Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter

„Hört auf zu malen“ schrieb der Beuys-Schüler Jörg Immendorff 1966 auf eines seiner Bilder, das Motiv, unter anderem ein Filzhut, durchkreuzte er mit dickem Pinselstrich. Und begann dann seine lange und erfolgreiche Karriere als Maler. In der Ausstellung „Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ im Museum Brandhorst in München ist diese Arbeit nun als eines von mehr als 230 Werken von 107 Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlicher Generationen zu sehen. Und das ambivalente, reflektierende Verhältnis des Künstlers zu seinem Medium ist programmatisch für diese ambitionierte Ausstellung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, unterschiedliche Strömungen der Malerei seit 1960 einer Revision zu unterziehen und sie neu und umfassend zueinander in Beziehung zu setzten. Zentral für das kuratorische Konzept ist die Frage nach der Bedeutung der Malerei als adäquate Ausdrucksform in Zeiten von Populärkultur und massenmedialer Bild- und Warenzirkulationen.

„Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ stellt die reflexive Auseinandersetzung und die Reaktion der Malerei auf die veränderten mediale Bedingungen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Fokus. Angesichts der Dominanz der kommerziellen und technologischen Bilder durch Medien wie das Fernsehen, die allgegenwärtige Werbung und Popkultur und schließlich durch das Internet sah und sieht sich die Malerei in den USA und in Europa in ihrer Legitimität bedroht. Warum also überhaupt noch malen? Als Reaktion auf diese neuen Bildökonomien begannen Künstler nicht nur deren Wirkungsmechanismen zu hinterfragen, sondern sich diese offensiv anzueignen und bewusst in die eigene Arbeit zu integrieren. Die Ausstellung setzt lange vor der Digitalisierung und der Bilderflut des Internet ein – mit Pop Art und dem Nouveau Réalisme, Strömungen die sich erstmals der neu aufkommenden kommerziellen Bildsprachen bedienten und begannen, die Malerei auch formell und konzeptuell zu öffnen. Die Ausstellung „Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ versucht diesen Entwicklungen einer erweiterten und integrativen Malerei bis in die Gegenwart zu folgen und sie in einem eklektischen Kanon zu kontextualisieren.

Network Painting, Agit-Prop-Protestmalerei, Kapitalistischer Realismus, Feministische Kollektive. Posen, expressive Gesten und konzeptuelle Prozesse. Auf den drei Stockwerken des Museum Brandhorst präsentiert „Painting 2.0“ eine überwältigende Bandbreite unterschiedlicher malerischer Positionen der letzte fünfzig Jahre: Joseph Beuys, Andy Warhol, Gerhard Richter, Maria Lassnig und Martin Kippenberger. Nicole Eisenman, Seth Price, Leidy Churchman, Jana Euler und Kerstin Brätsch um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Die von Achim Hochdörfer, David Joselit und Manuela Ammer kuratierte Ausstellung zelebriert genussvoll die Freiheit einer Malerei, die heterogen ist, frei von einer einengenden Medienspezifität, oft losgelöst von den Zwängen der Leinwand. Mal rotzig-trotzig, mal naiv. Prozessual und gestisch. Wütend und verletzlich. Von Niki de St. Phalles „Schiessbildern“ bis zu den zarten, prothetischen Körpern von Maria Lassnig. Die drei Kuratoren schaffen neue Zusammenhänge, setzen Schwerpunkte und formulieren gemeinsam einen Vorschlag für eine Geschichte der westlichen Malerei. In drei eng miteinander verknüpften Sektionen widmen sie sich historischen, formalen und theoretischen Fragestellungen.

„Vorsprung durch Kippenberger“ – In der Eingangsebene empfangen den Besucher großformatige Bilder aus der Serie „Heavy Burschi“ von 1989/90. Kippenberger hatte seinen damaligen Assistenten angewiesen, aus Archivmaterial eine Bildserie zu gestalten. Diese Bilder wurde erst fotografiert und dann in Originalgröße reproduziert. Die Vorlagen wurden zerstört. Der Container mit den Überresten der Originale steht im Museum Brandhorst unterhalb der bis unter die Decke des Eingangsbereichs gehängten Bilder. Original und Kopie, Autorenschaft und Geste. Prozess und Schauspiel. Kippenbergers durchaus humorvolle Arbeit setzt den Ton für das erste Kapitel der Ausstellung. Unter dem Motto „Geste und Spektakel“ werden malerische Strategien präsentiert, die sich offensiv mit den medialen und gesellschaftlichen Veränderungen einer „Spektakelkultur“ auseinandersetzen und sich an ihr reiben. Zeichnet sich die Protestmalerei der 1970er-Jahre noch durch eine konkret formulierte System- und Gesellschaftskritische Haltung aus, werden ein Jahrzehnt später die Codes und Bildräume der Populärkultur in die Malerei bereits integriert, wie bei Keith Harings „Subway Drawings“. In Albert Oehlens „Auch Einer“ von 1985 steckt ein Hirsch im blauen Businessanzug, das Maul zum Schrei geöffnet. Traurig und eindringlich blickt der vom Kapital domestizierte den Betrachter an, sein Geweih ist gestutzt. Die 1990er und 2000er Jahre zeichnen sich durch die rapide technologische Entwicklung aus, die digitale Bildsprache wird von den Künstlern in ihre malerischen Ansätze integriert, die Malerei dadurch nicht geschwächt, sondern ergänzt. Und auch die Marktmechanismen der zunehmend liberalisierten Wirtschaftssysteme finden ihren weg in die Malerei, wenn KünstlerInnen wie Isa Genzken oder Wade Guyton die Geld- und Warenkreisläufe der Kunst thematisieren.

