Lilah Fowler, Alex Grein, Julius Brauckmann und Dennis Siering @ Galerie Gisela Clement

„nth – nature“, Lilah Fowler
„artichoke“, Alex Grein
„DATA“, Julius Brauckmann und Dennis Siering

Vor über 18 Jahren traten wir in das neue Millennium ein, das sich damals nach so viel mehr Zukunft anfühlte. Wir waren alle ein bisschen aufgeregter als sonst, aber die große Katastrophe blieb aus und alle Handys zeigten das richtige Datum, als wir am ersten Januarmorgen aufwachten. Die Welt war immer noch gleich und immer noch da. Und doch war da auf einmal so ein Gefühl, dass sich etwas verändert hat, dass es jetzt ernst werden könnte mit der Science-Fiction. Etwas später in diesem Jahr 2000 riefen Wissenschaftler das Anthropozän aus und markierten damit die Epoche, in der der Mensch zum wesentlichen Einflussfaktor auf alle biologischen, meteorologischen und geologischen Abläufe auf der Welt wurde. Sie verfestigten damit den Eindruck, dass unser Verhältnis zu unserer Realität, zu unserer Umwelt, zu Raum und Zeit, ein anderes geworden war. „nth – nature“, „artichoke“, „DATA“ – in drei parallelen Ausstellungen in der Galerie Gisela Clement verdichten sich künstlerische Reflexionen über die menschliche Erfahrung dieses neuen Zeitalters zu einem Kondensat aus Überlegungen über die Wahrnehmung des „Jetzt“.

Die Historizität, Kontextualität und Individualität der Erfahrung von Realität steht im Mittelpunkt von Lilah Fowlers Arbeit. In ihrer ersten Einzelausstellung in der Galerie und gleichnamigen Installation „nth – nature“ führt sie die Unmöglichkeit vor, ein kohärentes Bild von Realität herzustellen. Die Landschaft Arizonas, die in Satellitenbildern dargestellt wird, ist eine ganz andere als diejenige, von der sich die dortigen Ureinwohner erzählen und diese wiederum unterscheidet sich von den Fotos, in denen die Künstlerin ihren eigenen Blick dokumentiert. Es sind verschiedene Formen der Organisation von Information, die gleichzeitig existieren und durch die wachsende weltweite Vernetzung immer stärker auch gleichzeitig präsent und wahrnehmbar werden. Anstatt sie voneinander zu trennen, um sie separat zu betrachten, verknüpft Fowler sie buchstäblich noch stärker miteinander. Großformatige gemusterte Wandteppiche entstehen in einem aufwändigen Webprozess auf Basis eines per Computer erzeugten Codes und verbinden die scheinbar konträren Sphären digitaler Kommunikation und traditioneller Handwerkskunst. Die Teppiche bekleiden Wände und Boden der Installation, die den Datenbestand von Fowlers künstlerischer Recherche präsentiert: gefundene Steine, Fotomaterial aus Archiven und Videoaufnahmen, in denen eine nervöse Kamera versucht, das Bild einer Landschaft scharf zu stellen – und immer wieder scheitert. Der Soundtrack des Videos spannt sich als hohes, monoton-zitterndes Geräusch über die Installation und verstärkt den Eindruck, dass all diese unterschiedlichen Informationen untrennbar miteinander verbunden sind und erst zusammen ein vollständiges Bild ergeben. Was zunächst wie eine Analogie auf die zunehmende Verschmelzung unserer Lebenswelten erscheint, wird zu einem neuen Modus der Wahrnehmung.

