micro celebrities und more than one place: unterwegs vor, nach und während der 50. Art Cologne

50 Jahre alt ist sie in diesem Jahr geworden, die Art Cologne. Ein ‚Kölsche Mädsche’, diese Mutter aller Kunstmessen, und zum Geburtstag hat sich die heimische Kunst- und Galerienszene mächtig in Schale geschmissen und ein Festprogramm aufgefahren, das für jeden Messetag etwas besonderes bereit hielt.

Während halb Köln sich am Vernissage-Abend aus alter Gewohnheit um den traditionellen Freibier-Stand im Messefoyer scharte, als müssten vor der nächsten Dürre nochmal alle Reserven mit Kölsch aufgetankt werden, nutzte die andere (schlaue) Hälfte die Gunst der Stunde, denn in der Galerie Buchholz zeigte Anne Imhof, Gewinnerin des Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2015 ihre neueste Performance Ouverture. Statt Schildkröten nun mit einem lebenden Falken, Rasierschaum und dem Geräusch zischender Bierdosen (Bis 21. Mai).

Zu späterer Stunde konnte man den angereisten und Berlinverwöhnten Kunstfreunden endlich eine neue Bar präsentieren: Michael Pigelis und David Ostrowski machen nicht nur minimalst-abstrakte Kunst, die sie gemeinsam ausstellen (wie aktuell 40 km weiter im Leopold-Hösch-Museum in Düren), oder Ausstellungen, die sie gemeinsam kuratieren (bei Delmes & Zander, wo sie das Archiv durchforsten durften), sondern haben Köln auch noch zusammen die MD Bar geschenkt, in der diese Woche alles stimmt, Licht, Musik, Drinks, Gäste.

Gleich um die Ecke im Viertel ohne Namen südlich des Kölnischen Kunstvereins ging es am Donnerstag weiter. Bei DREI eröffnete der mexikanische Künstler Martin Soto Climent seine Ausstellung Paradise mit einer Performance, die nur von Außen durch das Schaufenster erlebt werden konnte. Einer der schönsten Momente der Woche, wie die gebannten Zuschauer in der Abendsonne auf der Straße zwischen parkenden Autos und auf den Premium-Plätzen auf dem Mäuerchen gegenüber das Schauspiel beobachteten, im Flüsterton, Handys aus, als könnte ein „Hallo, wie geht’s dir, wo geht ihr noch hin“ die beiden Performer hinter der Scheibe stören. Bella Usabaeva und Jonathan Omer Mizrahi waren derweil so vertieft in ihre Bewegungen, ineinandergeknäuelt in ein und demselben Hosenbein, balancierend zwischen Tanz und Rangelei in Zeitlupe, dass sie davon sicher nichts gemerkt hätten. (Bis 21. Mai)

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DREI

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DREI

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DREI

Ein Fenster weiter zeigt Ginerva Gambino ein dreidimensionales Suchbild des schwedischen Künstlers Tore Wallert. Auf zwei Regalbrettern entlang der Galeriewände hat Wallert wuchernde Szenarien aus bedrucktem Schaumstoff, Latex, Schnüren und anderen gefunden Reststoffen gebaut, die von kleinen Modellbaufiguren bevölkert werden. Das Auge zoomt vor und zurück, um das Gesamtbild auf so kleinem Raum zu erfassen. Im Hintergrund lehnen mit Filmstills bedruckte Aluminiumtafeln an der Wand, die gleichzeitig zu überdimensionalen Billboards in der zerstörten Welt im Vordergrund werden. Mit Teil 2 der Ausstellung, den Videos zu den Stills, weiht Laura Henseler ab 12. Mai ihre neuen Räume in der Kyffhäuserstraße ein. (Bis 30. April)

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Tore Wallert, Walkers, Installation view, @ Ginerva Gambino

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Tore Wallert, Vela, 2016, Inkjet printed aluminum sheets, latex, plastic mesh, rubber, foam, paper, plastic figurines, epoxy resined sweatshirt, green bouquet, leather cords and shoestrings Ca. 400 x 120 x 25 cm, detail, © Ginerva Gambino

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Tore Wallert, Helga, 2016, Inkjet printed aluminum sheets, latex, plastic mesh, rubber, foam, paper, plastic figurines, green bouquet, leather cords and shoestrings Ca. 280 x 120 x 25 cm, © Ginerva Gambino

„Es gibt kein Ich oder Du ohne ein Wir…“, schreibt Marcel Hiller im Text zu der von ihm konzipierten Ausstellung in der Galerie fiebach, minninger. Marcel Hiller, dessen spröde, super reduzierten Ready-made-Installationen in Köln schon vielfach ausgestellt wurden, hat für micro celebrities Künstlerkollegen, -freunde und wichtige Weggefährten in einer Gruppenausstellung vereint. Die Skulptur von Rebecca Stephany, dieses mit Stroh ausgestopftem Ding, das auf fragilen Rehbeinen mit Gummiknoten an stilisierte Langlaufskier gebunden im Raum steht, ist hinreißend in seiner ausbalancierten Leichtigkeit, irgendwo pendelnd zwischen menschlicher Figur und zufällig entstandener Form. (Bis 14. Mai)

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Galerie fiebach, minninger

Auf dem Weg passiert:
Julia Bünnagels minimalistisches Soundpiece Neon Noise, das man im Vorbeigehen durch Scannen eines QR-Codes anhören kann, und mit dem kurzerhand das ganze Fenster des Sightfensters gepflastert wurde. Nicht zu übersehen am Hansaring.

