Review: Katarína Dubovská @ Baustelle Schaustelle, Essen

Text von Mira Anneli Naß

Der Titel Bilder über Bilder über Bilder über Bilder der aktuellen Ausstellung von Katarína Dubovská in der Baustelle Schaustelle – Raum für junge Kunst in Essen, suggeriert eine vielfache Überlagerung medialer Repräsentationen. Das ruft erwartungsgemäß Assoziationen an eine viel zu häufig beschworenem der Digitalisierung verschuldete und ängstlich konstatierte sogenannte „Bilderflut“. Soweit nichts neues, eher Floskeln des Postfotografischen, dessen künstlerische Auseinandersetzung dem abgedroschenen Kulturpublikum bereits seit Anfang der 90er Jahre bekannt ist und wohl nur ein müdes Gähnen zu entlocken vermag. Doch der schläfrige Auftaktton verfliegt im kleinen Ausstellungsraum schnell. Bühnenartig durch eine breite Fensterfront auch von Außen nahezu komplett einsehbar, drängt sich hier wider Erwarten nicht (fotografisches) Bild an Bild. Vielmehr stehen sich drei fragmentarische Arbeiten der Werkgruppe UPATEOA_hybrid (2018) dialektisch gegenüber und beziehen sich direkt auf die 9-teilige modulare Werkgruppe Unknown Plant at the Edge of the Arctic (2017/18), die im Frühjahr 2018 in der ASPN Galerie auf der Leipziger Baumwollspinnerei zu sehen war. Alle Arbeiten bestechen durch einen bildhauerischen Umgang mit dem Bild- und Ausstellungsraum und bilden zusammen ein reduziertes, diskursiv-hybrides Gefüge.

Katarína Dubovská, < Bilder über Bilder über Bilder über Bilder >, 2018. Ausstellungsansicht. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und Baustelle Schaustelle – Raum für junge Kunst Essen.

Dominiert wird die Installation von einer in den Raum hineinführenden Stirnwand, welche die Künstlerin, die von 2011 bis 2018 Fotografie und Medienkunst an der HGB Leipzig studierte und aktuell Meisterschülerin bei Peggy Buth ist, mithilfe von blauem Vinylklebeband in ein rechtwinkliges Gitternetz verwandelt. Ähnlich der gekachelten Wand eines Schwimmbads oder Labors, schafft diese Strukturierung der Wandfläche mit dem Titel Untitled (Grid) einen klinischen und sterilen Grundton, der den Ausstellungsraum als wissenschaftlichen und künstlerischen Experimentierraum charakterisiert. Kunst wird so als forschende Methode und Dubovskás Arbeiten, die hier im Zuge des Kunstpreis 2018 der Baustelle Schaustelle gezeigt werden, im Kontext einer Archäologie des (digitalen) Bildes inszeniert. Gleichzeitig erinnert diese Rasterung an eine Vergrößerung des traditionellen (mathematischen) Millimeterpapiers. Während jenes dem Auftragen von Punkten nach rechtwinkligen Koordinaten und der Bestimmung von Flächen dient, spielt Dubovská auf diese Weise mit Referenzen an die codierten Datensätze, die als Zahlenraster dem virtuellen Raum und allen in ihm befindlichen Teile und Bilder zugrunde liegt. Mehrere an diese Wand angebrachte und in den Raum ragende Zargenspanner, UPATEOA_hybrid (Image Mass, Moulded), scheinen den Diskurs um einen (Verlust von) Wirklichkeitsbezug der von (fotografischen) Medien erzeugten (instabilen) Bilder zudem stützen zu wollen. Die Künstlerin verweist hier jedoch weniger auf ein ständiges Anhaften und Wiederkehren des Referenten, als vielmehr auf die Notwendigkeit von Visualität zum Verstehen komplexer digitaler Strukturen.

