Kapwani Kiwanga. Ujamaa. La Ferme du Buisson – eine Review von Vivien Trommer

Sanft-beige Fasern von Sisal hängen mitten im Raum, dicht an dicht, ganz so als würden sie hier in der Sonne trocknen. „White Gold: Morogoro“ (2016) heißt die begehbare Skulptur von Kapwani Kiwanga (*1978 in Kanada), die in ihrer leicht gebogenen Form und Monumentalität an einen Richard Serra erinnert, in ihrer Materialität jedoch viel nahbarer, präsenter und irgendwie auch politischer wirkt. Das Werk ist der Auftakt zu Kiwangas bisher wohl umfangreichster Einzelausstellung „Ujamaa“, die vom 24. April bis zum 9. Oktober 2016 im La Ferme du Buisson in der Nähe von Paris zu sehen war. Neben „White Gold“ sind im Dachboden des ehemaligen Bauernhofes aus dem Jahre 1880 die Videoarbeiten „Vumbi“ (2012), „Uhuru ni Kazi“ (2016) und „Ujamaa“ (2016) installiert. In den drei unteren Räumen zeigt die Ausstellung die raumgreifenden Installationen „Kinjiketile Suite“ (2015-2016) und „Nursery“ (2016), die unterschiedlichste Medien wie Zeitungsauschnitte, Pflanzen, Dias, Soundarbeiten, Kangas und Bücher zu einem Parcours durch die Unabhängigkeitsgeschichte Tansanias, den Maji-Maji-Aufstand und das panafrikanische Ujamaa-Konzept verbinden.

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Kapwani Kiwanga, White Gold: Morogoro, 2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

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Kapwani Kiwanga, White Gold: Morogoro, 2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

„I believe in human brotherhood and in the unity of Africa“ – das ist Ujamaa, ein Swahili-Begriff, der für Brüderlichkeit oder Familiensinn steht, und zu Beginn der 1960er Jahre von Julius Nyerere, dem einflussreichen Philosophen und ersten Unabhängigkeitspräsidenten Tansanias, geprägt wurde. Ujamaa ist sein Konzept für einen afrikanischen Sozialismus, der sich dezidiert gegen den Westlichen Ausbeutungskapitalismus richtet und versucht ein friedliches Zusammenleben und gerechtes Wirtschaften im neuen Tansania herzustellen. „Uhuru ni Kazi“ heißt die 6-Kanal-Videoarbeit von Kiwanga, die zur gleichen Zeit entstandene Filme des Kanadischen Regisseurs Gerald Belkin präsentiert und so ein historisches Momentum reaktiviert. Belkin porträtiert Bauern bei der Arbeit, filmt ihre Gespräche, ihre Forderungen, die sie direkt an ihn und in die Kamera richten, und zeigt Nyerere wie er bei einem Besuch auf dem Land seine Philosophie erklärt. Kiwanga präsentiert das approprierte Material unkommentiert, ungeschnitten, und unbearbeitet und öffnet so ein Bilderarchiv, das zwar in Forschungs- und Bildungseinrichtungen als Lehrmaterial eingesetzt wurde, einer größeren Öffentlichkeit aber weitgehend verschlossen blieb. Es ist vor allem Belkins humanistischer Ansatz und die filmische Nähe zu den Menschen, zu ihren Ideen und Gedanken darüber, wie sich das wirtschaftliche und soziale Zusammenleben einer Nation neu definieren lässt, die uns in einem Zerwürfnis zwischen Utopie und Realität zurücklassen.

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Kapwani Kiwanga, Uhuru ni Kazi, 2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

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Kapwani Kiwanga, Ujamaa, 2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

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Kapwani Kiwanga, Vumbi, 2012, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

