Review: Open Source Festival 2018

Einmal wie Juergen Teller sein, denke ich mir, und spaziere vom Festivalgelände auf der Galopprennbahn hinüber in den Wildpark. Dort gibt es Wildschweine. Teller hat einst eine Wildschweinmutter fotografiert, und da ich in naher Zukunft wohl weder Charlotte Rampling, noch Vivienne Westwood und noch weniger Kim Kardashian und Kanye West vor die Kamera bekomme, ist das eine okaye Option. Der Wildpark wurde mir außerdem wärmstens als eine Top Sehenswürdigkeit im Grafenberger Wald empfohlen.

Während ich also gemütlich durch den Wald schlendere, steht sozusagen hinter mir auf der Bühne als einer der Hauptacts beim Open Source Festival in Düsseldorf das Hip-Hop-Duo Zugezogen Maskulin; die – nach eigener Aussage – überinterpretierten Feuilletonrapper, die die Antithese zu Haftbefehl zu sein scheinen. Klug, politisch und mit ihrer Meinung immer auf der richtigen Seite. „Mit seinem zweiten Album Alles brennt bezieht das Duo Zugezogen Maskulin, bestehend aus den Kunstfiguren Grim104 und Testo, Stellung als schlechtes Gewissen des deutschen Rap. Die aktuell beliebte These, populäre Musik habe ihre subversive Sprengkraft als Protestmedium verloren, widerlegen Wilken und Bolz mit einer Galavorstellung des Dagegenseins“, war in der Zeit zu lesen. In Interviews wundern sie sich selbst über ihren Status als Kritikerliebling, geschmeichelt fühlen sie sich natürlich trotzdem.

Der Bass wummert, ich wundere mich derweil, warum ich ausgerechnet jetzt auf Fotosafari gehe und bevor mir die Antwort kommt, stehe ich auch schon vor einem glücklich mit dem Schwanz wedelnden Wildschwein. Sein Kiefer malmt, sein Schwanz wedelt und wedelt, während es in der Sonne steht und von den Wildparkbesucher*innen gefüttert wird. Schnell mache ich ein Foto, gehe hinüber zu den Frischlingen und bevor ich noch ein Foto machen kann, klingelt mein Telefon.

Es geht um nicht weniger als meine Zukunft. Für das Gespräch fühle ich mich gut gerüstet. Nachdem ich gestern Richard David Precht auf einer der Bühnen beim Congress des Open Source Festival habe granteln hören, glaube ich zu wissen, welche Plattitüden in Gesprächen zum Thema Zukunft der Arbeit dringlichst gemieden werden sollten. Früher ging es, so der Bestseller-Philosoph, um Sicherheit und eine sichere Pension, heute geht es bei der Arbeitssuche um eine sinnstiftende Tätigkeit, die Glück verspricht. Monotone Erwerbsarbeit, war einmal, heute möchte man selbst in der Arbeit vorkommen, einen Mittelklasse-Wagen, den braucht man nicht mehr. Me-Time, Avocado-Toast, Fixie, that’s it. Zugegeben, Letzteres habe ich mir ausgedacht. Vielleicht habe ich auch einfach nur zu viel Zugezogen Maskulin gehört, denen ich jetzt eiligen Schrittes entgegeneile.

„Früher dachte man, die Zukunft bringt uns Arbeit, Brot und Frieden
Und Autos können fliegen, Robosklaven, freie Liebe
Doch stattdessen drehen sich die Interessen junger Menschen
Nur um Craftbier, selbstgemachte Burger aufzufressen
Alles ist zum Kotzen, Mittelmaß, wohin man sieht“, so die Deutschrapper in „Was für eine Zeit“.

Und dann stehen sie da, auf einer Bühne mitten auf der Düsseldorfer Galopprennbahn zwischen Craftbierständen und Burgerbratern – sogar im Backstagebereich gibt es Burger mit Pulled Pork. Das Open Source Festival ist eine Veranstaltung, die vom Hipsterpublikum lebt, das Zugezogen Maskulin nur zu gern durch den Kakao zieht. Einen Tag geht es hinaus aus der Stadt hinauf auf den Hügel in den Wald. Der Düsseldorfer sagt, ganz Düsseldorf sei an diesem Tag auf der Galopprennbahn. Der Nicht-Düsseldorfer denkt: „Voll hier trotz Hitze.“ Die Veranstalter machen also alles richtig und haben noch dazu die richtigen Hauptacts mit Zugezogen Maskulin, Cigarettes After Sex, Joan As Police Woman, Mykki Blanco und natürlich Tocotronic.

