Konzentration im Transit

„Mehr Menschen als je treten mit der Kunst in Austausch“, konstatiert Steven Murphy vom Auktionshaus Christie’s, wenn es um den globalen Wachstum des Kunstpublikums geht.* Dies umfasst: darüber lesen, anschauen, durch Kauf in Besitz nehmen, in Ausstellungen zirkulieren lassen. Kunst exklusiv zu besitzen und einem ausgewählten Kreis zu zeigen war primär das Privileg des Sammlers. In Referenz zu Murphys Aussage bemerkt der Autor Kolja Reichert jedoch, dass Kunst sogar zur Währung werde.** Ein populäres Tauschmittel? Der Umgang und die Berührung mit Kunst scheint einem Wandel zu unterliegen, der nicht zuletzt mit dem Auftreten des Kunstmarktes zu einem mobileren Verständnis von Kunst geführt hat. Auf den Tourismus des Menschen folgt jener der Kunst. Sie geht auf Reisen und berührt die Blicke derer, die sie anschauen. Sie entsteht auf Reisen und schließt die Besonderheit eines Ortes, oder gerade ihr Ungebundensein an den Ort ein. Sie wird zum Kind des Transits. Kunst wird zur Begleitung. Um mit Reicherts Umschreibung der Währung zu sprechen: Das Kapital der Kunst ist nicht mehr allein der Ausstellungsraum, der sie rahmt, sondern ihre Fähigkeit, wie ihre Schöpfer selbst in situ in Erscheinung zu treten.

Stephanie Seidel hat diesem zeitgenössischen Vollzug einen Namen gegeben: BETWEEN ARRIVAL & DEPARTURE (BA&D). Sein Spezifikum: der temporäre Ort, im Umkreis dessen sie Gedanken um das Handeln in Zwischenräumen ausformuliert. Seidel hat BA&D Anfang 2014 in Düsseldorf gegründet und mit einer Ausstellung des in Los Angeles lebenden Künstlers Cooper Jacoby in der zwei Quadratmeter großen Kammer in ihrer Ein-Raum-Wohnung inauguriert. BA&D ist Ausstellungsfläche, Lebensraum, Sinnbild, Schnittstelle, es ist Teil eines Systems, das der Kommunikation dient, aus dem heraus BA&D selbst entspringt: Die Kommunikation mit und über Kunst, die keine festgeschriebenen Orte kennt. BA&D denkt das Ausstellen als Faktum, das räumliche und zeitliche Koordinaten und damit Kontexte wechseln kann, ähnlich dem Lebens- und Produktionsprozess von Kunst, Künstler, Kurator. Und doch: der erste und aktuelle Sitz von BA&D ist in der Düsseldorfer Adersstraße gelegen, nicht weit vom Hauptbahnhof dieser Stadt, die Seidel erst ein halbes Jahr zuvor bezogen hatte.
Stephanie Seidel (*1985) ist Kuratorin und Wissenschaftlerin. Über ihre Arbeit im NAK Neuer Aachener Kunstverein und dem Stipendienaufenthalt am Schloss Ringenberg hat sie im Sommer 2013 eine Kuratorenstelle für das Projekt 25/25/25 bei der Kunststiftung NRW aus Hamburg und Lüneburg schließlich nach Düsseldorf geführt. Selbst neu in der Stadt, ist es zunächst Seidels eigener Blick, dem sie mit BA&D eine Plattform einräumt, um dann weitere Blicke von Außen diskursiv an dem Ort wirksam werden zu lassen, an dem sie selbst tätig ist. Und dann trägt das Konzept die Bedeutung, die BETWEEN ARRIVAL & DEPARTURE wörtlich in sich birgt: solche Künstler einzuladen um Arbeiten zu präsentieren oder zu entwickeln, die sich zum gegebenen Zeitpunkt entweder in, oder auf der Reise durch diese Stadt befinden.
Die erste Ausstellung realisierte so wie eingangs erwähnt Cooper Jacoby (27. Februar bis 09. April), der anlässlich des Debuts von BA&D mitunter den Schriftzug wie auch ein Eingangsschild gestaltete und innerhalb Seidels Mikro-Raum mit einer an einen Türgriff angelehnten Skulptur die Grenzen des Räumlichen an sich thematisierte.