In der parallel stattfindenden Präsentation von Alex Grein begegnen wir ähnlichen Fragen. In ihrer ersten Einzelausstellung in der Galerie beschäftigt sich die Foto-Künstlerin mit Relationen – zwischen Mensch und Raum, Ding und Grund, Dingen und anderen Dingen. Das eigene Verhältnis zum imposanten Ausstellungsraum in der Galerie, der 6,30 m im Quadrat misst, rückt sie wieder zurecht, indem sie die architektonische Struktur des Raumes fotografisch abbildet und sie in eine „normale“ Relation zur eigenen Körpergröße zurückschrumpft. Erst die neugeschaffenen Wände bilden die Ausstellungsfläche für ihre Fotografien, die in minimalen Stillleben alltägliche Objekte zeigen. Eine Seife, in die das Wort „happy“ eingeprägt ist wird zum Vanitas-Motiv par excellence: Denn das von Marketing-Experten bei der Produktentwicklung heraufbeschworene Versprechen wird sich sehr bald abgewaschen haben. Der Mensch bleibt in Greins Arbeiten unsichtbar, sein Verhältnis zum Dargestellten ist dennoch ein wichtiger Bezugspunkt. Meist besteht dieses Verhältnis in einem Irritationsmoment – eine zentrale Frage bei Alex Grein ist die vom Verhältnis der Fotografie zur Realität. Zunächst akzeptieren wir das Foto von einem Strunk Tomaten, die neben dem weißen Tongeschirr über den Rand einer schmalen Glasplatte hängen, aber dann zweifeln wir doch: Ist die getöpferte Tasse wirklich so klein? Es scheint tatsächlich so, als würden hier mehrere Realitäten auf einem Bild zueinander finden. 

Im Projektraum der Galerie stehen sich Julius Brauckmann und Dennis Siering in der Ausstellung „DATA“ gegenüber und auch hier begegnen wir der Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Welt. In Röhren, die an Raumkernsonden erinnern, überlagern sich in Dennis Sierings Skulpturen organische Materie und anorganische Stoffe, wie Erde, Beton, Kabel oder High-Tech-Carbongewebe. Im Rhythmus eines unbekannten, lückenhaften Codes sind die Gefäße an der Wand aufgereiht wie die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung. Die Proben könnten von der Erde, von einem anderen Planeten, aus der Gegenwart oder der Zukunft stammen. Auf die menschliche Existenz deuten lediglich noch Spuren der von ihm entwickelten Technologien. Sierings Arbeiten sind sehr konkret in ihrer Präsenz und Materialität, weisen aber auch einige bewusst gesetzte Leerstellen auf, als würden sie von den Auswirkungen und den Möglichkeiten dieser Zeit erzählen wie von einem Experiment, dessen Ergebnis noch unbekannt ist. 

Auch Julius Brauckmanns Arbeiten erinnern an philosophische Versuchsanordnungen. Im Zentrum der Präsentation steht eine Sackkarre aus dem Baumarkt. Auf dieser liegt ein Stapel von Fotografien, die wiederum die Sackkarre zeigen, auf der ein Stapel Fotografien liegt. Wie beim Blick in sich gegenüberhängende Spiegel tut sich ein Strudel aus Zeit auf, der sich im Unendlichen auflöst. Was war zuerst da? Die Skulptur oder die Fotografie? Die BesucherInnen der Ausstellung sind Teil der Anordnung und sollen jeweils eins der 1400 Blätter vom Stapel mitnehmen, der dann auch auf den Fotos kaum sichtbar aber kontinuierlich immer weiter schrumpft. Ähnlich wie auch die anderen KünstlerInnen stellt Brauckmann die Frage nach den Bedingungen von Wahrnehmung, bezieht sich aber auch auf ein grundlegendes Problem der Fotografie: Kann die Fotografie existieren, ohne das Ereignis, das sie abbildet? Das Denken strandet im Zirkelschluss. 

Die Erfahrung der Welt als immer komplexer erscheinendes Gefüge, die für das Individuum unmöglich zu fassen ist, rückt das Subjekt aus dem Zentrum seines Universums. Von einem Dualismus, der Natur und Kultur, Subjekt und Objekt, Materielles und Immaterielles voneinander trennt, haben wir uns schon verabschiedet. Die Gleichzeitigkeit der Realität(en) – das Gefühl von „alles passiert immer“ ist stattdessen eine zentrale Kategorie der Wahrnehmung geworden. Ein adäquateres Bild der Welt und ihrer Komplexität präsentieren uns diese drei Ausstellungen, nicht indem sie die Welt ordnen wollen, sondern indem sie ihre Widersprüche und Gleichzeitigkeit aushalten. 

Nelly Gawellek

Pictures by Neven Allgeier

www.galerie-clement.de