Die Musik steht dabei nicht einmal im Vordergrund. Sie ist eine Zutat, die neben Food und Kunst nicht untergeht, weil sie allgegenwärtig ist. Das Open Source Festival kann ganz unterschiedlich konsumiert werden, je nach Geschmack. Für die Hungrigen ist es ein Street Food Market, für die Tänzer ist es ein Musikfestival, für die Kunstinteressierten ist es eine Outdoor-Ausstellung. Schlendernd geht es durch den Tag, von Bühne zu Ständen, von Kunst zu Pizza und zurück zu einer der Bühnen. Da macht es auch nicht viel, wenn einer der Acts wie Cigarettes After Sex eigentlich tatsächlich liegend in einer Ruhephase voller Glückseligkeit gehört werden wollen und sie folglich – vermutlich versehentlich – sehr gekonnt die Ränge so gut wie leer spielen. Lass mal Bier holen oder Kunst gucken! Das sagt sich hier oben schnell, weil man weiß, irgendwo anders, da geht auf jeden Fall noch was.

Die Kunst ist für den, der nichts von ihrer Präsenz beim Festival weiß, kaum als solche auszumachen. „i pretend i belong“ heißt die Präsentation der Studierenden der Kunsthochschule für Medien unter der Leitung von Mischa Kuball, Professor für Public Art. Oben auf dem Dach der Tribünen wehen drei silberne Flaggen, die ihre Umgebung wortwörtlich reflektieren. Beim Rundgang mit der internationalen Journalistengruppe sagt die Künstlerin Yvonne Klasen über ihre Installation hier: „Die Fahnen sind keiner bestimmten Symbolik verhaftet: sie hinterfragen die Bedeutung von Zeichenhaftigkeit und Identität.“ Endlich einmal machen Fähnchen dem Sprichwort „wie ein Fähnchen im Wind“ alle Ehre. 

In einem Zelt stehen Duftspender, 10 Stück an der Zahl, die in regelmäßigen Abständen Waldgeruch ausströmen. „So entsteht im Laufe der Ausstellungsdauer eine Duftskulptur, die Freiheit und Natur verspricht“, sagt die Künstlerin Susan Helen Miller über ihre Arbeit Spaziergang im Morgenduft. Und jetzt weiß ich auch endlich wieder, warum es mich hinaus in den Wald zu den Wildschweinen getrieben hat. Mir war urplötzlich nach echtem Waldgeruch, ich war der Illusion überdrüssig und der Wald so nah. Kunst mit einem Call to Action, das ist vielleicht nicht das Schlechteste.

Generell läuft hier allerdings die Kunst ob ihrer Beiläufigkeit Gefahr mit dem übernervigen Satz „Ist das Kunst oder kann das weg?“ vom klassischen Festivalpublikum abgetan zu werden. Zu leicht lässt sie sich als solche übersehen und nicht verstehen.

Das Festivalpublikum derweil wartete zum Großteil sehnlichst auf den Auftritt von Tocotronic. Cigarettes after Sex haben das Publikum runtergeholt, die Hamburger Ikonen konnten da nicht mehr viel falsch machen – und Mykki Blanco hatte, während sie auf der Hauptbühne aufbauten, seinen Teil auf einer der Nebenbühnen dazu beigetragen, die Zuschauer wieder in Stimmung zu bringen.

Dirk von Lowtzow erinnerte irgendwann auf der Bühne an das 25-jährige Bestehen der Band, ich fühle mich plötzlich sehr alt, auch weil ich weit oben auf der Tribüne sitze und mich über die Klassiker freue. Tocotronic scheinen auch nicht mehr die Jüngsten zu sein, oder ich habe sie in letzter Zeit zu wenig auf Tour gesehen, jedenfalls erinnerte die zweite Hälfte des Sets mit seiner Gemütlichkeit und Glückseligkeit im Spiel an Cigarettes after Sex. Es sei ihnen bei der Hitze verziehen, dass sie auf einen schwungvolleren Abschluss mit zwei bis drei Hits mehr verzichteten. Wer nach 25 Jahren noch so viel Liebe für sein Publikum hat, der darf auch ins Bett wollen.

Text: Anika Meier