KubaParis in Frankfurt am Main

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Erzählt doch kurz etwas über Euch. Was macht Ihr? Was ist Jenifer Nails?

Gislind Köhler: Seit etwas über einem Jahr, also seitdem ich in Frankfurt lebe, arbeite ich als Assistenzkuratorin bei basis. Seit Anfang 2014 leite ich zudem zusammen mit Daniel den Projektraum Jenifer Nails. Davor habe ich Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte und Publizistik in Berlin und London studiert sowie u.a. in einer Galerie und als Künstlerassistentin gearbeitet.

Daniel Stempfer: Ich komme ursprünglich aus Österreich und bin mit Zwischenstopp in Berlin vor einigen Jahren in Frankfurt gelandet um an der Städelschule zu studieren. Letzten Sommer habe ich das Studium abgeschlossen, in etwa zeitgleich ein passendes Atelier gefunden und beschlossen erst einmal in Frankfurt zu bleiben. Zu der Zeit haben Gislind und ich gemerkt, dass wir beide unabhängig voneinander schon länger den Gedanken hatten einen Projektraum zu eröffnen. Wir haben beschlossen das gemeinsam zu machen, hatten uns aber erst einmal nur auf den Namen geeinigt ohne einen Raum dafür zu haben. Ende letzten Jahres bekamen wir dann die Zusage für den Laden 41 in der Kaiserpassage, einer alten Einkaufspassage im Frankfurter Bahnhofsviertel. Anfang dieses Jahres haben wir begonnen den Raum zu renovieren und im April hatten wir mit Linsenlese von Dominik Gohla die erste Ausstellung.

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Frankfurt am Main hat viele Facetten. Für eine Stadt mit rund 700.000 Einwohner ist die Museumsdichte sehr hoch. Es gibt eine hochwertige Auswahl an zeitgenössischen Galerien. Von einem Galeriezentrum spricht man jedoch eher nicht. Durch die Studierenden und Absolventen der Städelschule existiert eine junge dynamische Kunstszene, die sich in Initiativen, freien Ausstellungsorten und Off-Spaces widerspiegelt. Gleichzeitig ist die Verbindung von Kultur und Finanzwirtschaft sehr stark ausgeprägt. So hat beispielsweise Katharina Grosse 2003 im Treppenhaus des DekaBank Hochhauses eine Wandarbeit realisiert. Darüber hinaus tritt die DekaBank Deutsche Girozentrale als Förderer vom Museum für moderne Kunst (MMK) auf, um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie beschreibt Ihr Frankfurts Kunst- und Kulturszene und warum habt ihr Euch dazu entschieden einen artist-run space zu eröffnen?

G: Natürlich gibt es in Frankfurt ein großes Angebot an Museen, doch sind die Ausstellungsmöglichkeiten für junge Künstler überschaubar. Es gibt eher wenige Ausstellungsräume, wo überwiegend junge Positionen gezeigt werden, was mit ein Grund war, warum wir beschlossen haben Jenifer Nails zu starten.

D: Neben ein paar schon länger existierenden Off-Spaces gibt es auch immer wieder interessante studentische Projekte, aber die sind dann eben oft tatsächlich sehr studentisch, d.h. ein bisschen nach außen hin abgeschirmte Experimente. Das versuchen wir mit Jenifer Nails zu vermeiden – je mehr Leute sich dafür interessieren was wir machen, desto besser. Was die Verbindung zur Finanzwirtschaft angeht warten wir noch auf den ganz großen Förderer, da kann ich nicht aus eigener Erfahrung sprechen.

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Die Auftakt-Ausstellung habt Ihr, wie bereits erwähnt, mit dem Fotografen Dominik Gohla realisiert. In seinen Arbeiten findet man sich in einem Diskurs über ästhetische und gesellschaftspolitische Fragestellungen wieder. Federico del Vecchio hat mit der Ausstellung I wish I were a Futurist im Juni Eure Räumlichkeiten bespielt. Beide Männer sind jung und ehemalige Städelschüler. Nach welchen Kriterien wählt Ihr Eure Künstler / Künstlerinnen aus. Wie tretet Ihr an die Positionen heran? Was ist Euer kuratives Konzept?

D: Dominik und ich haben uns früher ein Atelier geteilt und stehen seither im stetigen Austausch. Mittlerweile lebt er nicht mehr in Frankfurt, aber ich habe ihn im Laufe des letzten Jahres öfter in seinem Atelier in Österreich besucht und hatte so immer einen ganz guten Überblick darüber, woran er gerade arbeitet. Ich habe dann Gislind seine Arbeiten gezeigt und wir haben sofort beschlossen ihm anzubieten, bei uns auszustellen. Als er Anfang des Jahres zu Besuch in Frankfurt war, hatte ich ihm den Raum gezeigt – von außen, damals hatten wir noch keinen Schlüssel – und erzählt, dass Gislind und ich da drinnen einen Projektraum machen wollen. Zwei oder drei Sätze später habe ich auch gleich überfallsartig gefragt, ob er die erste Ausstellung machen will. Er hat genauso schnell zugesagt und damit stand die Eröffnungsausstellung fest.