Kiwangas Installation „Kinjiketile Suite“ bespielt die unteren zwei Räume des La Ferme du Buisson. Begleitet von einer Soundcollage – der Stimme der Künstlerin – arbeitet die Installation den Maji-Maji-Aufstand in Form eines subjektiven Archivs aus Fiktionalem und Fakten auf. Rohe, unbehandelte Paravents aus Holz dienen als Display, auf denen die Bücher „Essays on Socialism“ (1968) von Nyerere oder das Drama „Kinjikitile“ (1970) von Ebrahim N. Husseins zusammen mit bunt gefärbten Kangas, einer Kopie der Arusha-Deklaration und archivierten Dias präsentiert werden. Die Installation führt uns zurück ins Jahr 1905 als Kinjikitile Ngwale, ein angesehener Medizinmann, „maji maji“ entwickelte, ein heiliges Schutzwasser, das sich um den Körper legen und den Patronenbeschuss der deutschen Kolonialherren einfach abprallen lassen sollte. Vereint durch den Glauben an die Wunderwaffe lehnten sich 20 Volksgruppen des südlichen Tansanias kollektiv gegen die Kolonialherrschaft auf. 1907 endete ihr Aufbegehren nach einem zweijährigen, blutigen Kampf, der auf der Seite der Bevölkerung mehrere hunderttausend Opfer forderte. Aber es ist nicht das Blutvergießen, das Kiwanga zeigt, sondern die Geschichten, die sich um die historischen Ereignisse ranken, von ihnen zeugen und berichten. Sie präsentiert bewusst ausgewählte Objekte aus Archiven, Fiktionales neben dokumentierten Fakten, Dias, Stoffe, Bilder und eben auch eingetopfte Wunderbäume, deren Früchte integraler Bestandteil der Kinjikitile Mixtur waren und die nun im Ausstellungsraum unter Neonröhren wachsen und gedeihen. Auch in „Nursery“ sind es Pflanzen, die als Zeugen und Wissensspeicher auf Kiwangas Bühne treten. Die zunächst harmlos wirkenden, in Oktaedern eingetopften Pflanzen entpuppen sich – bei Einführung durch die Guides – als Halluzinogene, Rohstoffe der Kosmetikindustrie, Medizinprodukt oder unterstützendes Abtreibungsmittel. In diesem Labor herrscht die Kraft der Oralität und Kiwanga lässt uns hier ganz intuitiv ein Gefühl für die Bedeutung des gesprochenen Wortes für den Widerstand, die Umbrüche und Veränderungen in unserer Gesellschaft entwickeln.

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Kapwani Kiwanga, White Gold: Morogoro, 2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

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Kapwani Kiwanga, Kinjeketile Suite, 2015-2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

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Kapwani Kiwanga, Nursery, 2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

Immer geht Kiwangas Werken ein langer Rechercheprozess voraus, der mit wissenschaftlichen Methoden der Anthropologie unterfüttert und durch ihre Erfahrungen als Dokumentarfilmerin ausgearbeitet wird. Geschriebene Geschichte wird in Fragmente zerlegt, durch orales Wissen ergänzt und schließlich in neuen unkonventionellen Strukturen – als Ausstellungsparcours – les- und nachvollziehbar gemacht. Sie erfindet und sagt selbst „I like the fictional aspect of things, but I wouldn’t say futuristic so much. So speculation, to allow for imagination and creativity in a basic sense.“ Vielleicht spielen Themen wie Glaube, Magie und politische Utopie in ihren Werken auch genau deswegen eine so zentrale Rolle. Jedenfalls gelingt es der Ausstellung unseren Blick zu leiten, Wissen und Nicht-Wissen in ein neues Verhältnis zu setzen und historische Ereignisse in Erinnerung zu rufen, die jenseits der gängigen Geschichtsschreibung liegen. In diesem Prozess lernen wir am meisten über unsere Vorannahmen und am Ende über uns selbst.

Text: Vivien Trommer

 

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Kapwani Kiwanga, White Gold: Morogoro, 2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

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Kapwani Kiwanga, Kinjeketile Suite, 2015-2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

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Kapwani Kiwanga, Kinjeketile Suite, 2015-2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

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Kapwani Kiwanga, Nursery, 2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

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Kapwani Kiwanga, Nursery, 2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

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Kapwani Kiwanga, Nursery, 2016, Courtesy des La Ferme du Buisson. Foto: Emile Ouroumov.

 

Centre d’art contemporain de la Ferme du Buisson
Kapwani Kiwanga
Ujamaa
24. April – 9. Oktober 2016
Allée de la Ferme
77186 Noisiel
Frankreich