 

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Museum Brandhorst (Erdgeschoss), Mit Werken von Martin Kippenberger, Yves Klein und Niki de Saint Phalle, Foto: Haydar Koyupinar © Museum Brandhorst

 

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PAINTING 2.0: MALEREI IM INFORMATIONSZEITALTER, Albert Oehlen (*1954), Auch Einer, 1985, Öl und Lack auf Leinwand, 220 x 186 cm, Foto: Lothar Schnepf, © Albert Oehlen

 

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PAINTING 2.0: MALEREI IM INFORMATIONSZEITALTER, Isa Genzken (*1948), Wind II (Michael Jackson), 2009, Kunststofffolie, Farbdruck auf Papier, Spiegelfolie, Sprühfarbe, Plexiglas, Klebeband und Metall, 174 x 230 cm, © Galerie Buchholz, Berlin/Cologne/New York

Um Kreisläufe und Verbindungen geht es auch im Untergeschoss der Ausstellung. Präsentiert werden Arbeiten die sich direkt oder indirekt mit dem Konzept einer „Netzwerkgesellschaft“ auseinandersetzen. Das Kapitel „Soziale Netzwerke“ beschränkt sich nicht auf Malerei in Zeiten der Social Media sondern zeichnet eine Geschichte künstlerischer Gemeinschaften, die, mal lose, mal eng, Kunst und sozialen Austausch, auch in Opposition zum Mainstream, miteinander verweben: Warhols „Factory“, die Aktionen der Kapitalistischen Realisten um Sigmar Polke, Gerhard Richter und Konrad Lueg sowie die Künstlerinnen des feministischen Kollektivs A.I.R. Gallery. Mit Seth Price und der aus Debo Eilers und Kerstin Brätsch bestehende Kollaboration KAYA werden auch zeitgenössische Formen des Austauschens, der Aneignung und der sozialen wie künstlerischen Gemeinschaft präsentiert. Und schaffen nicht auch die Bilder, die gemeinsam in einer Ausstellung präsentiert werden ein soziales Netzwerk von Bildkörpern?

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Innenansicht 3 Museum Brandhorst (Untergeschoss), Mit Werken von KAYA (Debo Eilers & Kerstin Brätsch) und Matt Mullican, Foto: Haydar Koyupinar © Museum Brandhorst

Ohne Körper kann es auch keine Geste geben. Im Obergeschoss widmet sich die Ausstellung unter dem Thema „Exzentrische Figuration“ nicht nur der Frage, wie die Zirkulation der Bilder unsere Wahrnehmung der äußeren Realität beeinflusst, sondern auch die Wahrnehmung unserer Körper und den Körperbegriff in der Malerei selbst. Identitätspolitik und gesellschaftliche Realität wird mittels Bildern verhandelt, die den Körper mit einschließen und gleichzeitig ihre eigene Stofflichkeit, im Gegensatz zu den ephemeren Bildern der digitalen Screens, darstellen. Exemplarisch stehen hierfür die Figuren von Philip Guston und die Bilder von Lee Lozano und Maria Lassnig.

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Museum Brandhorst (Obergeschoss), Mit Werken von Maria Lassnig und Lee Lozano Foto: Haydar Koyupinar © Museum Brandhorst

Die große Malereiausstellung „Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ zeigt eine imponierende Auswahl von erstklassigen malerischen Positionen und verknüpft die unterschiedlichen Ansätze gekonnt zu in sich schlüssigen Narrativen. Die einzelnen Arbeiten stehen zueinander in befruchtendem Kontrast, unterschiedliche Generationen von Malern treffen aufeinander, die schiere Bandbreite der zeitgenössischen Malerei wird in dieser Ausstellung auf beeindruckende Weise sichtbar. „Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ versucht sich an einer Erweiterung des malerischen Kanons, aber einige Positionen vermisst man, der zeitliche Rahmen, der mit einem Schnitt bei 1960 einsetzt kann hinterfragt werden und auch die geographische Einschränkung auf Malerei aus den USA und West-Europa kann einer globalisierten (Kunst-)Welt eigentlich nicht gerecht werden. Dennoch, die Macher der Ausstellung stellen gewagte Behauptungen auf, werten in ihrer Auswahl bewusst und setzen so eindrückliche Statements. Sie haben sich viel vorgenommen und können auch viel davon einlösen.

Text: Quirin Brunnmeier

 

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Foto: Haydar Koyupinar, © Museum Brandhorst

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Foto: Haydar Koyupinar, © Museum Brandhorst

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Foto: Haydar Koyupinar, © Museum Brandhorst

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Foto: Haydar Koyupinar, © Museum Brandhorst

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Foto: Haydar Koyupinar, © Museum Brandhorst

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Foto: Haydar Koyupinar, © Museum Brandhorst