G: Genau, es ging dann ziemlich fix und es war ein guter Start. Doch möchte ich hier gerne ergänzen, dass Dominik sich zwar konzeptuell mit Fragen der und um die Fotografie beschäftigt, aber nicht im eigentlichen Sinne Fotograf ist. Unsere zweite Ausstellung I wish I were a Futurist von Federico Del Vecchio, welche du, Amelie, ja auch bei uns gesehen hast, stand ebenfalls recht bald fest. Federico hat, wie Daniel, auch eine Zeitlang an der Glasgow School of Art studiert, woher wir ihn auch kennen und wir haben ihn eingeladen neue Arbeiten für den Raum zu entwickeln. Unsere dritte und aktuell zu sehende Ausstellung – quasi unsere Sommerausstellung – ist SEASON 1 EPISODE 2  von Daniel.

Doch muss man nicht jung, männlich und ehemaliger Städelstudent sein, um bei uns auszustellen… Am 5. September eröffnen wir die erste Ausstellung von Elisabeth Greinecker in Frankfurt. Elisabeth ist eine Künstlerin aus Wien und Mitherausgeberin (gemeinsam mit Julian Turner) des Panel Magazins (http://panel.implizit.org/). Im Oktober zeigen wir dann das New Yorker Künstler-Duo Ugnius Gelguda und Neringa Cerniauskaite. Beide kommen ursprünglich aus Litauen und präsentieren momentan im CAC Vilnius die Einzelausstellung The Metaphysics of the Runner. Die Jenifer Nails Ausstellung wird darauf aufbauen und gleichzeitig als „Brand Launch“ für ihr Projekt Pakui Hardware fungieren, welches sie gemeinsam mit dem Kurator Alex Ross entwickelt haben. Daniel und ich sprechen und diskutieren viel darüber welche Positionen, Themengebiete oder Theorien uns aktuell beschäftigen. Wir interessieren uns zum Glück für ähnliche Dinge und ergänzen uns sehr gut in unseren unterschiedlichen Herangehensweisen und so ist es uns bislang sehr gut gelungen, gemeinsam zu entscheiden, was wir in diesem Rahmen zeigen wollen.

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Wie beeinflusst Euch die Städelschule und welche Erwartungen habt ihr an Nikolaus Hirschs Nachfolger Philippe Pirotte, der nicht nur im Programm des Portikus neue Akzente setzen, sondern auch den finanziellen Bedingungen und dem Geldmangel, unter der die renommierte Kunsthochschule leidet, entgegenwirken möchte?

D: Die Städelschule ist sehr präsent in Frankfurt, aber inwieweit uns das beeinflusst ist schwer zu sagen. Da ich dort studiert habe und ständig von Leuten umgeben bin, die entweder auch dort studiert haben oder noch studieren, verfolge ich natürlich was passiert, aber jetzt nicht unbedingt in dem Sinne, dass mir die Verwaltungsprobleme schlaflose Nächte bereiten – wobei ich natürlich hoffe, dass sich die Lage bessert. Die Hochschule ist ja relativ klein, aber dann doch zu groß, um tatsächlich diese homogene Einheit zu sein als die sie manchmal verkauft wird. Mit einigen Leuten steht man ständig in Kontakt, insofern gibt es da mit Sicherheit Einfluss und Austausch, mit anderen hat man wieder kaum Berührungspunkte. Ich denke, das ist auch ganz normal.

G: Auf alle Fälle sind wir, und ich denke hier kann ich für uns beide sprechen, gespannt auf das neue Programm des Portikus sowie darauf, was unter neuer Leitung von Franziska Nori im Frankfurter Kunstverein passieren wird.

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Ihr habt Euren Raum mit viel Arbeit und Liebe selber ausgebaut und renoviert. Wer hat Euch geholfen Euer Konzept umzusetzen? Werdet Ihr finanziell unterstützt?

