OMNIBUS 3000 – Ein Text von Sebastian Späth

Ich ärgere mich, dass es in unserer Sprache – wenn wir ein Wort benutzen – nicht möglich ist, den Unterschied sichtbar zu machen, zwischen dem Fall, dass es einem sofort in den Sinn gekommen ist und dem Fall, dass man es sich – um etwas über das Kunstwerk zu sagen – erst hätte einfallen lassen müssen.
Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass ich auf den Vergleich mit „Tempel“ und „Altar“ – die beiden sind überhaupt der ganze Anlass für den Ärger – auch gekommen wäre, wenn der erste Ausstellungsraum mit seinen Exponaten nicht diese dermaßen überwältigende Wirkung auf mich gehabt hätte. Aber ich kann nichts dagegen unternehmen, dass sich das Naheliegende und das Zutreffende manchmal einfach nicht voneinander trennen lassen.
Denn der erste und gleichzeitig größte Raum der Münchner „Galerie der Künstler“, die sich im Erdgeschoss des (von der Maximilanstraße aus gesehen) linken Seitenflügels des alten Nationalmuseums befindet und dem Berufsverband Bildender Künstler München und Oberbayern in Nachfolge der Königlich Privilegierte Künstlergenossenschaft zur Verfügung gestellt wurde, sieht ohnehin aus wie das Innere eines Tempels: sehr, sehr hohe, nach oben gewölbte, bemalte Decken und zwei Paar seitliche Stützpfeiler, die ihn in drei Abschnitte teilen.
Dabei weiß man doch eigentlich, dass es bei Kunst nicht darauf ankommt, was man sieht, sondern was sich im Kopf abspielt.
Das kann ich nur bekräftigen: Das erste Exponat, das zwar nicht das einzige im Raum ist, neben dem alle anderen aber kaum zur Geltung kommen, hat mir das Gefühl gegeben, mich in einem Heiligtum zu befinden.
Es handelt sich dabei um eine Bank, die aber genauso gut ein Altar hätte sein können, die sich über die gesamte Länge des Raumes erstreckt und zu beiden Seiten Sitzflächen aufweist, die wie bei einer Carrera-Bahn vorne und hinten über eine Kurve miteinander verbunden sind.
Ich fühle mich verloren und klein. Dabei besitzt sie doch eigentlich genau die richtige Höhe, dass sie einen einlädt auf ihr Platz zu nehmen. Dennoch ist sie überdimensioniert: 4 Tonnen Beton, Holz und Stahl.
„Omnibus 3000“, so nennt sich auch das Künstlerkollektiv (Fabian Ketisch, Marco Miehling, Michael Mieskes, Catalin Pislaru, Patrick Ostrowsky) ist also die Art von Ausstellung, die man allein schon gesehen haben muss, weil sie einen in eine völlig andere Welt mitnimmt.
So kommt es, dass ich die ganze Zeit über das Gefühl habe, von irgendwo müsste nun eine riesenhafte Figur hervortreten, in deren Welt diese Bank gehört, die mich aber nicht wahrnimmt, sodass ich ihrem Auftauchen einfach bloß zuschauen könnte – zwar festgefroren vor Erstaunen, aber ohne etwas befürchten zu müssen.
Die Atmosphäre einer Bahnhofswartehalle, die die Künstler intendiert haben, schafft es hingegen nicht zu mir durchzudringen.
Wenn sie davon sprechen schüttele ich, um dieses künstliche Biotop zu schützen, das sie ja selbst geschaffen haben, automatisch die Gedanken ab von eingetrockneten Kaugummis, die so gar nicht mehr an das erinnern, was man mal in den Mund genommen hat und Männern in Anzügen, wegen denen ich den Kopf schüttele, weil sie funktionale Jacken und Sportsocken dazu tragen – was typisch deutsch ist.
Wie in mir bekannten Kirchen gibt es ganz hinten einen Zugang zu einem weiteren Raum, in dem sich für gewöhnlich Pfarrer und Messdiener umziehen würden, dem man vom Eingang aus aber nicht sehen kann, damit nichts vom Altarraum ablenkt.
Zwar wird man darin noch immer von allem überragt – einem Erdhaufen, einem Bild als Garagentor – fühlt sich aber auf einmal nicht mehr so klein, weil die Decken nur noch so hoch sind, dass darin kein riesenhaften Figuren mehr Platz haben – nur noch Träger funktionaler Jacken und Eltern, die ihre Kinder in Tragetüchern vor der Brust mit sich herumführen: Alle, die man sonst so auf einer Kunstausstellung findet, sich aber im Raum vorher, nicht hätte vorstellen könne, weil er für Skulpturen gemacht zu sein schien.
Das ist aber nicht die einzige Veränderung, denn da man den Raum über eine Treppe betreten muss, befindet man sich auf einmal eine Ebene über dem mit der Bank und stellt fest, dass man in Wirklich auf einem U-Bahn-Gleis war und umsonst die Vorstellung eingetrockneter Kaugummis und Männern in Anzügen mit funktionalen Jacken abgeschüttelt hat.
Der letzte Raum funktioniert nach dem Prinzip eines Themenparks, die Wirklichkeit und die Größenverhältnisse werden auf schaustellerische Art und Weise verzerrt und aufgehoben: Die Wand, die man im Rücken hat, wenn man sich hineinbegibt wird von zwei Stützpfeilern gehalten, die mit ihr zu einer Art riesigem Prellbock verschmelzen.
Was ist hier gelungen? Drei Arten des Staunens: Erstens über das Überirdische, das einen die Zeit hat vergessen lassen, das Staunen darüber, was ein Einzelner so alles hervorbringen kann – also Kunst und Musik – und drittens darüber, was wir als Menschheit überhaupt alles in der Lage sind zu schaffen, wie Animationsfilme oder Raketenstarts.

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Text: Sebastian Späth
Credits: Omnibus 3000

Galerie der Künstler
Maximilianstraße 42
80538 München

Mi, Fr bis So 11-18 Uhr, Do 11-20 Uhr