individuums als Teil der Kapitalsteigerung vorausgesetzt wird. Dabei wirkt Achenbach, der in dieser Szene spät abends in aller Einsamkeit an seinen Collagen arbeitet, als Nutznießer und Gestrafter dieser Entwicklung zugleich. Aufgeführt ist in dieser verqueren Darstellung zwischen bewusster und naiver Handlung das Durcheinanderwirbeln von argumentativen Zusammenhängen, mit dem Achenbach sich vermeintlich auch im wahren Leben um Kopf und Kragen geredet hat.

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Film-still, Rheingold, © Jan Bonny – Alex Wissel

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Film-still, Rheingold, © Jan Bonny – Alex Wissel

Jedoch beruht der künstlerische Fokus von Rheingold definitiv nicht nur auf einer psychologischen Untersuchung der Person Achenbach. Das Projekt ist parallel dazu eine Auseinandersetzung mit Realität und Fiktion sowie eine Verzahnung von lokalen Anekdoten und Mythen mit der Geschichtsschreibung. Im besonderen Maße ironisch wirkt dabei das neben der Fernsehinstallation im NAK hängende Plakat von Studio for Propositional Cinema, welches beteuert, jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen sei rein zufällig. Dabei liegen die Bezugnahmen auf der Hand. Neben Achenbach und Beuys sind unter anderem Jörg Immendorf, Gerhard Schröder sowie Bastian Schweinsteiger zentrale Nebenfiguren. Dabei entspricht der konzeptuellen Logik des Projektes auch die Verschmelzung von Gegenwart und Vergangenheit in der Person Alex Wissels, der mal Beuys, mal Immendorf spielt, ohne je gänzlich darin aufzugehen. Das Verharren in der eigenen Künstlerrolle, das provisorische, auch kindlich überdrehte Spiel sowie das Fehlen von ästhetischen Kalibrierungen erinnern nicht zuletzt an die Inszenierungen Christoph Schlingensiefs.

Neuer Aachener Kunstverein – 17.01. – 20.03.2016

Durch die filmische Aufführung der Geschichte Achenbachs im Zusammenfall mit den verstaubten Helden der Bundesrepublik wird die Indifferenz von Realität und Fiktion in vielerlei Hinsicht potenziert. Die Flexibilität der historischen Wahrheit und die damit in Verbindung stehende Relativierung der fundamentalen Ethik des Kunstsystems, lässt sich anhand der Person Achenbach zweifelsohne sowohl treffend wie auch amüsant vorführen.
Und gerade weil Achenbach inhaftierte und damit fürs Erste jüngst vergangen ist, kann man anhand seines zu gleichen Teilen realen wie fiktiven Lebens die vielseitigen Verschränkungen von Wahrheit und Lüge, von Authentizität und Inszenierung, von guten Intentionen und schlechten Taten so klar erkennen.

Text: Anna Czerlitzki

 

Neuer Aachener Kunstverein – 17.01. – 20.03.2016