G: Renoviert haben wir den Raum, wie du ja auch angesprochen hast, auf eigene Faust und finanziell unterstützt werden wir auf unterschiedlichen Ebenen. So können wir den Raum kostenfrei über die Kreativraum-Agentur RADAR nutzen, d.h. wir müssen keine Miete zahlen und die Fixkosten bleiben überschaubar. Zudem erhalten wir vom österreichischen Bundeskanzleramt und dem Kulturamt Frankfurt Fördergelder, welche es uns ermöglichen die Künstlern finanziell zu unterstützen und einen Teil der Ausstellungskosten zu decken. Bei unserer Planung haben wir unser Budget natürlich immer im Auge und versuchen vor allem durch die Zeitplanung Kosten einzusparen. Die Ausstellung von Ugnius und Neringa haben wir z.B. so gelegt, dass sie von einer Residency aus Schweden anreisen können, anstatt aus New York. Bei Federico war es ähnlich…

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Jenifer Nails befindet sich im Bahnhofsviertel. Früher hat man den Kiez stets im Zusammenhang mit Wörtern wie Kriminalität, Drogen und Prostitution genannt. Heute ist das anders. Wie hat sich das Quartier in den letzten Jahren verändert? Warum habt Ihr diesen Standort für Euren Projektraum gewählt?

D: Das Bahnhofsviertel wird definitiv schicker, Mieten werden höher, Eckkneipen schließen und After-Work-Bars eröffnen – aber Drogen und Prostitution sind immer noch zwei Wörter die große Teile des Viertels ganz gut zusammenfassen. Leute, die die Gegend überhaupt nicht kennen, sind oft im erstem Moment etwas perplex, aber gerade unsere unmittelbaren Nachbarn in der Passage haben uns sehr gut aufgenommen und es herrscht ein freundschaftliches Verhältnis. Was die Standortwahl betrifft, muss ich aber auch sagen, dass das eine sehr pragmatische Entscheidung war. Wir haben einen Raum gesucht und der Laden 41 war verfügbar. Wir mussten zwar einiges renovieren, aber an sich eignet sich der Raum sehr gut für unsere Zwecke. Und vor allem ist er zentral gelegen. Dass wir ganz gut besucht sind, hängt hoffentlich nicht nur damit zusammen, aber es ist sicher kein Nachteil leicht erreichbar zu sein.

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Was sind Eure langfristigen Wünsche und Ziele?

G: Gerne möchten wir Jenifer Nails solange wie möglich weiterführen. Zunächst hatten wir nur einen Vertrag für sieben Monate, doch haben wir mittlerweile eine Verlängerung vereinbaren können; Jenifer Nails wird also vorerst in der Kaiserpassage bleiben.

D: Für das bisherige Programm war es wichtig, dass wir die Künstler bei ihren Projekten unterstützen, ohne zu viel Einfluss zu nehmen bzw. nur in dem Maße wie das gewünscht war. Das gilt auch für die nächsten paar Ausstellungen, aber wir bereiten auch gerade thematische Gruppenausstellungen vor, wo unser Einfluss natürlich viel größer ist. Das sind so die mittelfristigen Pläne.

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Abschließend eine Frage an Dich, Gislind. Du hast lange in Berlin gewohnt und bist vor 1 1/2 Jahren in die Mainmetropole gezogen. Was vermisst Du an Berlin? Und was nicht? Was fehlt Dir in Frankfurt?

D: Klar gibt es so einiges was ich an Berlin vermisse – was natürlich auch damit zu tun hat, das ich, zwar nicht konstant, doch immerhin knapp 10 Jahre hier gelebt habe. Das Frankfurter Angebot an Ausstellungen, Bars oder Clubs etc. ist selbstverständlich nicht mit dem in Berlin vergleichbar. Doch mag ich Frankfurt inzwischen sehr gerne, ich habe viele wunderbare Menschen kennengelernt und nicht zuletzt durch Jenifer Nails bin ich in Frankfurt gut angekommen.

 

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Daniel Stempfer – SEASON 1 EPISODE 2, Ausstellungsansicht, 2014, © Jenifer Nails 2014

 

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Daniel Stempfer – Lonely Planet, Detail, 2014, © Jenifer Nails 2014

 

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Daniel Stempfer – Lonely Planet, 2014, © Jenifer Nails 2014

 

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Federico Del Vecchio – Untitled, 2014, © Jenifer Nails 2014

 

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Federico Del Vecchio – I wish I were a Futurist, Ausstellungsansicht, 2014, © Jenifer Nails 2014

 

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Federico Del Vecchio – Untitled (bottles with brass stand and perforated cuttlefish bone), 2014, © Jenifer Nails 2014

 

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Dominik Gohla – Coda, 2014, © Jenifer Nails 2014

 

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Dominik Gohla – Linsenlese, Ausstellungsansicht, 2014, © Jenifer Nails 2014

 

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Dominik Gohla – Brufmapf, 2014, © Jenifer Nails 2014

 

http://www.jenifernails.com