Moritz Scheper – Review – Ulrich Wulff @Truth & Consequences

Eigentlich ist es beinahe kitschig, dass Genf mich mit einem katastrophalen Regentag mitten im Sommer empfängt, als ich mir Ulrich Wulff’s Ausstellung bei Truth & Consequences anschauen will. Kitschig, weil Wulff mit „Brothers“ den ausgefallenen Sommer von 1816 (nach einem Vulkanausbruch in Indonesien war das Wetter weltweit irritiert) aufgreift, der in Genf bekanntlich besonderer Blüten trieb: Dort hatten sich  Lord Byron, Percy Byssehe Shelley, seine Verlobte Mary Godwin sowie John Polidori über den Sommer in der Villa Diodati eingemietet. Wegen des schlechten Wetters ans Haus gefessel und vom Laudanum benebelt, beschlossen sie, der Langeweile mit dem Schreiben von Schauermärchen abzuhelfen. Heraus kamen Polidoris Klassiker „Der Vampyr“ und Mary Shelleys noch berühmterer „Frankenstein“.

Schwarze Romantik ist nicht unbedingt das, woran man bei Ulrich Wulff’s spitzbübischen, cartoonesken Bildern denkt, die statt Monstern der Pierrotfigur als Metapher für die Malerei im Medienzeitalter – stumm, bemitleidenswert und daher schon wieder sympathisch – die Stange hält. „Brothers“ macht da keine Ausnahme, die gemalten Figuren haben samt und sonders Clownsnasen, was inzwischen Signum von Wulffs figurativen Arbeiten geworden ist. Motivisch lehnt das großformatige „Probe-Raum“ (2017) zunächst am offensivsten an den Literaturgeschichte gewordenen Vorgängen in der Villa Diodati. Innerhalb eines in Rostrot aufgelösten Raum schweben vier Gestalten, deren Körper teilweise nur halb im Bildraum stecken.  In einem Fall schält sich lediglich der Kopf aus dem Hintergrund, wobei die rote Nase zurückzubleiben scheint. Die perspektivischen Verzerrungen des wuchtigen Tisches in der Bildmitte lassen direkt an die okkulten Experimente der gelangweilten englischen Romantiker denken.

Während diese Arbeit eher typisch für Wulff ist, kommt „The White Elephant“ (2017) aus einer gänzlich unerwarteten Richtung. Sehr flächig in gedeckten Farben gemalt, zeigt sich darauf die abstrahierte, totemisierte Version eines Elefantenkopfes. Die geometrisch geglättete Formgebung wirkt leicht hypnotisch, erst recht im Verbund mit der unaufgeregten Kombination aus stumpfem Beige, Himmelblau und Pastellorange. Der Gedanke an Opium schwangere Stunden drängt sich auf, doch noch eher lässt sich das Bild als eine Art gemaltes Idiom  aufschlüsseln. Schließlich ist ein „White Elephant“ nach Merriam Webster „a property requiring much care and expense and yielding little profit“ – ein Schelm, wer Malerei dabei denkt. Demnach steht heute jede/r Malende/r den eigenen weißen Elefanten gegenüber wie Viktor Frankenstein seiner misslungenen und hässlichen Schöpfung, die bei Lichte betrachtet auch nichts anderes als ein white elephant ist. Zumindest lässt  ein weiteres Großformat, „Brothers (Le Voisin est la Vision)“ (2017) , diesen Schluss zu. Darin konfrontiert Wulff, auf dem Hintergrund des abstrahierten Elefantenkopfes, diesmal farblich dramatisch umgesetzt, Schöpfer und Kreatur miteinander in einer mitternächtlichen Begegnung. Letztere nur zart mit Malkreide aus dem Weiß der Leinwand gezogen, der Schöpferclown hingegen sauber definiert und mit einem Museumssockel als Körper, der ihn wohl von der Flächigkeit der Kreatur (die, das Bild ist, um im selbigen zu bleiben) absetzen soll. Beide schreien vor Schreck, was zu Ende gedacht unglaublich witzig, schließlich sind nicht nur Malereien klischeehaft, unnötig und blöd, sondern ebenfalls die meisten Betrachter, auf welche die Bilder zurückschauen.

Neben „The White Elephant“ wartet „Brothers“ noch mit einem weiteren ins Bild gerücktem Idiom auf. Für „Bananas (April, May, June 23rd)“ (2017) wurden drei Plastikabgüsse von Bananen auf  monochromen Grund montiert wurden, die laut Galerist eine Allegorie auf den geschwungenen Strich sind, mit dem Wulff immer wieder bei der Clownsfigur landet. Füße hoch, Witz kommt flach! Wulff wegen solcher Kalauer jedoch als ironiesatten, pointendreschenden Malerpinselschwinger abzulegen, läuft hingegen fehl. Vielmehr reflektieren seine Bilder permanent diese ach so bescheuerte, nutzlose  und vergebliche Praktik Malerei, die wir wider besseren Wissens so gern haben. Die zwar tausendfach korrumpiert und desavouiert ist, uns aber irgendwie doch noch etwas mitzuteilen hat, auch wenn wir das Was? und Wie? nur schwer verbalisieren können. Genau da fädelt „Brothers“ mit einer Malerei ein, die es gleichermaßen mit dem Idiotischen und Idiomatischen, immer mit dem Ziel, der verkrüppelten Rede über sie sprachliche Krücken zu reichen. Wobei nicht genug hevorgehoben werden kann, dass Wulff dabei komplett ohne Didaxe auskommt. Auf eine kaschierte Weise sind seine Arbeiten sogar sentimental, was ihnen – dem Pierrot nicht unähnlich – allerdings ausschließlich zum Positiven gereicht.

(MORITZ SCHEPER)

Truth and Consequences
7 boulevard d’Yvoy
1205 Geneva
Switzerland

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