Olaf Metzel „Plattenbau“ – Rückblick von Laura Helena Wurth

Olaf Metzel – Plattenbau, installation view, Wentrup, Berlin, 2017, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Photo: Trevor Good

Wie zufällige Ansammlungen von Metallschrott befinden sich Metzel’s dreidimensionale Arbeiten, auf den ersten Blick, in der Galerie Wentrup. Sie wirken scharfkantig, bruchstückhaft. Metzel zwingt, durch die Deformierung seiner Gebilde, von ausgetrampelten Pfaden abzuweichen und neue Wege der Betrachtung und Einordnung zu gehen. Seine sehr präzisen Arbeiten entziehen sich konstant der kompletten und damit eindeutigen Ansicht des Betrachters. In den zerknüllt wirkenden, groß angelegten, Metallskulpturen vermutet man immer ein dahinter. Ein Eigenleben, das im Inneren, ganz ohne das Wissen, nur in einem fast unterbewussten Erahnen, des Betrachters, vor sich hergeht. Aus diesem Aspekt speist sich die Autonomie der einzelnen Objekte. Jedes trägt in sich noch ein Geheimnis, das es dezidiert nicht zu lüften gilt. In den geknüllt anmutenden Falten, der Metallarbeiten, tun sich ganze Welten auf, ja bekommen die Arbeiten fast etwas organisches. Dieses Nichtwissen ist es, was Metzels Skulpturen so anziehend macht – die Leerstelle, die große Kunst von reiner Illustration unterscheidet. Die Skulpturen geben nie alles preis und verleihen so, diesem doch recht industriell erscheinenden Werk eine Poesie, die sich durch die gesamte Präsentation zieht. Eine Zartheit die, die Idee als solche vor der Realität errettet.

Wenn man den Aufbau der Ausstellung als Gesamtes sieht, erkennt man, dass sich die Werke an der Wand, wie ein Tornado, immer weiter hochschrauben. Die Arbeit Plattenbau, titelgebend, im Auge des Wirbelsturms gibt nicht nur Titel, sondern auch auch Thema der Ausstellung vor: Der Traum vom sozialen Bauen. Aber noch viel mehr geht es um den Traum davon, das Leben der Menschen durch Architektur, reell zu beeinflussen. Das Verdichten von Lebensraum, als das Ergebnis des Verdichtens von Gedanken.
Metzel hat sich ganz unterschiedlichen Ideen und Konzepten des Bauens angenommen und nimmt den Betrachter mit, auf eine Erkundung durch die verschiedensten Milieus. Den Plattenbau, das Kottbusser Tor, den Lafayette Park, das Whitney Museum, den Broadway, ein Gedankenschloss von Lucio Costa in der Realität und den Palais Bulles. Alle landen schlussendlich in der Trashcan – es ist das Augenzwinkern, das Metzel einem in diesem Moment zurückgibt. Es zeigt die Ausweglosigkeit der Utopie, die in der Realität immer zum Scheitern verurteilt ist, auf der einen Seite, aber auch, dass zur Utopie immer Phantasie gehört und, dass die eben auch mal für die Tonne sein kann.

Olaf Metzel , „Plattenbau“, 2016 , 303 x 275 x 205 cm / 119 1/3 x 108 1/4 x 80 2/3 in, Aluminium, Edelstahl, Digitaldruck, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Photo: Leonie Felle

Olaf Metzel , „Kottbusser Tor“, 2017 , 267 x 230 x 140 cm / 105 x 90 1/2 x 55 in, Aluminium, Edelstahl, Digitaldruck, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Photo: Leonie Felle

Olaf Metzel , „Lafayette Park 1 (Mies van der Rohe)“, 2016 , 180 x 70 x 45 cm / 70 3/4 x 27 1/2 x 17 3/4 in, Aluminium, Edelstahl, Digitaldruck, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Photo: Leonie Felle

Olaf Metzel , „Broadway / W 54th St (1)“, 2016 , 91 x 142 x 42 cm / 35 3/4 x 56 x 16 1/2 in, Aluminium, Edelstagl, Digitaldruck, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Photo: Leonie Felle

Olaf Metzel , „Whitney“, 2016 , 168 x 150 x 32 cm / 66 1/4 x 59 x 12 2/3 in, Aluminium, Edelstahl, Digitaldruck, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Photo: Leonie Felle

Olaf Metzel , „Lúcio Costa (1)“, 2016 , 150 x 105 x 70 cm / 59 x 41 1/3 x 27 1/2 in, Aluminium, Edelstahl, Digitaldruck, roter Marmor, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Photo: Leonie Felle

Olaf Metzel , „Palais Bulles“, 2016 , 250 x 157 x 55 cm / 98 1/2 x 61 3/4 x 21 2/3 in, Aluminium, Edelstahl, Digitaldruck, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Photo: Leonie Felle