An die Zargenspanner angebrachte Objekte aus weißem Kunststoff-Gemisch geben sich zudem als Negativräume von Handabdrücken zu erkennen und lassen darauf schließen, dass sich die Künstlerin hier unmittelbar körperlich in ihre Arbeit eingeschrieben hat. Über ein solcher vitalistischer Moment vermag sie eine Verbindung von Produzentin und Produkt herzustellen, die in der digitalen (Kunst- und Kultur-)Arbeit einerseits und in der vermeintlich rein mechanischen fotografischen Bildproduktion andererseits häufig unsichtbar erscheint. Rezipierende können zudem in das Material eingearbeitete Bildfragmente erahnen, die das Objekt wie eine marmorne Strukturierung durchziehen und damit an das klassische Medium traditioneller Bildhauerei erinnern. Einerseits referieren sie so an starre materielle und gesellschaftliche Strukturen im Sinne eines Gegenpols zur Fluidität des Digitalen und Virtuellen. Andererseits stellen diese Bildfragmente neben Latex und Inkjet-Tinten übriggebliebene Teile fragiler Plots dar, die – durch die Präsentation in vorherigen Ausstellungen brüchig geworden – hier in transformierter Form wieder einfließen. Über die Etymologie der Begrifflichkeit des Plots korrespondieren sie mit der Normierung des Raums, denn die Technik des Plottens meint aufzeichnen und kartieren, verweist damit wiederum auf die graphische Darstellung von Positionen und evoziert (analoge oder virtuelle) räumliche Orientierung.

Katarína Dubovská, < Bilder über Bilder über Bilder über Bilder >, 2018. Ausstellungsansicht. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und Baustelle Schaustelle – Raum für junge Kunst Essen.

Jener Installation schräg gegenüber sind zwei übereinandergelegte Digitaldrucke auf Backlightfolie ähnlich einem Röntgenbild mithilfe von Magneten an einer Metallleiste an der Wand befestigt. UPATEOA_hybrid (Soil Sample 1 / Soil Sample 2) stellt eine Zusammenkunft von diversen Bild- und Textfragmenten dar, die auf unterschiedliche Sprach- und Bildsysteme verweisen und sich wie eine kristalline Struktur in der Bildmitte formieren. Anhand aufeinander aufbauender Bilderschichten referiert die Abbildung auf hybride Bezüge und impliziert darüber hinaus eine selbstreferenzielle Repräsentation, die die Frage aufwirft, wie die einzelnen Elemente eines Bildes Bedeutung zu generieren vermögen. Die fotografische Aufnahme erweist sich somit als eine visuelle Hypothese, als ein heuristisches Instrument, das in Abhängigkeitsbeziehungen zu (Netz)Kommunikation und Datenübertragung steht. Die sich überlagernden Folien mögen damit auch auf die sogenannte Schichtenarchitektur referieren, die das Strukturierungsprinzip für die Architektur von Softwaresystemen bildet.

Katarína Dubovská, < Bilder über Bilder über Bilder über Bilder >, 2018. Ausstellungsansicht. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und Baustelle Schaustelle – Raum für junge Kunst Essen.

(Digitale) Bilder werden bei Dubovská als Werkstoff identifiziert. Im Sinne eines Konglomerats grobkörniger Bildfragmente fungieren sie als ein formbares Material unterschiedlicher Aggregatzustände, wie es auch die auf dem Boden sich häufenden Neonröhren zu bestärken vermögen. In der Arbeit UPATEOA_hybrid (Test Stripes) scheinen diese von ihrer funktionalen Dimension befreit worden zu sein: Auf ihren Oberflächen befinden sich sowohl Darstellungen und Materialproben in Form von Digitaldrucken, als auch in Schlieren auf den Röhren verlaufende lila Emulsion, die ein dezidiert malerisches und wiederholt vitalistisches Moment hervorruft. Von einem Vorschaltgerät als Energiezufuhr und Energiequelle ausgehend, fächern sich die Neonröhren jedoch wie gebündelte Datensätze in den Raum aus. Die digitale Information löst sich so in einer Art Zwischenraum in ihren materiellen Träger auf.

Über die zwar reduzierte, aber dichte Präsentation der raumgreifenden Werkgruppe erfahren Betrachtende eine beinahe körperliche Bedrängung. Mithilfe dieses performativen Moments unternimmt Katarína Dubovská den Versuch, eine künstlerische Transferleistung komplexer digitaler Strukturen in verschiedene Modi der Visualität zu leisten. Sie untersucht das Verhältnis von gemaltem und elektronischem Bild, von Gestischem und Datenmaterial; damit inszeniert sie digitale Bildwelten als reale körperliche Erfahrung, und macht sie dementsprechend auch erfahrbar.

Katarína Dubovská, < Bilder über Bilder über Bilder über Bilder >, 2018. Ausstellungsansicht. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und Baustelle Schaustelle – Raum für junge Kunst Essen.

Katarína Dubovská, < Bilder über Bilder über Bilder über Bilder >, 2018. Ausstellungsansicht. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und Baustelle Schaustelle – Raum für junge Kunst Essen.