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Neon Noise

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Neon Noise

Bruch & Dallas, wo Sebastian Freytag und Lars Breuer die Wände der U-Bahnstation unter der Ebertplatzpassage mit ihren charakteristischen rot-orangenen Kacheln in den Ausstellungsraum zurückholen, als Fototapete. Ein Transitort und Zwischenraum mit ungewissem Ausgang, so wie der gesamte Ebertplatz, Sinnbild gescheiterter Stadtplanungs-Utopie. (Bis 14. Mai)

Zuzanna Czebatul bei Schmidt + Handtrup, die ihre bonbonfarbenen Rauminstallation A Fruity Mechanical Treat zwischen LSD-Trip, Comicwelt und trashigen Spielcasinos ansiedelt. Die Idee für den psychedelischen Teppich, auf dem unter Mickey Maus-Händen und Pilzen die Worte CASH, JIZZ, MEGA oder NOW vor den Augen fast zu blinken beginnen, ist tatsächlich Casinos entnommen, wo solche das Auge beißenden Muster die Spieler wach und stimuliert halten sollen. An den Wänden sleek-schöne Monstera Deliciosa-Blätter, die als reine Form isoliert gleichzeitig schickes Wohnaccessoire und Ikone der Moderne sind – Matisse konnte nicht von ihnen lassen. Im Casino (oder in Wartezimmern) erfüllt die Pflanze vor allem eine Funktion: hässliche Kabel und Elektronik in den Ecken unter ihren ausladenden Blättern verschwinden zu lassen. (Bis 23. April)

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The Silent Kingmaker (Detail) 2016, Epoxidharz, Pigmente, Stahl, Lack / Epoxy resin, pigments, steel, lacquer 118 x 42 x 42 cm, Fotografie / Photograph: Simon Vogel

Geskippt: Andro Wekua im Kölnischen Kunstverein, gefühlt trotzdem gesehen, was an den omnipräsenten rosa Jutebeuteln im Stadtbild liegen mag, oder den auf Instagram kursierenden Ausstellungsfotos, die man genau so vor 2 Jahren bei Sprüth Magers in Berlin hätte knipsen können.

Die schönste Einladung der Woche führt zu Hospitality, einem Projekt von und bei Carla Donauer, die zum zweiten Mal für eine Woche ihre Wohnung fünf ausgewählten Künstlern überlässt. Jedes Zimmer von shared flat ist ein kleiner, fein konzipierter Ausstellungsraum. Nicht mal das Bad bleibt von Kunst verschont, aber die nass-in-nass gemalten Ölbilder von Seth Pick könnten auch nicht passender platziert sein als dort auf den Kacheln. Im Schlafzimmer haben Florian Auer und Mark Walker in Bleifussbälle gepflanzte Büropflanzen arrangiert, die das Raumklima positiv beeinflussen sollen. Den Spaß, einen Spiegel mit geschmolzenen Virtual-Reality-Brillen direkt über dem Bett zu platzieren haben sie sich in der speziell für „in the bedroom“ konzipierten Arbeit nicht nehmen lassen.
Im Flur lehnt lässig ein Wischmopp an der Wand, dem Kasia Fudakowski ein Gesicht und grinsende Zähnchen verpasst hat. Ein kleines Highlight der Messewoche: ihr inszeniertes Video Sexistinnen, das in Zusammenarbeit mit ihrer Galeristin Jennifer Chert auf der Art Basel 2015 entstanden ist. Alles, was bei einem Messe-Aufbau schief gehen kann, geht schief – die Prints falsch geliefert, den passenden Adapter nicht dabei, als die Jury ihre Previewrunde dreht und die Videoarbeit sichten möchte, die fragile Skulptur kippt um, und als wäre alles nicht dramatisch genug, Zurechtweisungen von einer Galeristin mit Oberlehrer-Attitüde. Die versteckte Kamera hätte es nicht besser einfädeln können. Exercises in Self-Sabotage lautet der Untertitel der Arbeit, die, um noch eins drauf zu setzen, „im Eimer“ auf einem Tablet präsentiert wird. So eine Portion Lässigkeit konnte man in dieser Woche gut gebrauchen.
(Hospitality ist noch bis 22. April zu sehen, Voranmeldung unter www.hsptlty.com).

Leonie Pfennig

 

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Florian Auer, Mark Walker

Florian Auer

Florian Auer

Johann Arens

Johann Arens

Kasia Fudakowski

Kasia Fudakowski

Kasia Fudakowski

Kasia Fudakowski

Mark Walker

Seth Pick