Der große Raum der Galerie Wentrup ist komplett von Metzels Arbeiten eingenommen und dominiert. Und um Raum und das Einnehmen davon geht es im weitesten Sinne auch recht konkret in den einzelnen Arbeiten. Platz ist seit einigen Jahren rares Gut in Berlin. Die ewig selbe Leier von steigenden Mieten dekoriert mit den Schlagworten Gentrifikation und Verdrängung. Es ist ein weites Feld, das man dort beackern könnte und vielleicht auch müsste. Die Cuvry Brache ist an Zalando verkauft worden und eine Weile bangte man auch um das, jetzt an die Gewobau verkaufte, Neue Zentrum Kreuzberg. Lange war die Zukunft des Ortes, der trotz seiner Probleme und seines zu recht schlechten Rufes, Heimat für viele ist, ungewiss. Die Transparente mit „Wir bleiben!“ Slogans hängen immer noch zwischen den Sattelitenschüsseln, die das Gebäude so markant zeichnen und erzählen von der Angst seiner Bewohner, vor dem Verlust ihres Platzes, auch innerhalb der Gesellschaft. Mittendrin und doch ganz am Rand.
Im Angesicht dieser Tatsache wirkt die Arbeit Kottbusser Tor von Metzel nur umso relevanter. Das Kottbusser Tor ist gleichsam Synonym für Staatsversagen und Parallelgesellschaft sowie Freiheit und multikulturelles Miteinander. So ist es auf gar nicht so subtile Art bezeichnend, dass die Arbeit nicht in der Galerie steht, sondern davor. Olaf Metzel nimmt die Merkmale dieser signifikanten Plätze und fertigt aus deren Essenz seine gefalteten, zerknüllten, Skulpturen. Das Zerknüllen ist in diesem Fall nicht als Akt des Wegwerfens zu lesen, sondern vielmehr als Neuformation des Materials. Durch das Zerknüllen wird deutlich, dass es sich auch bei einem Gebäude immer nur um die Ideen und Erwartungen eines Menschen handelt, die sich dort dann real akkumulieren. Das Zerknüllen und Deformieren auch als demokratischer Akt des Gleichmachens. Der Broadway wird genauso behandelt, wie Lucio Costa, oder der Plattenbau. Es wird kein Unterschied gemacht. So aufgereiht, lassen sich die Orte in Ruhe betrachten, vergleichen und verhandeln.

Olaf Metzel – Plattenbau, installation view, Wentrup, Berlin, 2017, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Photo: Trevor Good

Olaf Metzel – Plattenbau, installation view, Wentrup, Berlin, 2017, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Photo: Trevor Good

Olaf Metzel – Plattenbau, installation view, Wentrup, Berlin, 2017, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Photo: Trevor Good

Olaf Metzel – Plattenbau, installation view, Wentrup, Berlin, 2017, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Photo: Trevor Good

Den von Mies van der Rohe gestalteten Lafayette Park wurde von Metzel auf seine Essenz reduziert und einmal durchgewirbelt, um bei der Figur des Wirbelsturms zu bleiben. Der Lafayette Park wurde in den 50ern von van der Rohe angelegt, jetzt hat Metzel ihn in seiner üblichen Manier zusammengefaltet und großflächig an der Wand angebracht.
Von einer ganz anderen Warte nähert sich der Palais Bulles dem Thema des Bauens. Da geht es nicht um sozialen Wohnungsbau, oder öffentlich, gemeinsam genutzten Raum. Das Haus, das später von de Designer Pierre Cardin gekauft wurde, entspringt der Phantasie des Ungarn Antii Lovag, der den Bewohnern seiner Blasenpaläste durch die organische Form zu einer höheren Lebensqualität, an der Cote d’Azur verhelfen wollte. Schon wieder der Gedanke, dass die äußere Form des Lebens, die Innere maßgeblich beeinflusst. Spielerisch zerknüllt wird das Konstrukt, das diesen öffentlichen Orten zugrunde liegt, durch Metzels Skulpturen, aufgedeckt. Die Idee muss sich mit der reellen Umsetzung konfrontiert sehen, die durch Metzels Arbeit, noch eine weitere Ebene erfährt. Auch Lucio Costa’s Visionen, der einst die Reißbrettstadt Brasilia erdachte, werden von Metzel aufgelöst und zerknüllt. Wie ein Notizzettel, der verworfen wurde, thront die Arbeit auf einem Sockel. Die verworfene Idee zum Ideal erklärt. Eine flüchtige Figur, die sich durch das Material doch fest formiert. Der Kontrast zwischen der leicht wirkenden Form und dem Material geben die Möglichkeit, über das Gezeigte hinaus zu denken. Das Fortführen und Überführen von Ideen in die Realität. Die Abstraktion dessen was wir sehen, als Möglichkeit den Traum und die Utopie mit dem realen Ergebnis abzugleichen. Distanz als Werkzeug dafür. Das Bewusstsein, dass alles von Menschen Erdachte, sich sobald es den dunklen Gedankenraum verlässt immer dem Urteil der Realität stellen muss, gibt dem Betrachter die Kontrolle über das Gesehene zurück. Er kann sich, dank der geschaffenen Distanz, wieder einen Überblick verschaffen.
Informationsmengen, werden von Metzel gebündelt, und auch der Mut zur Leerstelle, gibt dem Betrachter den Freiraum, über seinen eigenen Blick zurück. Metzel, 1952 geboren, beschäftigt sich damit mit einem hochaktuellen Thema, das weit über die großen Ballungsräume hinausweist und Architekten, Stadtplaner und Bewohner von Städten gleichermaßen betrifft.
Das am Ende des Orkans die Arbeit Trashcan steht, kann man als Augenzwinkern lesen, muss man aber nicht.

Olaf Metzel , „trash can“, 2016 , 145 x 78 x 25 cm / 57 x 30 2/3 x 9 3/4 in, Aluminium, Edelstahl, Digitaldruck, Courtesy the artist and Wentrup, Berlin Photo: Leonie Felle

 

Text: Laura Helena Wurth

 

Wentrup Galerie
Olaf Metzel
Plattenbau
29.04.2017- 17.06.2017
Tempelhofer Ufer 22
10963 Berlin-Kreuzberg