Installation view, ba&d 2014

Installation view, ba&d 2014

Blank Faces, 2014  copper-plated steel, penny blanks, steel pennies, glass, inkjet on perforated vinyl

Blank Faces, 2014
copper-plated steel, penny blanks, steel pennies, glass, inkjet on perforated vinyl

Installation view, ba&d 2014

Installation view, ba&d 2014

Edition of 500 woven damask clothing labels, 2014

Edition of 500 woven damask clothing labels, 2014

Jessica Gispert (16. April bis 31. Mai), die in New York und in Düsseldorf lebt und arbeitet, entfaltete die zwei Quadratmeter-Kammer mit ihren Objekten und Bildern nicht nur in den Wohnraum hinein, sondern verfasste in Ergänzung zum physischen Raum ihrer Arbeiten zusammen mit Seidel einen lyrischen Text, der – wie ihre Ausstellung – Surfen im Internet als Mittel gegen (weibliche) Langeweile und die virtuelle Welt als Alternative zum eigentlichen physischen Aufenthaltsort thematisierte.

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Mit dem Trailer „Sorry, can’t talk. I’m at work…“ von Lisa Jo & Amy Yao (New York und Los Angeles) lud Seidel dann am 08. Juni zum Screening in die Klüngel Bar, die wiederrum Alexander Wissel als temporäres Projekt in Reaktion auf die diesjährige Quadriennale in Düsseldorf realisierte. Jo & Yaos Trailer zeigt einen Ist-Zustand, die Bestandsaufnahme eines Prozesses und weist zugleich auf einen potentiellen Film voraus, der um weibliche Selbstbestimmung bis hin zum – ebenfalls weiblichen – Sexismus kreist. Aktuell zeigt Stephanie Seidel eine Plastik von der in Berlin lebenden Künstlerin Daiga Grantina, mit der sie bereits in Ringenberg und Aachen zusammen gearbeitet hat.
Was heißt es nun, nicht nur mit Kunst, sondern in der Ausstellung zu wohnen? Und was bedeutet es, Ausstellungen zu machen, die an Bewegungen zwischen Orten und an die Begegnung und den Aufenthalt in einer Stadt rückverweisen, ja sie produktiv machen? Das Kapital der reaktiven Aktion und Kunst, die sich in BA&D materialisiert und darstellt, ist symbolisch. Diese Geste hat auch Jacoby aufgegriffen, indem er Kleidungslabels mit dem BA&D Logo entworfen hat, von denen welche im Rahmen seiner Ausstellung an Stephanie Seidels Kleidungsstücken angenäht wurden und fortan ihre Träger auf ihren Wegen begleiten. Den Austausch mit Kunst, von dem Murphy aus monetärer Sicht spricht, meint BA&D gerade nicht, obgleich Seidel mit ihrem Konzept neuartige Bewegungsverläufe zwischen Kunst und Betrachter aufgreift. Analytisch untermauert BA&D wie eine Fußnote unsere Blicke, verbindet, erläutert und macht die Bewegungen in und um diese Stadt sichtbar und konkret. BETWEEN ARRIVAL & DEPARTURE ist selbst eine Bewegung und ein Innehalten, der konzentrierte Augenblick und das permanente Loslassen – ein Zwischenraum inmitten des Vollzugs des Lebens, in dem es Raum zum freien Denken gibt.

Weitere Infos: ba-d.org

* in: Reichert, Kolja: Wo ist das Geld?, in: Spike, No. 40, Sommer 2014, S. 63.
** ebenda, S. 62-69.

Photos: Philipp Rühr