Rinnzekete bee bee nnz krr müü

Leda Bourgogne / Ryan Cullen / Diogo Duda / Beate Engl / FORT / Andy Holden / Daniel Kemeny / Ulrike Königshofer / Tobias Krämer / Hanne Lippard / Isabell Ratzinger 

Internationale künstlerische Positionen voller Witz und Ironie verweisen auf die politische und soziale Situation des Umbruchs in der aktuellen gesellschaftlichen Ordnung. Dabei verblüffen sie in ihrer Grundidee durch offensichtliche Parallelitäten zu künstlerischen Tendenzen wie Dada und deren unmittelbare Reaktion auf die Werteverschiebung nach dem Ende des ersten Weltkrieges vor 100 Jahren.

Rinnzekete bee bee nnz krr müü – der Titel der Ausstellung entstammt der Ursonate von Kurt Schwitters. Nur aus einzelnen Lauten bestehend ist das Gedicht ein Sinnbild für die Destruktion vorherrschender Sinngebung und bürgerlicher Ordnung um 1918. Sowohl methodisch als auch onomatopoetisch verweist der Titel auf die den ausgewählten künstlerischen Positionen inhärenten Mechanismen. Wie in der Umbruchphase nach dem ersten Weltkrieg befinden wir uns aktuell in einem gesellschaftlichen und politischen Spannungsfeld der Infragestellung oder sogar Ablehnung bislang geltender Wertesysteme. Entsprechend zeigen sich in den Arbeitsweisen und Motiven der gezeigten Werke deutliche Parallelen zur Kunstbewegung Dada. Hier wurde das Kunstwerk im herkömmlichen Sinne negiert und traditionelle Kunstformen ironisch bis satirisch weiterentwickelt. Damals wie heute werden Alltagsgegenstände in der Konsequenz durch menschliche Eingriffe von ihren ursprünglichen Aufgaben befreit. Komik wird zum Mittel, scheinbar Unbegreifliches zu verarbeiten.

Aktuelle regionale sowie internationale Positionen begegnen sich im Parcours der Ausstellung und verbinden Skulptur, Video und Installationen. Gemeinsam hinterfragen sie auf subtile Weise als Realität verstandene Mechanismen und Systeme. Automaten, Readymades oder Objets trouvés, die ihrer ursprünglichen Funktion enthoben wurden, gehen nun zielstrebig ihrer sinnlosen Aufgabe nach. Der Gegenstandszweck wird negiert und schließlich ganz ad absurdum geführt. Scheinbar Bekanntes wird mit immanenten Paradoxien und Widersprüche konfrontiert und verunsichert den Betrachter. Mit Humor werden gesellschaftliche Zwänge, Bürokratie und Effizienz durch Zweckentfremdung ihrer repräsentativen Symbole ironisiert.

Während die künstlerischen Arbeiten vor hundert Jahren überwiegend als satirische bis geradezu unsinnige Parodien der etablierten Kunst entstanden, wachsen die hier gezeigten Arbeiten vielmehr über eine offensichtliche Unsinnigkeit hinaus. Gesellschaftliche und politische Missstände werden nicht unmittelbar und laut angegriffen, stattdessen wird eine durch den Zeitgeist ausgelöste gesellschaftliche Stimmung über intellektuelle Transfers angestimmt. So übernimmt beispielsweise das maschinelle Element, reduziert auf seine rudimentäre offensichtliche Mechanik, nicht die Funktion, Unbehagen im Hinblick auf eine drohende Substitution des Menschen auszulösen. Es wird vielmehr zum Repräsentanten der eindeutig menschlichen Urheberschaft. In den verschiedenen Arbeiten wiederkehrende Motive und ästhetische Mittel wie Endlosschleifen, kreisende Bewegungen, Monotonie und Wiederholung verweisen auf reale Lebensumstände. Zugleich kommt beispielsweise durch den bewussten Einsatz von Lowtech und den Verweis auf die Natur und physikalische Phänomene als Kunstproduzenten eine idealisierende Sehnsucht und Nostalgie nach „der guten alten Zeit“ zum Ausdruck, die parallel in der aktuellen sozialen und politischen Ausrichtung der Gesellschaft als Gegenpol zu ständigem neoliberalen Fortschrittsstreben und Wandel anzutreffen ist.

Nassauischer Kunstverein Wiesbaden
Wilhelmstraße 15
65185 Wiesbaden