Nemo Nonnenmacher – „Prototypen“

Als Prototyp versteht man traditionellerweise eine Vorab-Version. Ein technisches Modell, welches zwar voll funktionsfähig ist, aber dennoch in vereinfachter Form ausgeführt wurde. Es simuliert die Realität des wirklichen Gegenstandes. An ihm werden ästhetische Vorstellungen materialisiert und Funktionsweisen erprobt und geprüft.

Prototypen lautet auch der Titel der Ausstellung von Nemo Nonnenmacher in der Schleuse der Opelvillen in Rüsselsheim. Rosafarbene Blätter reihen sich aneinander wie Puzzleteile und füllen die gesamte Wand des Ausstellungsraums. Die Schleuse ist kein einfach zu bespielender Ort, da er sich schlauchartig in die Länge erstreckt und durch eine schwarze Bank aus Marmor geteilt wird. Mit seiner Arbeit yet to be titled (prototype) geht Nonnenmacher jedoch genau auf diese Schwierigkeit ein. Aus 500 Einzelsegmenten schafft er eine Installation, die die neun Meter lange Wand komplett ausfüllt. Der Betrachter ist zunächst dazu verführt das Bild in einer Einheit wahrnehmen zu wollen, doch scheitert er daran. Yet to be titled (prototype) kann nur wahrgenommen werden, wenn der Betrachter selbst körperlich aktiv wird, den Raum langsam abschreitet und dabei Blatt für Blatt mit dem Blick abtastet. In gleicher Weise wie das Auge versucht einen Zusammenhang zwischen den 500 Einzelsegmenten zu finden, geht auch der Körper-Scanner vor, mit dem der Künstler arbeitet. Aus unterschiedlichen Perspektiven wird der Körper fotografisch festgehalten, um im Anschluss daran, aus diesen Fragmenten durch die 3D-Scansoftware am Computer eine Einheit zu bilden. Die Software übersetzt somit unsere physische Realität in eine Form von digitaler Materialität. 
Man erkennt auf den rosafarbenen Papierbögen wenig was noch an ein Körperteil erinnern würde. Vielmehr erscheinen die gesprayten Pigmente auf ihnen wie abstrakte Formen, die sich von der Mitte heraus weiter aufzulösen scheinen. Es wirkt als ob gerade jene Teile gelöscht wurden, die das Identifizieren des Körperteils vereinfachen würden – lediglich die fleischige Farbe weckt Assoziationen. Anders verhält es sich bei dem gegenüberhängenden Print Torso I/II. Verweist der Titel schon auf den Oberkörper ohne Gliedmaßen, lassen sich hier mehr Anknüpfungspunkte finden, die an solchen erinnern. Gleichermaßen scheint das Format der Arbeit unseren Umgang mit den neueren digitalen Errungenschaften widerzuspiegeln. Der C-Print Druck im Hochformat erinnert durch sein Format an einen Tablet-Computer und ist auf Augenhöhe gehängt. Die darauf abgebildeten Linien und Formen wirken wie Gesten, die man darauf vollzogen hat – Spuren eines sanften Wischens auf der glatten Oberfläche des Hochglanzdrucks, die in bloßer Zufälligkeit an einen Torso denken lassen. Lediglich das Festhalten an der Technik des Druckes auf Papier scheinen den digitalen Reproduktionsmechanismen entgegen wirken zu wollen. Prophezeite Walter Benjamin Ende der 30er Jahre noch den Aura-Verlust des Kunstwerks durch die Erfindung der Fotografie, führt Nonnenmacher diesen Gedanken ab absurdum und erweitert den Bildbegriff.

Nemo Nonnenmacher, der derzeit Fotografie am Royal College of Art in London studiert, öffnet mit seinen Arbeiten das facheigene Medium, indem er wie ein Bildhauer sein Material modelliert bzw. modellieren lässt. Während Künstler wie Alberto Giacometti noch selbst Hand anlegten, entwickelte sich diese Produktion sehr bald weiter, sodass Jeff Koons seine Skulpturen nur noch maschinell von externen Firmen erstellen lässt. Die schaffende Hand des Künstlers verschwand also nach und nach aus der Geschichte der Kunst. Was passiert jedoch, wenn nicht nur die Hand verschwindet, sondern überhaupt jegliche Form der Berührung? Nemo Nonnenmachers Arbeiten zeigen genau diesen Transfer auf. Indem der Künstler selbst den Computer zwischen sich und sein Werk stellt und dieser nur noch scannt anstatt zu tasten oder zu berühren, entsteht eine Distanz zum Gegenstand. Das Objekt wird nur noch angeschaut, beobachtet, studiert, um vom Künstler schließlich in Fragmente zerstückelt und zerstört zu werden. Prototypen sind in dieser Ausstellung keine Vorab-Versionen, sondern ein Nachher, indem sie uns zeigen, was aus dem Körper geworden ist, als man ihn auf den Operationstisch des digitalen Zeitalters setzte.

Text: Carina Bukuts

 

Nemo Nonnenmacher, Ausstellungsansicht „Prototypen“, Copyright Frank Möllenberg

Nemo Nonnenmacher, Austellungsansicht „Prototypen“, Copyright Frank Möllenberg

Nemo Nonnenmacher, yet to be titled (prototype), 2017, Giclée Print auf Vinylpapier, 500 Einzelsegmente, 270 cm x 891 cm, Copyright Nemo Nonnenmacher

 

Ausstellung in der SCHLEUSE
Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim
Nemo Nonnenmacher
„Prototypen“
Kuratiert von Katrina Weissenborn
23. April bis 28. Mai 2017
Ludwig-Dörfler-Allee 9
65428 Rüsselsheim am Main