Review: Olaf Nicolai @ Kunsthalle Bielefeld

Eine Hommage ist eine Hommage ist eine Hommage….


Mit gleich drei parallel laufenden Einzelausstellungen in Bielefeld, St. Gallen und Wien ist der aus Halle stammende Künstler Olaf Nicolai gerade vertreten. Jede der drei Ausstellungen verfügt über eine eigene kuratorische und künstlerische Schwerpunktsetzung. In der Ausstellung „Chant d’amour“ in der Kunsthalle Bielefeld dient ihm der Architekt der Kunsthalle Philip Johnson selbst als Referenzpunkt, der hier das einzige Museum in Europa realisierte. In seinen Arbeiten widmet er sich sowohl dem vor 50 Jahren entstandenen Museumsbau in Bielefeld als auch dem ikonischen und mittlerweile musealisierten Glass House in New Canaan, Connecticut. Bereits 2013 entwarf Nicolai einen Vorhang für den Vortragssaal in der Kunsthalle in den Farben des „Indian Summer“ – laut Ausstellungstext befand er sich zum Zeitpunkt der Einladung zufällig im Glass House.

Auffällig sind die fast leeren Ausstellungsräume im Obergeschoss, sodass die pure Architektur aus rotem Sandstein dominiert, die punktuell durch Nicolais Werke subtil betont wird. Den Auftakt der Ausstellung bilden drei Wände, die mit einem textilen Bezug in den Farben Beige, Blau und Rosé überspannt wurden – inspiriert durch das Gästehaus in New Canaan. Diese Farbflächen erinnern an die Farbfeldmalerei, ermöglichen dem Betrachter eine Verlangsamung der eigenen Wahrnehmung und Bewegung in der Museumsarchitektur. Mit der am Boden liegenden Arbeit „Der 673. Morgen“ (2017) – eine 136,99 Meter lange Glasperlenkette – zeichnet Nicolai den Umriss der Ausstellungsräume der Kunsthalle nach und lenkt damit den Blick nach unten auf die Oberflächenbeschaffenheit des Bodens. Jede der tischtennisballgrossen Glasperlen reflektiert das sich verändernde Licht sowie die Bewegungen der Besucher*innen.

Olaf Nicolai, Der 673. Morgen, 2017. Ausstellungsansicht Kunsthalle Bielefeld, 2018. Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018. Foto: Uwe Walter

Im April 2018 reiste der Künstler nach New Canaan um dort die Scheiben des Glass House von Philip Johnson mit Zeitungspapier zu reinigen. Fein säuberlich geglättet und haufenweise angeordnet auf einer aufgesockelten Glasscheibe, werden diese kombiniert mit Fotos, die den Künstler im Blaumann beim performativen Fensterputzen zeigen. Aus den Headlines der amerikanischen Zeitungen ergibt sich ein Seismograph unserer Zeit, aber keine weitere Lesart oder Bedeutungsebene, die sich auf den Architekten und sein Schaffen selbst bezieht. Diese Installation befindet sich in dem Ausstellungsraum mit der Glasfront, die frontal zum Skulpturenpark der Kunsthalle ausgerichtet ist. Dort steht neuerdings ein Nachbau der 8 qm großen Holzhütte, die der Architekt Le Corbusier 1954 neben seinem Wohnhaus am Cap Martin errichten ließ. Die Bielefelder Variante ist aber komplett aus transparentem Acrylglas und erscheint wie ein gläsernes Denkhaus – ein Kontrapunkt inmitten der eher figurativen Werke im Skulpturenpark.

Letztendlich trägt die titelgebende Arbeit „Chant d‘Amour“ – eine Referenz an eine Szene aus dem gleichnamigen Film (1950) von Jean Genet in sich. Die Arbeit kann in der Ausstellung leicht übersehen werden, da es sich tatsächlich um ein kleines Loch mit einem Strohhalm in einer der großen Fensterscheiben der Kunsthalle handelt. Zwei Filmstills zeigen wie sich zwei Strafgefangene über einen Strohhalm in der Wand den Rauch einer Zigarette teilen. In der Kunsthalle ergibt sich dadurch ein physischer Austausch der Luft zwischen Innen- und Außenraum – eine absurd wirkende Kontextverschiebung, die aber keine weiteren Fragen aufwirft.

Die Geste der fast leeren musealen Ausstellungsräume bietet den Rahmen für die ortsbezogenen Werke in der Manier konzeptueller Kunst und ermöglichen die Entdeckung architektonischer Details, die das Wesen des Baus entblättert. Doch es bleibt der Eindruck einer distanzierten und und damit widerspruchsfreien Auseinandersetzung mit einem bedeutenden Architekten des 21. Jahrhunderts. Das Spiel mit Referenzen und Kontextverschiebungen in Nicolais Werken verweigert sich dem Zwang der Innovation in der Kunstproduktion und macht somit auch das Ideengeschichtliche Netzwerk des Künstlers transparent.

In der Ausstellung fehlt jedoch ein Bezugspunkt in der Gegenwart, die in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit genügend anbieten würde. So könnte die Neubefragung von Architekten und ihrem Schaffen – wie etwa bei Philip Johnson und Le Corbusier – auch das heutige Verhältnis von Individuum und Bau-Gestaltung im Kontext eines urbanistischen Diskurses (mit-) verhandeln. Explizit stellt sich aber die kritische Frage nach der anhaltenden Fetischisierung von Le Corbusier in der Kunstproduktion vor dem Hintergrund seiner Sympathie für das Gedankengut der Faschisten, deren Antipathien und Utopien – in diesem konkreten Fall mit Olaf Nicolais gläserner Kopie „Baraque de Chantier“ (2003/2018) von Le Corbusier, die seit 2003 immer wieder in verschiedenen Kontexten ausgestellt wurde.

Text: Cynthia Krell

Olaf Nicolai, Baraque de Chantier, 2003/2015. Ausstellungsansicht Kunsthalle Bielefeld 2018. Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018. Foto: Uwe Walter